Montag, 7. Oktober 2013

Zu volle Boote


Nein, in Deutschland hat man kein prinzipielles Problem mit Flüchtlingen. Man muss gar nicht lang zurückblicken, um das zu verdeutlichen. Da gab es einmal zwei deutsche Staaten. Die Älteren werden sich erinnern: Der kleinere von beiden hatte sich eingemauert und versuchte seine Bewohner mit allerlei technischem Aufwand von der Ausreise in den größeren abzuhalten. Die Grenze war hermetisch abgeriegelt und wer erwischt wurde, durfte nicht damit rechnen zu überleben. Die es aber schafften, der DDR und deren Apparatschiks zu entrinnen, oft unter Einsatz ihres Lebens, wurden von den westlichen Medien wie Helden gefeiert. Und die ihnen dabei halfen, oft ebenfalls mit beträchtlichem Risiko, wurden nicht als kriminelle Schleuser denunziert, sondern hießen Fluchthelfer und bekamen Bundesverdienstkreuze für ihren Mut. Die auf der Strecke blieben, wurden betrauert und es wird ihrer bis heute gedacht.

Stellten DDR-Flüchtlinge jemals eine Bedrohung dar für unseren Wohlstand? Nein, im Gegenteil, man fasste ihre Flucht sogar als Kompliment auf. Unverhohlener Stolz schwang da mit, dass sie unbedingt in den freien Westen wollten. Dorthin, wo die Schaufenster voll waren, man sich den Studien- und Arbeitsplatz frei wählen konnte, die Künstler weitgehend unbehelligt arbeiten konnten und wo es erlaubt war, in exotischen Ländern Urlaub zu machen. Man kann also wahrlich nicht behaupten, dass der Deutsche und seine Medien pauschal etwas gegen Flüchtlinge hätten.

Weil Flüchtling aber noch nie gleich Flüchtling war, wurde seit dem Fall der Grenzen zu Beginn der Neunziger die Angst hochgekocht vor dem Ansturm der Horden fremdländischer Asylanten. Man begann zu unterscheiden zwischen politisch Verfolgten einerseits, einer Art Edelflüchtlinge, und Wirtschaftsflüchtlingen andererseits. Die kamen bloß aus niederen Motiven angeschissen, hieß es, die wollten nur an unserem schönen Wohlstand teilhaben und billig Sozialleistungen abgreifen. Die galt es mit allen Mitteln von den Grenzen Europas fernzuhalten. Denn die brave, sich so fleißig dünkende Mittelschicht begann schon damals die Konkurrenz der billigen polnischen Wanderarbeiter zu fürchten. Dagegen war wenig zu machen, aber die Angst vor dem Ansturm aus Afrika ließ sich zum idealen Popanz aufblasen, um Überfremdungsängste zu kanalisieren.

"Das Boot ist voll!", lautete der häufigste Slogan – was für eine Ironie angesichts der jüngsten Ereignisse! Man müsste lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Wie überhaupt die Sprache so herrlich verräterisch sein kann. Von "Schwemme" war damals nämlich auch oft die Rede.

Auf den Gedanken, dass solche Flüchtlingsströme eine systemimmante Folge unseres geliebten Kapitalismus, jener segensreichen freien Märkte sein könnten, die, wo immer sie herrschen, die Menschen spalten in Gewinner und Verlierer, in Ausbeuter und Ausgebeutete, auf diesen Gedanken scheint niemand zu kommen. Und wenn doch, dann ist das Sozialromantik. Gutmenschentum. Schließlich haben ja auch die Afrikaner es in der Hand, wettbewerbsfähig zu werden und sich so schönen Wohlstand zu erarbeiten wie wir. Uns wurde doch auch nichts geschenkt.

Auch auf den Gedanken, dass Menschen wie die Toten von Lampedusa ein solches Wagnis nicht auf sich genommen haben, weil sie zuvor kühl durchkalkuliert hatten, was sie wo an Sozialhilfe kriegen und wie sie möglichst schnell an den neuesten Flachbildschirm auf Kosten der Steuerzahler kommen können, scheint bei vielen nicht gerade weit oben auf dem Zettel zu stehen. Menschen wie die, die sich auf diesen halsbrecherischen Weg übers Meer machen, tun das, weil sie so verzweifelt sind, dass sie glauben, etwas Besseres als den Tod fänden sie allemal. Weil ihnen ihr Überleben fast schon egal ist, wenn sie nur eine minimale Chance sehen, irgendwo anders irgendwie unterzukommen.

