Samstag, 9. November 2013

Nettes Reality TV


Peter Zwegat und sein Format 'Raus aus den Schulden' gehören zu den weniger unsympathischen Erscheinungen der Fernsehlandschaft, erst recht der privaten. Ein Interview in der taz offenbart, dass Zwegat ein ziemlich anständiger Typ ist, der die Bodenhaftung nicht verloren hat und mit dem man durchaus ein Bier trinken würde. Klar, er ist in einem Alter prominent geworden, in dem die meisten sich oder der Welt nicht mehr großartig was beweisen müssen. Das immunisiert sicher ein wenig gegen die ärgsten Flausen. Man nimmt dem gelernten Sozialarbeiter durchaus ab, dass er seine Klienten nicht bloßstellen, sondern ihnen wirklich helfen will. So verurteilt er Menschen, die in die Schuldenfalle geraten sind, meist auch nicht, sondern zeigt, wie schnell man in so eine Situation geraten kann und wie schnell sie einem über den Kopf wachsen kann. Zudem inszeniert er sich nicht als Superman, der für alles eine Lösung hat, sondern scheut sich nicht, auch seine Grenzen zu zeigen. Gucke ich gelegentlich mal, wenn nichts Interessanteres anliegt.

In einer der letzten Sendungen beriet Zwegat ein junges, etwas schluffiges Paar mit Kind, das nicht so recht aus den Socken zu kommen schien (RTL nennt das auf seiner Webseite übrigens "dreist, faul und unzuverlässig" - das nur am Rande). Er, gelernter Zerspanungsmechaniker, arbeitet für ein lächerlich kleines Gehalt als Paketkurier. Weil das Geld nicht reicht und diverse Schulden drücken, leben sie bei seinen Eltern unterm Dach. Zwegat meinte, man müsse die Einnahmeseite erhöhen, daher solle sie sich einen Minijob suchen - das Kind könnte an ein paar Tagen in der Woche von ihren Eltern betreut werden - und er sich etwas in seinem gelernten Beruf, wo deutlich mehr zu verdienen sei. So weit, so vernünftig. Als der gelernte Zerspaner es weiterhin an Eigeninitiative fehlen lässt, kümmert sich Zwegat himself um die Jobsuche, und siehe da, ein einziger Besuch bei der örtlichen Arbeitsagentur bringt gleich stapelweise, teils sehr gut dotierte Jobangebote ein.

Siehst du, lautet der Subtext, wer will, bekommt auch ordentlich bezahlte Arbeit. Man muss sich nur einmal kurz kümmern und kann sich vor Angeboten kaum retten. Wir haben schließlich Fachkräftemangel und es gibt kein Recht auf Faulheit. Sicher kann man nicht bestreiten, dass das in bestimmten Branchen und in bestimmten Gegenden des Landes einfacher ist, Arbeit zu finden als in Berlin, im Ruhrgebiet oder anderen strukturschwachen Regionen. Nur: Angenommen, Zwegats Redaktion oder er selbst sprechen namentlich beim Amt vor, kann es dann nicht auch sein, dass die jeweilige Arbeitsagentur sich in Puncto Jobsuche und Vermittlung besonders ins Zeug legt, um nach außen gut dazustehen? Anders gefragt: Kann es sein, dass es ein Unterschied ist, ob Karlchen Müller nach Vermittlungsangeboten fragt oder Vertreter eines viel eingeschalteten Fernsehsenders?

Vermutlich schon. So trägt auch das vermeintlich nette Beratungsformat mit dem netten Herrn Zwegat, gewollt oder ungewollt, dazu bei, das Märchen vom Wirtschaftswunderland Deutschland und vom Fachkräftemangel unters Volk zu streuen. Möglicherweise ist es von einem RTL-Unterhaltungsformat ja zu viel verlangt, nach den gesellschaftlichen Ursachen für die immer höhere Schuldenquote der Privathaushalte zu forschen. Aber dass auch ein alles andere als dummer oder unsensibler Mensch wie Zwegat sich nicht zu fragen scheint, ob die steigende Ver- und Überschuldung der Privathaushalte vielleicht auch andere Ursachen hat als die Verlockungen der Konsumgesellschaft bzw. die Naivität der Schuldner oder dass deren Lebensumstände sich plötzlich ändern, sondern auch etwas zu tun haben könnte mit seit Jahrzehnten stagnierenden, wenn nicht sinkenden Reallöhnen und mit dem Verschwinden der Mittelschicht, das stimmt dann doch nachdenklich.



1 Kommentar :

  1. Och, das Geraer Arbeitsamt hatte sich bereits vor laufender Kamera vor längerer Zeit als recht hartleibig erwiesen. Mal abgesehen davon das ich auch diesmal wieder ohne dieses einen vernünftigen Job bekommen habe, ich wollte letztens nur ein wohl benötigtes Formular abgeben - diese "Mitarbeiterin" war derartig schnippisch. Unglaublich.
    Was die wohl sagen würde wenn sie selbst vor einer Ihrer Art sitzen darf. Kein Wunder das man von den Vorgesetzten solcher Vereine nix sieht, vor allem vor dem Hintergrund das es unter dem, naja, arbeitenden Personal immer mal wieder Verluste gibt.

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