Sonntag, 17. November 2013

Der Präsident, der Bischof und die Medien


Man hat es tatsächlich geschafft, etwas zu finden, mit dem man Ex-Bundespräsident Christian Wulff juristisch am Zeug flicken kann. Vorteilsannahme im Wert von 753,90 Euro, so heißt es in der Klageschrift. Jede kleinere Hochzeitsfeier ist deutlich teurer. Wenn Wulff ein Rückgrat hätte, ein gewisse Souveränität, dann würde er sagen: Leute, das ist mir echt zu dämlich hier. Er würde einen Scheck über diese Summe plus der Kosten des Verfahrens auf den Tisch legen und den Saal verlassen. Noch Fragen? Danke. Es sagt einiges aus über ihn, dass er diese Bagatelle allen Ernstes als Podium dafür zu nutzen gedenkt, seine Ehre wieder herzustellen. Unentspannte Kleinbürger neigen dazu, es zwanghaft immer allen zeigen zu wollen. Aber wenn's ihm hilft, bittesehr. Das Verfahren gegen Wulff lenkt auch den Blick auf den momentan beurlaubten Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, denn es offenbaren sich bei näherer Betrachtung durchaus Parallelen zwischen beiden, vor allem im Hinblick auf die Rolle, die die Medien gespielt haben.

Beide, Wulff und Tebartz-van Elst, haben zweifellos Fehler gemacht, die ihnen vermutlich zu recht den Job gekostet haben. Vor allem haben beide auch in entscheidenden Momenten höchst ungeschickt agiert, indem sie versuchten, sich mittels Lügen und Tricksen aus der Affäre zu ziehen und die Öffentlichkeit zu täuschen. Ferner haben beide es an Sensibilität mangeln lassen in Bezug darauf, was geht und was nicht. Vielleicht könnten sie aber heute noch im Amt sein, wenn sie bei den ersten Vorwürfen gleich mit offenen Karten gespielt hätten. Und schließlich verpassten beide den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt, weil sie sich zu lange im Recht sahen und machten damit alles noch schlimmer. Es ist ja nicht unbedingt eine Verschwörungstheorie, wenn man behauptet, dass kaum jemand, der in diesem Land im Licht der Öffentlichkeit steht, noch eine Chance hat, wenn Springer einmal den Daumen gesenkt hat.

Beide waren irgendwann an einem Punkt angelangt, an dem sie nur noch alles falsch machen konnten, ganz gleich was sie gesagt oder getan haben. Natürlich haben sie, wie gesagt, einiges selbst dazu beigetragen, dass es so gekommen ist und sie sind keineswegs die unschuldigen Opfer von Hetzkampagnen oder gar Hexenjagden, zu denen sie sich zeitweise stilisiert haben. Vielmehr sind sie Opfer ihrer selbst geworden. Übermäßiges Mitleid ist auch fehl am Platze, denn im Vergleich zu Menschen, die ihre berufliche Existenz wegen einer gemopsten Frikadelle verloren haben, fällt Wulff mit 20.000 Euro Ehrensold pro Monat einigermaßen weich. Auch Mutter Kirche wird ihr architektonisch ambitioniertes Oberschäfchen sicher nicht verhungern lassen.

Die wichtigste Gemeinsamkeit aber ist, dass beide nicht wirklich zu den Mächtigen zählen. Der deutsche Bundespräsident hat keinerlei exekutive und judikative Befugnisse und nur minimale legislative, weil er das theoretische Recht hat, Gesetzen seine Unterschrift zu verweigern. Ansonsten ist seine Rolle eine vorwiegend protokollarische, sein Einfluss eher informell. Macht er seine Sache gut, dann hat er die Chance, mehr als ein besserer Frühstücksdirektor zu sein und kann hoffen, dass sein Wort Gewicht hat. Macht er seine Sache schlecht, dann wird seine Amtszeit nach ein paar Jahren zu einer Fußnote oder bleibt als unfreiwilliges komödiantisches Talent in Erinnerung.

Ein katholischer Bischof mag einen gewissen Zugang haben zu den Mächtigen des Landes, er wird eingeladen zu offiziellen Anlässen, sitzt hier und da auch mit am Tisch, doch Macht im eigentlichen Sinne hat er noch weniger als ein Bundespräsident. Erst recht nicht in Zeiten, in denen die Katholische Kirche immer mehr zu einer Minderheitenveranstaltung wird. Dass er kaum Macht hat, ist im Übrigen nicht schlimm, da er nicht von seinem Volk abgewählt werden kann. Macht er seine Sache gut, dann hat auch er die Chance, geachtet und gehört zu werden, die Menschen zu erreichen. Macht er seine Sache schlecht, dann ist er entweder bald vergessen oder er macht sich zur Lachnummer.

Kurz: Der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland und der Chef eines mittelgroßen deutschen Bistums, das gerade einmal knapp 200 Jahre alt ist, mögen vielleicht Personen des öffentlichen Lebens sein, Honoratioren hat man das einmal genannt, sie aber zu den Mächtigen zu zählen, die maßgeblichen Einfluss auf die Geschicke der Menschen haben, wäre doch arg hoch gegriffen. Es ist wichtig, sich das klar zu machen, wenn man sich die Rolle ansieht, die die Medien in beiden Fällen gespielt haben.

Die Medien haben die Fälle Wulffs und Tebartz-van Elsts auch dazu genutzt, ihre Kontrollfunktion als vierte Gewalt zu demonstrieren, ihre Fähigkeit, Mächtige in die Enge zu treiben und maßgeblich daran mitzuwirken, sie aus dem Amt zu jagen. Vor allem bei Wulff trommelten sich nicht wenige Blätter und Organe hinterher gewaltig auf die Brust. So beruhigend es sein mag, eine funktionierende vierte Gewalt im Staate zu wissen, der Ex-Bundesgrüßonkel und der Bischof waren vergleichsweise leichte Opfer. Tebartz-van Elst hatte es sich schon zuvor mit vielen in seinem Bistum verscherzt und am Schluss auch den Rückhalt der Bischofskonferenz verloren. Auch Wulff stand am Ende ohne jede politische Unterstützung da. Wohl nicht zuletzt auch, um von ihrem fortschreitenden Bedeutungsverlust abzulenken, hat die Journaille zwei Scheinriesen miterledigt und einen Schaukampf geführt. An die wirklich Mächtigen traut sie sich dagegen nicht recht heran. Deren Lied singt sie lieber brav mit. 



1 Kommentar :

  1. Schön aufgearbeitet. Ich selber wüsste gar nicht, was ich von dem Ganzen halten soll. Und der Vergleich passt irgendwie schon. Zwei Luftballons, mit unterschiedlichem, aber schwerem Spiel-und-Spaß-Syndrom mit Realitätsverlust, im öffentlichkeitswirksamen Mittelfeld zum Aufsaugen und Ablenken von Volksentrüstung sind geplatzt. Und genüßlich werden die Fetzen aufbereitet. Den Medienweihrauch von der FR, finde ich auch ziemlich peinlich. Im Ertzschen Falle, hat's immerhin einen medialen Blick aufs gesamte monetäre Kirchengehabe werfen lassen. Wobei ziemlich deutlich wird, dass die Personalie der Entrüstung, medial länger lebt als ihr nicht minder dubioser Background. Ein bisschen was von Bauernopfer, haben beide auch.

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