Sonntag, 3. November 2013

Der Heilige der Kulturmasochisten


"Als Mario Barth als kleiner Junge gesagt hat: "Ich werde Komiker.", haben alle gelacht. Heute lacht keiner mehr." (stupidedia)

"Rether löst in mir spontane Aversionen aus, die zum Teil bestimmt durch seine Haarfrisur bedingt sind, aber zum größeren Teil durch seine passiv-aggressive Art: dieses Geklimper am Klavier! So machen Kinder mit ADS auf sich aufmerksam. Diese leise Stimme, die einen zwingt, ganz genau zuzuhören! Dieser völlige Witzverzicht, der die Bedeutsamkeit seiner Moralpredigten noch steigern soll! Daß Leute bereit sind, sich solche Vorträge zur Unterhaltung und für Geld anzuhören, ist mir absolut rätselhaft." (Oliver Nagel)
Mario Barth nicht zu mögen, ist weniger Geschmackssache, sondern eine Frage des Anstands. So angebracht es ist, sich über ihn zu mokieren, so einfach ist es aber auch. Das Wirken dieses Mannes vereint alles, was am deutschen Mittelmaß-Spießer hassenswert ist: Eine Schnauze, deren Größe sich antiproportional zu der des Geistes verhält, völlige Ironiefreiheit, latente Brutalität, Hinterhältigkeit, und vor allem, sich in einer Tour auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren können, gewaltig einen runterholen. Wie gesagt, für alle, die den Glauben an so etwas wie Zivilisation noch nicht völlig aufgegeben haben, ist es geradezu eine Pflicht, diesen frauenfeindlichen, zappelnden Stadionvollmacher mit dem Sprung in der Platte zutiefst abzulehnen. Dass er sagenhaft erfolgreich ist mit dem, was er von sich gibt, ist im Übrigen kein Gegenargument, sondern, wie jede SPIEGEL-Bestsellerliste, lediglich ein handfester Beweis dafür, dass Erfolg absolut nichts zu tun haben muss mit der Qualität des Gebotenen. Schwieriger kann es hingegen werden, in gewissen Kreisen zu bekennen, dass einem zum Beispiel Hagen Rether gewaltig auf die Eier geht. Denn der Hagen, der ist doch einer von den Guten, der ist doch einer von uns. Der hat doch immer so recht.

Inhaltlich hat Hagen Rether in der Tat mit etlichem, was er sagt, recht. Darum geht es aber weniger, denn es ist mehr ein Gefühl, das ihn mir so schwer erträglich macht und jedes Mal einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Es kann freilich an mir liegen, aber irgendwie glaube ich immer, dass es ihm vor allem darum geht, auf eitle Weise sein Leiden an der Schlechtigkeit der Welt öffentlich auszubreiten, sich selbst als Idealmensch zu inszenieren und allen, die diesen turmhohen Standards nicht entsprechen wollen oder können, ein schlechtes Gewissen zu machen. Nur, wenn alle so leben wie der Heilige Hagen - vegetarisch, achtsam, ökologisch korrekt, moralisch untadelig - dann hat der Planet noch eine Chance. Dabei umgibt er sich mit einer Aura des quasi Sakralen, die keinen Widerspruch zulässt. Die meisten seiner Kabrarettisten- / Komikerkollegen würden so was vermutlich irgendwie ironisieren, der humorfreie Rether aber meint alles, was er sagt, bitter ernst und das ist das Problem. Manchmal glaube ich, der bezopfte Klimperhannes denkt andauernd: So, ihr ignoranten Spacken, habe ich euch wieder richtig ein paar eingeschenkt und ihr Idioten habt auch noch gelacht über eure eigene Blödigkeit. Und wenn ihr wieder draußen seid, dann macht ihr weiter wie immer. Gleich gibt’s noch Döner oder Bratwurst. Ihr seid so doof. Und so verführbar.

Es ist ja weiß Gott alles andere als falsch, westliche Menschen zu ermuntern, über die Auswirkungen unseres westlichen Lebensstils nachzudenken, im Gegenteil. Weil Rether aber nicht nur von Humor frei scheint, sondern auch von Selbstzweifeln, schreckt er noch nicht einmal davor zurück, in charakteristisch nonchalantem Plauderton allen Ernstes eine "Ökodiktatur" zu fordern. So siehst du aus, Zopferl! Man kennt diese unentspannten Zwangscharaktere aus verschiedenen Nischen des politischen Spektrums, in puncto Weltrettung verstärkt aus dem Umfeld der Grünen: Wenn sie ihre grandiosen Ideen mit Argumenten nicht durchzusetzen können, ist ihr Demokratieverständnis schnell am Ende. Dann schreien sie nach staatlichem Zwang und drakonischen Maßnahmen. Dabei erinnern sie an einen Vater, der, während er sein Kind verprügelt, sagt: Das geschieht alles nur zu deinem Besten! Nach Diktatur schreien die, die Unterdrückung für ein legitimes Mittel der Politik halten und Lust am Schurigeln haben. Aber Diktatur gibt es nicht in nett, nirgends. So sehr der verdiente Bedeutungsverlust der Ego-Truppe FDP ein Grund zur Freude ist, so wenig klug ist es, gleich alle Reste von Liberalismus mit in die Tonne zu treten.

Bleibt die Frage, warum so viele Leute sich so was antun. In 'Asterix und der Kupferkessel' gibt es diese wunderbare Szene mit der durchgeknallten Theatergruppe und ihrem Impresario Eleonoradus. Die Truppe macht etwas, das man anarchisches Improvisationstheater nennen könnte. Man lässt absurde Forderungen vom Stapel ("Orgien! Orgien! Wir wollen Orgien!") und beschimpft kräftig das Publikum ("Ihr seid häßlich! Wir alle sind häßlich, aber weniger häßlich als Ihr!"). Ein paar aufgedonnerte feine Damen im Parkett nicht etwa empört, sondern ganz begeistert: "Kaum zu ertragen, so wahr ist es." Kein Zweifel, Goscinny und Uderzo müssen Hagen Rether gekannt haben. Oder sie waren einfach nur bestens vertraut mit der Comédie humaine.

Wenn bei Mario Barth eine Menge Frauen im Stadion sitzen, die sich über seine abgestandenen Herrenwitze und misogynen Ergüsse schier einnässen mögen, dann lässt sich das eigentlich nur erklären mit einem Schuss Masochismus, einer mehr oder minder klammheimlichen Lust, ertappt und zurecht gewiesen zu werden. Bei Rether ist es ähnlich, nur mit Abitur. Lachend lassen sie seine mit Barmusik unterlegten Endlospredigten über sich ergehen, fühlen sich maximal fünf Minuten lang betroffen und das war's dann.



Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen