Dienstag, 5. November 2013

Kann das gehen?


Der erste 'Asterix' neuer Zeitrechnung - das Verdikt

Mit 'Asterix' ist das Medium Comic in Europa erwachsen geworden und hat es speziell in Deutschland, wo Comics lange als amerikanischer Schund galten, sogar geschafft, vom Bildungsbürgertum ernst genommen, teilweise geliebt zu werden. Viele, die irgendwann mit den Abenteuern der Gallier in Berührung gekommen sind, können noch Jahrzehnte später ihre Lieblingsstellen auswendig. Als alter Fan, dem die letzten Versuche beinahe körperliche Schmerzen bereiteten, habe ich das neue Album mit ein wenig gemischten Gefühlen gekauft. 'Asterix bei den Pikten', erschienen am 24. Oktober, ist das 35. Heft der Reihe und das erste, das nicht von Albert Uderzo gezeichnet wurde. Als Zeichner wurde der erfahrene Didier Conrad verpflichtet, als Texter der preisgekrönte Jean-Yves Ferri. Beides Vollprofis, die nicht nur ihr Handwerk verstehen, sondern auch gewusst haben mussten, worauf sie sich da einlassen. Es gibt schlechtere Voraussetzungen.

Wie 'Tim und Struppi' mit Hergé, schien Asterix immer untrennbar verbunden mit René Goscinny und Albert Uderzo. Die Reihe mit einem neuen Team wieder aufleben zu lassen, ist natürlich ein Risiko, aber machbar. Denn das Potenzial ist nach wie vor groß, außerdem gibt es durchaus Beispiele, bei denen so etwas gelungen ist. Die von André Franquin ('Gaston') begründete Reihe 'Spirou und Fantasio' wird inzwischen vom sechsten Autoren-/Zeichner-Team betreut und es scheint so weit zu funktionieren. Es spricht für den 86jährigen Lordsiegelbewahrer Uderzo, dass es über sich gebracht hat, das Ruder an ein jüngeres Team zu übergeben, anstatt Asterix vermutlich mit noch einem Album, einer weiteren Neuauflage oder zusammengestückelten Geschichtchen aus dem Archiv endgültig zu Grabe zu tragen.

Diesmal verschlägt es die Gallier nach Kaledonien, also ins heutige Schottland, wo die Pikten leben. Streng genommen, ist das historisch nicht ganz korrekt. Die Pikten waren ein Stamm in der Gegend des heutigen Schottland, der aber erst zum Ende der Römerzeit anfing, eine Rolle zu spielen. Streng genommen, müsste der Band daher 'Asterix in Kaledonien' bzw. 'bei den Kaledoniern' heißen, aber dann wäre der Gag mit der Vorliebe der Pikten für Piktogramme perdu gewesen. Außerdem ist auch René Goscinny immer großzügig mit so was umgegangen, wenn sich gute Gags daraus stricken ließen. Die Deutschen waren auch nicht deckungsgleich mit den Goten, hätten aber sonst nicht gotische Fraktur geredet. Man sollte da also nicht zu kleinlich sein. Beruhigend aber, dass die Neuen gleich an die Phase anknüpfen, in denen Asterix und Obelix in fremde Länder aufbrachen und die Konfrontation mit den diversen Spleens der Bewohner einen Großteil des Spaßes ausmachte.

Also, wie ist das neue Heft nach einer ersten Durchsicht? Worum geht es? Was ist gut, was weniger und was geht gar nicht? Wer eh wild entschlossen ist, sich das Album noch zu kaufen und sich selbst ein Bild machen möchte, sollte - Spoiler voraus!!! - jetzt tunlichst nicht weiter lesen.


