Freitag, 22. November 2013

Das Fundstück: Ups, falscher Mozart!


Nicht nur in der populären Musik, auch im so genannten klassischen Konzertbetrieb ist es nichts ungewöhnliches, dass ein Konzert vorher lediglich telefonisch oder sonstwie abgesprochen wird, vor allem, wenn es um oft gespielte Repertoirestücke geht. Das Orchester bereitet sich vor, der Solist tut das gleiche, man reist an, spielt die Nummer einmal zusammen in einer Generalprobe durch und fertig ist der Lack. Keine große Sache. Auch in der oft so erhaben sich gebenden Welt der E-Musik herrschen hinter der befrackten Fassade viel grauer Alltag und Routine. Unangenehm, aber auch sehr interessant kann es werden, wenn die akribisch geplanten Abläufe plötzlich aus der Spur geraten. Zum Beispiel, wenn sich bei der Generalprobe herausstellt, dass das Orchester ein anderes Stück einstudiert hat als der Solist. So ist es 1998 der Pianistin Maria João Pires und dem Dirigenten Riccardo Chailly bei einer öffentlichen Generalprobe mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam passiert. Das Orchester hatte Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466 einstudiert, Pires aber offensichtlich ein anderes.


Es heißt, die beiden seien gut befreundet. Wenn das so ist, dann kann es natürlich sein, dass die Sache ein abgekartetes Spiel war. Oder dass der als humorvoll geltende Chailly sehr wohl wusste, was er tat und die gute Freundin ein wenig hochnehmen wollte. Frank Scheffer hat diese Episode 1999 im Film festgehalten. Vielleicht ist es voyeuristisch, mit der Kamera so gnadenlos draufzuhalten, wie ein Mensch derart sichtlich in Nöten ist. Aber miterleben zu können, wie Pires sich, zunächst starr vor Schreck, während des zum Glück längeren Orchestervorspiels schließlich, freundlich animiert von Chailly, dazu durchringt, ihren Part aus dem Gedächtnis zu spielen, und wie dann, nach zwei, drei noch ganz leicht unsicher und tastend wirkenden Takten, die Läufe zu perlen beginnen, fasziniert zutiefst und ist großes, berührendes Kino. Wie viele andere hätten in so einer Situation den Bettel hingeworfen, herumkrakeelt und gemeint, so könnten sie nicht arbeiten? Weil Pires in einer Liga spielt, in der sie sich problemlos hätte leisten können, ein Konzert platzen zu lassen: Hut ab vor so viel Rückgrat und Mut. Vielleicht war auch mächtig Wut im Bauch dabei.


Nachtrag: Zurück in die Niederungen der Politik

Bei Doctor's Gedanken ist heute die von Inge Hannemann initiierte e-Petition beim Deutschen Bundestag zur Abschaffung der Hartz-IV-Sanktionen verlinkt. Dem Aufruf, die Petion mitzuzeichnen, schließe ich mich gern an und gebe ihn hiermit weiter. Mehr Informationen auf Altona bloggt.



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