Europas Berliner Mauer heißt längst Mittelmeer. Wir brauchen keine bewaffneten Grenzposten mit Scharfschützenabzeichen und mannscharfen Schäferhunden mehr, weder Selbstschussanlagen noch im sorgsam geharkten Todesstreifen vergrabene Antipersonenminen. Die See nimmt uns einen Teil der Arbeit ab. Und die Skrupellosigkeit der Schleuser, die ihre kaum schwimmfähigen Boote so voll laden mit menschlicher Fracht, dass eine kleine Welle genügt, um sie zum Kentern zu bringen. Die Schleuser ihrerseits sind meist selbst bitter arm oder geschurigelt vom organisierten Verbrechen. Oder sie sind tatsächlich Elendsgewinnler, die aber keine Profite machen würden, wenn die Verhältnisse nicht so zum Himmel schreien würden. Den Rest erledigen dann Drittstaatenregelung und Dublin II. Europas Todesstreifen sind jene Gesetze, die es so gut wie unmöglich machen, auf legalem Wege nach Europa zu gelangen und Lampedusa ist zu Europas Ellis Island des Grauens geworden.

Sicher kann man darauf hinweisen, dass es afrikanische Regimes gibt, die zynisch genug sind, heilfroh zu sein, wenn möglichst viele überflüssige Esser das Land verlassen und Tragödien wie die von Lampedusa achselzuckend hinnehmen. Aber kann das eine Rechtfertigung sein, Menschen einfach weiter absaufen zu lassen? Auch tausend Tote mehr werden solche Drecksdiktatoren nicht umstimmen. Es kann nur eine Antwort geben: Wir müssen aufhören, Elendsflüchtlinge ausschließlich als Gefahr wahrzunehmen und anfangen, solche Migrationsbewegungen als etwas Normales zu akzeptieren, als etwas, das sich so wenig bekämpfen lässt wie man einen Krieg gegen Drogen gewinnen kann. Dann, und nur dann gibt es eine Chance, dass es wieder ein wenig menschlicher zugehen kann.

Die Krokodilstränen aber, die jetzt vergossen werden, sie sind erbärmlich. Sie werden vor allem vergossen von Leuten, die seit Jahren um das Drama wissen, das sich im Mare Nostrum ein ums andere Mal abspielt. Sie werden vergossen von Leuten, denen nicht die Frage einfällt, wie man diesen Menschen helfen kann, sondern als erste die, wie sich Schleuserkriminalität besser bekämpfen lässt. Muss man wirklich erst mit dem abgeschmackten Vergleich kommen vom Arzt, der gut daran tut, die Ursache einer Krankheit zu bekämpfen und nicht an den Symptomen herumzudoktorn, damit solche Leute kapieren, dass auch die bösen Schleuser nicht die eigentlich Schuldigen sind?

Knapp 20.000 Flüchtlinge sind in den letzten zwanzig Jahren im Mittelmeer ertrunken. In Europa feiert man sich gern dafür, ein Hort der Menschlichkeit und die Wiege der Zivilisation zu sein. Dumm aber auch, wenn so viele das auf einmal ernst nehmen.


Kommentare :

  1. Schließlich haben ja auch die Afrikaner es in der Hand, wettbewerbsfähig zu werden und sich so schönen Wohlstand zu erarbeiten wie wir. Uns wurde doch auch nichts geschenkt.

    Dabei unterschlägt man gern, dass Europa jahrhundertelang Rohstoffe verschiedener Art aus Afrika (und Asien und Südamerika) abgezogen hat, die Bevölkerung nach Kräften arm und dumm gehalten und ausgebeutet hat. Dass man dann die Kolonien in Afrika teils abrupt und unvorbereitet in die Unabhängigkeit entlassen hat. Dass in vielen Fällen den dann unabhängigen Staaten mit ihren teilweise absurden Grenzen nach dem Abzug der Kolonialherren qualifiziertes Personal für fast alles (Verwaltung, medizinische Versorgung, Bildung) erstmal fehlte. Dass afrikanische Länder durch den binneneuropäischen Protektionismus lange Zeit kaum Zugang zum europäischen Markt hatten.

    Entwicklungshilfe scheint Abhängigkeiten zu schaffen oder zu verstärken. Hilfe zur Selbsthilfe findet viel zu wenig statt. Fördergelder stützen allzuoft korrupte Kleptokraten, bei den einfachen Leuten kommt oft nichts an.

    Europa hat Afrika lange Zeit alle nur denkbaren Knüppel zwischen die Beine geworfen. Da ist es ausgesprochen zynisch, jetzt ausgerechnet mit diesem Argument zu kommen: Sie könnten sich ja auch am Riemen reißen und in ihren Ländern Wohlstand für alle schaffen. Damit macht man es sich zu einfach.

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  2. Gebe dir völlig recht, gnaddrig. Ich weise aber - nur sicherheitshalber - darauf hin, dass die von dir zitierte Meinung keineswegs meine ist.

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    1. Das war mir schon klar. Wenn das Deine Meinung wäre, würde der ganze Artikel keinen Sinn machen, bzw. er hätte auf "Ausländer raus" hinauslaufen müssen, was er ja nun eher nicht tut.

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