Dienstag, 19. November 2013

Willkommen im Neandertal


"Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, / das müssen Männer mit Bärten sein [...] / Jan und Hein und Claas und Pit, / die haben Bärte, die fahren mit" (Gottfried Wolters)
Kein Zweifel, Bart tragen ist wieder in. Nach Jahrzehnten, in denen nur als gepflegter Mann galt, der einen glatt rasierten Babypopo um die kantige Macherfresse hatte, scheint so eine Gesichtsmatratze vor allem für Großstädter seit einiger Zeit das Mittel der Wahl zu sein, der Welt zu zeigen, dass ihnen mehr Testosteron als Östrogen durch die Arterien schwappt. Mir ist übrigens ziemlich egal, ob das gerade in ist oder nicht. Ich trage seit zirka 20 Jahren einen Bart, den ich alle paar Tage stutze. Das maskuline Morgenritual des Nassrasierens, so erfrischend es sein mag, war mir damals doch recht bald lästig geworden. Vor allem, weil ich als ausgemachter Morgenmuffel dazu neigte, mich andauernd zu schneiden. Nicht schön, die nächsten paar Stunden rumlaufen zu müssen, als sei man in eine Messerstecherei geraten. Dass es sich im übrigen tatsächlich um einen echten Trend handelt, lässt sich daran erkennen, dass inzwischen sogar Weichmacher feilgeboten werden, damit die Wolle nicht gar so kratzt beim Knutschen.

Wie alle Trends, werden auch neue Kochtrends immer dann durchs Dorf getrieben, wenn Medienschaffende glauben, dass es zu vielen Menschen langweilig wird und sie nach neuen Anregungen dürsten, wie sie ihrer trostlosen Mittelmaßexistenz ein wenig Würze verleihen können. Gemessen am Erfolg, mit dem das betrieben wird, müssen wir uns die Deutschen als grenzenlos gelangweiltes und vor allem als komplett phantasieloses Völkchen vorstellen, von dem nicht wenige vermutlich auch noch den kostspieligen Rat irgendeines Coaches einholen würden, der ihnen beibringt, wie man richtig einen fahren lässt.

Jetzt, da all die Woks nebst Dämpfeinsätzen aus Bambus, die Sous Vide-Geräte, die Jamie Oliver-Bücher und die Molekular-Kochsets im Schrank verstauben, man alle Küchen der Welt mit allen anderen fusioniert hat, viele handgeschmiedete Profi-Messer Rost ansetzen und stumpf werden, weil sie nicht richtig gepflegt werden, Horst Lichters anzügliche Sprüche sogar bei Rentnerinnen uncool zu werden beginnen und Tim Mälzer eine Wampe kriegt, war es wohl wieder an der Zeit, eine neue Sau durchs Dorf zu treiben. Eine der letzten war diese Mode, aus gekonnt verrottetem Gourmet-Rindfleisch die besten Steaks der Welt zu machen. Nichts gegen ein gut abgehangenes Steak, aber wenn massenhaft Typen, die sonst gerade einmal eine Bratwurst und Nackensteaks vom Aldi hinbekommen, sich plötzlich sauteure Kugelgrills anschaffen und wichtig mit Angebervokabular wie Prime Rib, Sirloin, Tip Blade Roast, Tenderloin und Short Rib um sich werfen, nervt's irgendwann doch.

So macht man das heute (via planet-wissen.de)
Nachdem diverse einschlägige Medien einem schon den Sommer, will heißen: die Grillsaison über auf die Klötze gegangen sind mit diesem extrem karnivoren Vintage-Dry-Aged-Beef-Gebrutzel, kommt jetzt eine Wildsau hinterher. Und zwar eine Haarige. Ursprünglichkeit! Back To The Roots! Neandertal-Cuisine! - darauf werden wir uns vermutlich in Zukunft einzustellen haben. Man geht in den Wald, um sein Essen selbst zu jagen und über offenem Feuer zuzubereiten wie weiland unsere Urahnen. Zumindest, wenn es nach den Eggert-Brüdern geht. Die Brüder Matthias und Stefan Eggert betreiben hauptberuflich das Catering-Unternehmen culinary berlin. Für die Kochseite des 'Stern' treten sie nun in einem Video auf, in dem sie es ganz wild treiben mit dem Essen. Für alle, die sich für Kochen interessieren, lohnt es, da kurz hereingeschaut zu haben. Allein um ein wenig vorbereitet zu sein auf das, mit dem die Weißmützen der Nation uns vermutlich in nächster Zeit nerven werden.