Klappentext:

Der Pikte Mac Aphon wird in einem Eisklotz eingeschlossen an die Küste Aremoricas gespült. Es gelingt dem Druiden Miraculix, den Fremden wieder aufzutauen und schließlich sogar zum Reden zu bringen. Es stellt sich heraus, dass Mac Aphon Opfer einer Fehde verfeindeter Clans geworden ist. Eine Seite will mit den Römern paktieren, um die Kontrolle über Kaledonien zu bekommen, die anderen, teils zerstrittenen Clans lehnen sich dagegen auf, kommen aber auf keinen gemeinsamen Nenner. Asterix und Obelix reisen mit Mac Aphon an, vermitteln in bewährter Weise und am Ende wird natürlich alles gut.


The Good:

Die Zeichnungen. Beeindruckend, wie Zeichner Didier Conrad sich bei den Hauptfiguren und dem Stammpersonal Uderzos Zeichenstil draufgeschafft hat. Ein Comic-Laie wie ich findet keinen wirklich großen Unterschied. Eine andere große Stärke der alten Asterix-Bände ist auch wieder zu sehen: Wie mit einem einzigen größerformatigen Bild Stimmungen und ganze Kulturen eingefangen sind. Das Panorama von Mac Aphons Heimatdorf ließ direkt nostalgische Gefühle aufkommen.

Die Namen. Die sprechenden Namen vieler Figuren waren immer ein besonderer Spaß in den alten Abenteuern. In 'Asterix bei den Pikten' sind sie vielleicht (noch) nicht so virtuos wie seinerzeit bei Goscinny und Gudrun Penndorf in Hochform, aber es gibt einiges Amüsante zu entdecken. So treffen wir Römer, die Habdenblus und Schnapschus heißen. Teils wirklich gelungen sind auch einige Namen der Pikten wie Mac Robiotic, Mac Ap, Mac Pomm oder Mac Nifizenz. Das reicht teils fast schon wieder an alte Zeiten eines Schlagdraufundschlus, eines Maulaf, Stenograf und Pornograf heran.

Die Running Gags. Gleich im ersten Bild, wir sehen das bekannte Dorf in Schnee und Eis, lebt der alte Knies zwischen Stinkefischhändler Verleihnix und Schmied Automatix wieder auf: "Frische Fische! Garantiert frisch!" -  "Frisch? Ist ja auch kein Kunststück bei dem Wetter!". Man ist zu Hause. Nett.

Es gibt wieder Nebenhandlungen wie die mit dem römischen Volkszähler Publius Plusminus und diesmal auch gelungene Anspielungen auf Aktuelles, die Uderzo zuletzt so verbockt hatte. Es finden sich unter anderem Reminiszenzen an 'Braveheart' und 'Der Herr der Ringe'. Der alte Ärger mit den Barden wird neu und erfrischend weiter geführt. Auch Verleihnix' Bemerkung als Obelix den tiefgefrorenen Mac Aphon anschleppt ("Die Kühlkette sollte niemals unterbrochen werden!") erfreut.

Die kleinen Details am Rande. Stereotypen, die früher vielleicht witzig gewesen sein mochten, heute aber in Zeiten des Front National nicht mehr so unproblematisch scheinen, wie etwa der Piratenausguck mit der R-Schwäche, spielen keine Rolle mehr, auch wenn dadurch vielleicht Gagpotenzial verschenkt wird.


The Bad:


Der Aufbau. Über zwei Drittel sind der teils umständlichen Einführung der Pikten gewidmet. Dazu ergeht sich Mac Aphon in langatmigen Sagas seines Clans. Was als Parodie gedacht ist, langweilt schnell. Das hat Goscinny früher en passant hinbekommen. Vielleicht auch zu viel verlangt.

Misslungene Anspielungen und schiefe Topoi. Einiges kommt doch ziemlich mit dem Holzhammer daher. So wirkt zum Beispiel die kollektive Schwärmerei der Gallierinnen für den schottischen Muskelprotz arg dick aufgetragen, ebenso, dass ihre Männer sich als Reaktion darauf alle in Schottenkaros kleiden und sich tätowieren. Auch dass Mac Aphons erste Worte ein Beatles-Zitat sind, mag eine Verneigung vor dem grandiosen 'Asterix bei den Briten' sein, ergibt aber ansonsten überhaupt keinen Sinn und wirkt arg bemüht.

