Dienstag, 10. Dezember 2013

Alles muss raus!


Die Stadt Detroit verbinden die meisten mit Autoindustrie, Motown und eventuell noch mit Eishockey. Vor allem aber ist die Stadt seit diesem Jahr als erste Kommune der USA offiziell pleite und steht unter Kuratel eines Insolvenzverwalters. Weniger bekannt ist, dass das Detroit Institute Of Arts (DIA) mit zirka 65.000 Exponaten aus allen Epochen und aus aller Welt eine der größten Kunstsammlungen Nordamerikas beherbergt, die so manche europäische Hauptstadt vor Neid erblassen lässt. Der Gesamtwert der Sammlungen wird auf zirka 20 Milliarden Dollar taxiert. In Zeiten wie diesen weckt das Begehrlichkeiten von Aasgeiern und anderen Gewinnlern. "Dedicated by the People of Detroit to the knowledge and enjoyment of art", steht oben auf dem Portikus des Museums. Wie altmodisch!

Öffentliche Museen, zuerst im Europa der Renaissance entstanden, dienten ursprünglich dazu, dem Volk den Reichtum und die Herrlichkeit ihrer meist fürstlichen Besitzer vor Augen zu führen. Später gingen sie meist in öffentlichen Besitz über. Wie auch bei Stadtbibliotheken und subventionierten Theater bzw. Opernhäusern, steckt der aufklärerische Gedanke von der kulturellen Teilhabe dahinter, also dass Kunst kein Privatbesitz sei, sondern dass sie allen gehöre und für alle da sein müsse, unabhängig vom Einkommen. Die aber soll jetzt verhökert werden, damit die finanziell sieche Stadt ihre Verbindlichkeiten bedienen kann. Experten des Auktionshauses Christie's haben im Auftrag des Insolvenzverwalters bereits damit begonnen, den Wert der Kunstwerke zu taxieren, die zweifelsfrei mit öffentlichen Geldern gekauft wurden. Zwar regt sich Widerstand und auch Anwälte arbeiten daran, das Schlimmste zu verhindern, doch wenn Sparfüchse und Privatisierer in staatlichem Auftrag einmal loslegen, dann sieht es erfahrungsgemäß nicht gut aus.

Es gehört zum Standardrepertoire des neoliberalen Diskurses, dass Kunst ein bloßes Asset ist wie jedes andere, ein Spekulationsobjekt, das man sich leisten können muss, andernfalls hat man leider Pech gehabt. Ansonsten ein Nice To Have, aber keineswegs lebenswichtig. Es ist typisch, dass auch im Falle Detroits die weniger Armen gegen die Armen ausgespielt werden: Weil eine kleine, meist weiße Elite ihrem Kunstsinn frönen will, ist kein Geld da, um den armen, schwarzen Rentner zu bezahlen. Mit der gleichen Logik könnte man auch fragen, warum hierzulande Kindern aus mittellosen Familien von Steuergeldern höhere Schulbildung ermöglicht werden soll, während in der Dritten Welt viele Kinder nicht mal lesen und schreiben können, wenn sie nicht gar gleich verhungern.

Respekt vor kulturellem Erbe? Pech gehabt, Habenichtse! Nehmt ihnen alles, macht sie noch ärmer, lasst sie verrecken, bloß um die Gier der unersättlichen Finanzmärkte und des obersten einen Prozents zu stillen - so lautet spätestens seit dem Ausbruch der Finanzkrise das immer dreister und unverhohlener vorgetragene Motto der amusischen Finanzgeier und Krämerseelen. Amerikanische Verhältnisse? Wie war das, als bei uns die Zeitung, deren Name hier nicht genannt werden sollte, unter großem Harr Harr der Leserschaft den Griechen allen Ernstes vorschlug, ein paar Inseln oder gleich die Akropolis zu verhökern? Oder wie ist das in in Italien, wo die Regierung Berlusconi ganz im Sinne von 'Mehr privat, weniger Staat' ein Gesetz durchbrachte, das es ermöglicht, staatlichen Kulturbesitz zu veräußern?

Die Superreichen, die Oligarchen, die Ölscheichs, die Erben, die Computer- und Spekulationsmilliardäre und alle anderen, die schon alles haben und nicht mehr wissen wohin mit der Kohle, sie dürften sich die Hände reiben, wenn der große Ausverkauf losgeht. So billig kommt man so bald nicht wieder an Kunstwerke für die Privatsammlung heran. Auch eine Möglichkeit der Umverteilung von unten nach oben. Und wenn die vom obersten Prozent dann genug Kunst zusammen gerafft hat, dann werden sie, ganz Philanthropen, neue Museen bauen, in denen sie ihre Schätze ausstellen und die breite Öffentlichkeit huldvollst werden teilhaben lassen an ihrem Reichtum. Sie werden es nennen: Etwas zurück geben.




1 Kommentar :

  1. Nennen tun sie's, wie sie möchten. Der Kunsthandel bedeutet aber immer nur das Eine - Steuereinsparungen.

    Mal kurz offtopic.
    Der Meme der Woche macht keinen Sinn.

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