Donnerstag, 14. November 2013

Nolympia - sauber!


Frechheit aber auch! Da haben es die Münchner und die Bewohner dreier weiterer gallischer Dörfer in Bayern sich tatsächlich erdreistet, gegen die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 zu stimmen. Ein paar störrische Landeier in Lederhosen wagen es, sich den ambitionierten Plänen weiser Landesfürsten in den Weg zu stellen, und schon jaulen die Untergangspropheten los. Wahrlich, es steht mal wieder schlimm um Deutschland. Die ermatteten deutschen Weicheier hätten ihre Gestaltungskraft verloren, heißt es (warum nicht gleich ihr Mojo?). Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im bayerischen Landtag, verstieg sich gar zu der These, von nun an werde es niemals wieder eine deutsche Olympia-Bewerbung geben. Ups, waren die Grünen nicht mal irgendwann die Partei der Basisdemokratie? Heißt Sportsgeist nicht auch, mal verlieren zu können? Und überhaupt: Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Wie es um die Gestaltungskraft Deutschlands bestellt ist, konnten die Bürger übrigens in den letzten Jahren an einer Reihe milliardenschwerer Großprojekte studieren, die von größenwahnsinnigen Möchtegerneliten über deren Köpfe hinweg beschlossen und ihnen vor die Nase gesetzt worden sind. Wie bitteschön soll ein Land, das nicht einmal einen popeligen Konzertsaal auf die Kette kriegt oder einen Flughafen, so ein Event stemmen, ohne sich dabei komplett zum Deppen zu machen? Man blamiert sich halt nur ungern vor aller Welt.

Tatsächlich, Olympische Spiele können den ausrichtenden Städten vieles bringen. Der Stadt München zum Beispiel haben die Spiele 1972 ein modernes Nahverkehrsnetz und eine neue Sehenswürdigkeit gebracht. Der Stadt London halbwegs saubere Straßen und renovierte U-Bahnhöfe, in denen man sich nicht mehr vorkommt, als käme gleich Jack The Ripper um die Ecke. Nur lässt sich solcherlei Stadtsanierung auch billiger haben, wenn man auf das quasisakrale Brimborium drumherum verzichtet.

Überhaupt sind die Olympischen Spiele ein gutes Beispiel dafür, wie ein im Prinzip sympathischer Gedanke sich ins Gegenteil verkehren kann. Wie schön ist doch eigentlich die Idee eines internationalen Sportfests, bei dem die sportbegeisterte Jugend der Welt, wie es so nett heißt, alle vier Jahre zusammenkommt, um sich in friedlichem Wettstreit zu messen. Die Waffen ruhen, die Geschäfte auch. Alles hält für drei Wochen inne. Es geht nicht nur um den Sieg, erst recht nicht ums Geld, sondern im Zweifel um die Ehre und ums Dabeisein.

Wenn das IOC aber in diesen Zeiten des voll kommerzialisierten, voll medialisierten Vollprofisports das Lied von der hehren olympischen Idee anstimmt, dann erinnert das ein wenig an das Zentralkomitee der KPdSU in seinen letzten Regierungsjahren. Sie mögen noch so sehr Ideale hochhalten, die ehrwürdige Olympische Bewegung ist längst für immer beschmutzt. 1936 hat sie sich vor den propagandistischen Karren Hitlers spannen lassen. Während des Kalten Krieges hat sie es zugelassen, dass Ost und West die Spiele für ihren Wettstreit der Systeme missbrauchten. Danach hat sie sich bereitwillig dem Großen Geld globaler Konzerne an den Hals geworfen. Olympische Spiele lassen sich von x-beliebigen Weltmeisterschaften nur noch unterscheiden durch das einheitliche Design, ein loderndes Feuer und am Fehlen von Bandenwerbung. An der Bonzenherrlichkeit des IOC hat auch der eher bescheiden auftretende Jacques Rogge nicht viel ändern können, obgleich er sichtlich weniger aristokratisch daherkam als sein Vorgänger Juan Antonio Samaranch.

Wer ist heute am heißesten darauf Olympische Spiele auszurichten? Vor allem irgendwelche Halb- oder Volldiktatoren, die es gewaltig nötig haben und glauben, der Welt gewaltig was beweisen zu müssen. Gern führen sie vor, wie schnell sie Millionen Tonnen Beton verbauen können, wie ihre gedrillten Bürger komplizierte Organisationspläne umsetzen, wie sie Heerscharen von Freiwilligen kommandieren, die bereit sind, zwei bis drei Wochen lang für ein Sandwich am Tag dauergrinsende Auskunftsroboter zu spielen. Eine feine Gesellschaft, in die man sich da begibt als Bewerber. Klar, das ist arg pauschal, denn Sydney 2000 war nett. Und London 2012 hat zwar gezeigt, dass Olympia auch in locker geht, allerdings nur um den Preis maximalster Sicherheitsvorkehrungen und flächendeckender Kameraüberwachung. Zudem es mit der dortigen nationalen Begeisterung auch nicht allzu weit hergewesen sein kann. Schließlich mussten die leeren Tribünen bei wenig glamorösen Events, wo der Eintritt nicht frei war, von Militär in Zivil besetzt werden, um die Illusion von Publikumsinteresse aufrecht zu erhalten.