Das Lettering. Ich mag dieses computergenerierte Pseudo-Handlettering in Mini-Versalien einfach nicht. Obwohl das mittlerweile Standard ist, werde ich nicht recht warm damit, denn die Lesbarkeit ist alles andere als gut. Auch wenn ich da vielleicht nicht ganz auf der Höhe der Zeit bin - mich hat das alte typographische Sans-Serif-Lettering nie wirklich gestört.


The Ugly:

Idefix ist auf der Reise nach Kaledonien nicht dabei. Und das geht gar nicht. Wo wären unsere Gallier, wenn der kleine Knochenvertilger sie damals nicht aus dem Labyrinth der Großen Pyramide geführt hätte, häh? Andererseits: Das Hobby der Pikten, mit Baumstämmen zu werfen, wäre wohl zu viel für ihn gewesen.

Was? Nicht ein einziges Mal "Die spinnen, die..."? Und das, obwohl Obelix eine Menge Anlässe dafür hätte? No way!


Fazit:

Also, kann das gehen? Ja. Ich hatte meine Befürchtungen, aber trotz einiger Schwächen überwiegen die positiven Aspekte bei weitem. Daumen hoch! Ferri und Conrad ist es tatsächlich über weite Strecken gelungen, Asterix wiederzubeleben, auch wenn's hier und da noch ein wenig holpert. Könnte echt was draus werden.


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Jean-Yves Ferri, Didier Conrad: Asterix bei den Pikten. Berlin, Köln: Egmont Ehapa 2013. 48 S., 6,50 €.

Kommentare :

  1. Jetzt bist Du mir tatsächlich zuvorgekommen.

    Der aktuelle Band ist sicher besser als alles, was Uderzo allein zustandegebracht hat, kommt aber längst nicht an die klassischen Asterix-und-Obelix-Bände heran, die Uderzo und Goscinny zusammen gemacht haben. Aber ich glaube, die Serie ist ziemlich ausgereizt, da sehe ich nicht mehr viel Lesenswertes kommen. Aber wer weiß, vielleicht werden wir ja überrascht...

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    1. Klar, die alten Glanzzeiten der Sechziger und Siebziger kommen nicht wieder. Aber ich bin schon gespannt, was die beiden neuen da noch rauskitzeln können. Ich denke auch, dass die das nach und nach eigenständiger entwickeln werden. Potenzial sehe ich sehr wohl, denn es geschieht genug Absurdes aus der Welt. Man denke nur daran, was für Riesenpotenziale zum Thema Nahost Uderzo damals in 'Die Odyssee' hat liegen lassen...

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    2. Stimmt, in der Welt passiert genug Absurdes und Aufspießbares. Und auch wenn die neuen Asterix & Obelix nur ein eher durchschnittlicher Normalcomic werden, wäre das immer noch besser als das uderzosche Elend bisher. Außerdem kann es ja wirklich sein, dass die Neuen was Interessantes basteln. Fände ich schön.

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  2. Du hast mich fast überzeugt. Deine Schuld. Ich muss zugeben, dass ich auch Schwierigkeiten damit habe, den alten Geist nicht an Personen fest zu machen. Und das Team Uderzo und Goscinny, waren/sind für mich untrennbar. Das ist ähnlich dem, warum sich niemand traut Moebius Stil zu imitieren, oder Crumps geniale Strichführung zu erlernen. Es wäre fadenscheinig, - ein Sakrileg den Erfindern gegenüber. Aber manche Dinge sind nun mal einfach so liebevoll charmant, dass sie ihre Erfinder überleben. Ich bin noch am Schleudern. Gebt mir ein wenig Zeit.

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