Zunächst schmurgeln sie Stücke vom frisch geschossenen Rehbock mit Pfifferlingen und ein paar frischen Kräutern in der Pfanne. Mag wirklich lecker sein, aber warum man das unbedingt auf offener Gasflamme im Freien machen muss und nicht in einer ordentlich ausgestatteten Küche, erschließt sich nicht direkt. Danach wird eine praktischerweise schon küchenfertig parierte Damwildkeule mariniert, in diverses Laub- und Nadelwerk gehüllt und drei Stunden in einer selbst gegrabenen Kochgrube versenkt. (Haben bei den Urmenschen eigentlich auch schon Backsteine einfach so im Wald herumgelegen? Egal.) Der Höhepunkt aber sind die Vorspeisen. Die basieren, man ahnt es fast, ausschließlich auf rohem Fleisch. Carpaccio, Man! In der nächsten Folge, so es eine gibt, wird vermutlich rohes Fleisch, nein: Vlaaaiiisch!!!, unter dem Sattel platziert und den Tag über mürbe geritten. Dschingis Khan, dessen Reiter das angeblich praktizierten, soll ja über eine legendäre Manneskraft verfügt haben.

Unverzichtbar ist jedenfalls, dabei auch irre männlich auszusehen. Der eine Eggert ist mit Cowboyjeans und Feinripp angetan und hat zwei ausladende Wangenwärmer um die Ohren. Der andere trägt zu Shorts einen Rauschebart Modell Rasputin zur Schau. Oberbekleidung, die die großflächigen Tätowationen zur Geltung bringt, ist selbstverständlich auch Pflicht. Arrr! Hantiert wird mit Gerätschaften, die aussehen, als ob sie vom Mittelaltermarkt kämen, und zwar in einer Weise, die förmlich zu schreien scheint: Vegetarier sind voll schwul und haben kurze Pimmel. Apropos: Ist es wirklich nur Zufall, dass der 'Stern' so was jetzt bringt, nachdem gerade eben die Hamburger Kollegen von der 'ZEIT' eine geschlagene Woche lang auf dem anderen In-Thema vegane Ernährung herumgeritten sind?

Nun will ich gar nicht bestreiten, dass es sehr wohl reizvoll sein kann, auch mit Wild ein wenig zu experimentieren. Es muss weiß Gott nicht immer Rehrücken Baden-Baden mit Spätzle, Rotkohl, Birnenhälfte und Preiselbeerkompott sein. Aber das atavistische Waldmenschengetue ist dermaßen krampfhaft auf harter Kerl getrimmt, dass die Grillparty eines Fußballvereins sich dagegen ausnimmt wie ein Kaffeekränzchen im Plüschcafé. Wer es so dolle nötig hat, sollte sich nicht wundern, in Verdacht zu geraten, daheim unter Androhung des Beziehungsabbruchs durch die Liebste Seitenscheitel zum rosa Pullover zu tragen und nach der zweiten 0,3-Flasche Bier auf alkoholfreies umzusteigen. Denn eigentlich sind die beiden trotz ihrer Aufmachung zwei ganz Liebe, die sicher brav Bartweichmacher benutzen.

Uaaarghh! Der neue Stern am Gourmet-Himmel, rasiert
Vermutlich deshalb ersparen sie dem geneigten Zuschauer auch den unschönen Anblick, wie so ein erlegtes Tier aufgebrochen wird. Am Ende nimmt noch einer derer, die im Begriff sind, den wilden Mann in sich zu entdecken, seelischen Schaden. Vielleicht wäre das Ganze ja noch ein Stück ursprünglicher geworden, wenn sie nur mit groben Fellgewändern bekleidet gewesen wären und den Rehbock eigenhändig mit der Keule erledigt hätten. Oder, noch besser, wenn sie ihn per Falle gefangen hätten, um ihn dann eigenhändig mit einer Feuersteinklinge abgestochen, sich mit dem noch warmen Blut des Tieres eingeschmiert und einem Urschrei rausgelassen hätten. So ein Vieh einfach von einem geübten Jäger aus 200 Metern Entfernung mit der Büchse meucheln lassen, kann doch wirklich jeder Depp. Voll unursprünglich, so was.

Wer so einen Firlefanz nicht braucht, sondern lesen möchte, wie sich unaufgeregt, doch liebevoll und engagiert über so schöne Dinge des Lebens wie Kochen und Essen sinnieren lässt, ohne jedes kleine Experiment gleich zum Trend aufzublasen, kann das Woche für Woche studieren am preisgekrönten Blog der wunderbaren Frau Ziii. Frau Ziii, eigentlich Zimmel mit Nachnamen, lebt mit dem Herrn Ziii und dem Fräulein Ziii in Wien, kocht für ihr Leben gern und kann nicht nur herrlich herzerwärmend mit völlig unfolkloristischem wienerischen Zungenschlag schreiben, sondern macht auch gottvolle Fotos dazu. Ihr Rezept für das einzig wahre Gulasch habe ich - leider nur in Ansätzen, denn das ist wirklich zeitraubend - nachgekocht, und siehe, schon das war grandios. Das Paprikahendl wird auf jeden Fall als nächstes in Angriff genommen.



Kommentare :

  1. Hallo Stefan!

    Coole Säue tragen nun mal Bart:
    http://www.textilwirtschaft.de/business/pics/9/topnews1-20862-org.jpg
    Schönheitsfehler allerdings: Dies ist ein Werbefoto für Marco Polo.

    "Wer so einen Firlefanz nicht braucht, sondern lesen möchte, wie sich unaufgeregt, doch liebevoll und engagiert über so schöne Dinge des Lebens wie Kochen und Essen sinnieren lässt, ohne jedes kleine Experiment gleich zum Trend aufzublasen, kann das Woche für Woche studieren am preisgekrönten Blog der wunderbaren Frau Ziii".

    In diesem Zusammenhang möchte ich Dir nachfolgenden Blog sehr an Herz legen, der mal unaufgeregt und auch mal aufgeregt über kulinarische Genüsse schreibt - und es schafft, dabei die Politik nicht außer acht zu lassen:
    http://genuss-ist-notwehr.de
    LESEBEFEHL!

    Grüße, Dude

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    1. Moin Dude,
      klar tragen coole Säue Bart (über Selbstverständlichkeiten muss man nicht diskutieren) - aber nur echt ohne Kuschelweichbalsam.
      Den Lesebefehl muss ich leider verweigern, weil ich Genuss ist Notwehr selbstredend schon kannte. Trotzdem danke!

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    2. Ich will mir das gar nicht vorstellen, das Jeff B. Kuschelweichbalsalm benutzt. Wäre ja fast so, als würde Lemmy Warzentinktur benutzen.
      Will ich gar nicht d'rüber nachdenken!

      Whatever:
      Du kennst 'Genuss ist Notwehr' und führst es nicht in Deiner Blog-Roll? Mich aber?
      Freue mich natürlich in Deiner Blog-Roll geführt zu werden - aber er hat es mehr verdient.
      Aber, hey!
      Du bist der Chef...

      Unabhängig davon:
      Ich mag Deine Seite; lese sehr gerne Deine Texte.

      Jetzt aber muss ich langsam ins Bett.

      Grüße unter Bärtigen - egal ob in oder out

      Dude(rich)

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    3. Besten Dank. Und, nein, das mit Lemmy und der Tinktur ginge definitiv mal gar nicht!

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  2. Naja, eigentlich wollte ich zum Hildebrandt-blog was lobendes sagen, der mir so richtig aus der Seele spricht. Und auch hier, stimme ich wirklich großflächig zu. Nur, - als jüngst vorgestern im Mettmanner-Kreis Geborenen, (mitten im Neandertal), fühle ich mich doch ob der Überschrift ein wenig diskriminiert. Ich überlege gerade, ob es sich lohnt, eine Selbsthilfegruppe zur Rettung des guten Rufes für Landstrich-Geschädige, aufgrund von Knochenfunden zu bilden. Und nein, - heute, trage ich keinen Bart mehr. (Das fusselt immer so) Also echt. Schämt ihr euch gar nicht?

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    1. Bitte nicht allzu ernst nehmen.

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    2. Keine Sorge.
      Aber - wieso sollte ich mich schämen?

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    3. Naja, - was soll ich sagen? Ihr tragt da so offen eure Haarigkeit zur Genüge, - während unsereiner schon morgens die blutigen Schneidwerkzeuge seines Nachwuchses, mit recht zweifelhafter Argumentation ob altertümlicher Ansichten über Normalitäten von Haarwuchs kommentieren muss. Normalität ist eben heute etwas, weswegen man sich schämen sollte. (Ich hab das ja nun wirklich nicht erfunden ;-)

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