Auch für München wurden natürlich wieder die grünsten, die umweltfreundlichsten Spiele aller Zeiten angekündigt. Keine Stadt, keine Region, die sich um die Spiele bewirbt, noch nicht einmal der Luftkurort Peking, kommt seit den 1980ern um dieses pflichtschuldigst abzugebende Lippenbekenntnis herum. Am Ende wird’s dann immer noch größer, noch gigantomanischer und noch umweltunfreundlicher als vor vier Jahren. Die Bevölkerung der bayerischen Bewerberorte ist nicht dumm. Wer wirklich grüne Spiele will, müsste auf den Stand von 1960 zurück. Da kamen unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit ein paar hundert Amateure (und Staatsamateure) im kleinen amerikanischen Wintersportörtchen Squaw Valley zusammen, machten zwei Wochen lang Olympia, die Wochenschau berichtete mit drei Kameras, ein Bildband wurde aufgelegt und gut war's. Lässt sich jederzeit problemlos machen.

Wer meint, das Nein der Bayern zur Olympia-Bewerbung sei das Symptom eines erschöpften Volkes, dem es auf nonchalante Weise zu mühsam ist, noch irgendetwas Großes auf die Beine zu stellen, denkt in Kategorien des frühen 20. Jahrhunderts und hat im Zweifel zu viel Oswald Spengler inhaliert. Das Nein ist mitnichten ein Zeichen dekadenter Erschlaffung oder egoistischen Not In My Backyard-Denkens, sondern eines von postnationaler Klugheit. Die mit nein gestimmt haben, werden sich ganz nüchtern gefragt haben, was der Aufwand eigentlich bringen soll, außer einigen lauwarmen Dankesworten von Thomas Bach. Ein paar wenige werden reicher, viele zahlen drauf und für die touristisch ohnehin schon bestens erschlossenen Austragungsorte gibt's ein paar überdimensionierte Neubauten, die nach ein paar Jahren zu vergammeln beginnen. Das Ganze für ein paar Tage globaler medialer Aufmerksamkeit und dafür, dass ein paar Landespolitiker sich ein Denkmal setzten können? Geh!

Eine gute Nachricht gibt es daher zu vermelden angesichts der geplatzten Bewerbung: Dem Bergvölkchen und den Deutschen überhaupt scheinen megalomane Großprojekte zum Zwecke der Selbstfeier ihrer nationalen Gloire mehrheitlich schlicht egal zu sein. Außerdem ist Olympia im Fernsehen auch schön.

Kommentare :

  1. Ja, aber der Standort Deutschland, was ist denn mit dem Standort Deutschland? Der internationalen Wettbewerbsfähigkeit? Wir hängen uns selbst ab. Wir kriegen keinen Konzertsaal fertiggebaut und keinen Flughafen. Wegweisende Technologie wie den Transrapid erfinden wir, kriegen sie aber im eigenen Land nicht gebaut. Uns stürzen die Stadtarchive ein, vergammeln international wichtige Wasserstraßen, und dann lassen wir uns die Gelegenheit, es mal richtig öffentlichkeitswirksam krachen zu lassen, von ein paar störrischen Alm-Öhis versauen. So geht das doch nicht! [/ironie]

    Aber vielleicht hat der Grüne recht und es wird wirklich sobald keine deutsche Olympiabewerbung mehr geben. Das fände ich Klasse. Gewissermaßen OlymipiJahaha, aber nicht bei uns...

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    1. Zudem man nicht vergessen sollte, dass auch Spiele in demokratischen Ländern gern als Ablenkungsmanöver herhalten müssen. David Cameron wollte mit der Party von 2012 auch die von ihm verantworteten brutalen Kürzungen bei den öffentlichen Ausgaben vergessen machen. Leider erfolglos, denn die olympische Euphorie verflog schneller als sie gekommen war...

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    2. Natürlich erfolglos. Das ist genauso hanebüchen wie die Idee, den Unterricht durch Filmzeigen auflockern zu wollen ("Die jungen Leute gehen ja auch gern ins Kino und so. Holen wir sie dort ab, wo sie sind, gehen auf ihre Interessen ein und so.").

      Aber wenn man das Werk hinterher so oder so sezieren und in Grund und Boden analysieren musst, reißt es die halbe Stunde Filmkucken auch nicht raus. Der Alltag kommt gnadenlos wieder und macht dann kein bisschen mehr Spaß als vorher.

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