Mittwoch, 18. Dezember 2013

Der große Coup der Angela M.


Kulturpessimisten klagen ja gern über die Verlotterung der Sprache und haben dabei meist die üblichen Verdächtigen im Blick: Jugendliche, Unterschichtler und andere Minderbemittelte verhunzen das schöne Kulturgut deutsche Sprache durch den falschen Gebrauch des Plusquamperfekts, mit ihren Angliszismen, ihrem "LOL!!!", "fett krass ey!" und anderen Modeerscheinungen. Leicht geht dabei unter, dass, wenn man schon über den ständigen Sprachverfall klagen muss, auch die, deren professionelles Handwerkszeug die Sprache ist bzw. sein sollte, eifrig daran mitstricken. "Ist es nicht immer wieder erstaunlich, mit welchem Weihrauch im Ton Journalisten das Ausfüllenkönnen von Bewirtungsquittungen schon für Schreiben ausgeben?", fragte Wiglaf Droste letztes Jahr rhetorisch. Um zu ermessen, wie recht er damit hat, braucht man sich nur die mediale Begleitung einer Personalie im Rahmen der jüngsten Regierungsbildung näher anzusehen.

Dass Angela Merkel ihre Parteifreundin Ursula von der Leyen zur Verteidigungsministerin gemacht hat, wurde allenthalben gefeiert als Sensation, ja als echter "Coup". Im Universal-Duden (6. Auflage 2006) ist 'Coup' definiert als: "[frech und] kühn angelegtes, erfolgreiches Unternehmen". Deniz Yücel hat sich für die taz der Mühe unterzogen, die deutsche Presselandschaft nach Reaktionen auf die Personalie von der Leyen durchzusehen. Das Ergebnis: Elf Blätter bzw. Sender aller Art nannten das einen „Coup“, neun Mal war von einem "Schachzug" die Rede. Die üblichen Bläh-Attribute Marke "spektakulär", "genial", "raffiniert" etc. sind natürlich immer im Preis inbegriffen.

Es mag sein, dass ich da irgendwas verpasst habe, aber was soll ein Coup daran sein, wenn Frau Merkel als Bundeskanzlerin nichts anderes tut als von ihrem ihr qua Verfassung zustehenden Recht Gebrauch zu machen, dem Bundespräsidenten die Minister ihres Kabinetts vorzuschlagen? Was ist frech daran oder kühn? Sie hätte theoretisch auch die Frührentnerin Herta Koschinski aus Wanne-Eickel als Verteidigungsministerin vorschlagen können und alles wäre in rechtlich geordneten Bahnen verlaufen. Und ob die Sache am Ende erfolgreich ist, muss sich eh noch herausstellen. Die Hardthöhe hat im Zweifel noch jeden Minister klein gekriegt, der nicht spurte. Genau so blöd natürlich die etwas weniger häufig auftauchende Formulierung, die Besetzung des Amtes sei ein 'Schachzug'. Hä? Wer gegen wen? Wer soll da matt gesetzt werden und wie?

Was ist so gewagt oder außergewöhnlich an Merkels Schritt? Außergewöhnlich war seinerzeit vielleicht, eine hohlraumversiegelte adelige Blitzbirne zum Oberbefehlshaber zu machen und ihn nicht sofort wieder abzuservieren, als er ins Straucheln geriet. Ist es so eine Sensation, dass im Jahr 2014 tatsächlich eine Frau das männlichste aller Ministerien übernimmt? Das mag in Deutschland vielleicht ein Novum sein, aber wer Ende 2013 immer noch in hysterisches Händchenpatschen ausbricht, wenn eine Frau ein Ministerinnenamt antritt, muss sich fragen lassen, in welchem Jahrhundert er lebt. Trotzdem: Ein Coup, Ein Schachzug gar? Es bleibt schwierig.

Was bleibt? Vielleicht folgende Erkenntnisse: Erstens arbeitet der deutsche Qualitätsjournalist offenbar gern ökonomisch, d.h. er schont seine Ressourcen, indem er - Recherche 2.0 - einfach das nachraunt, was alle anderen eh schon raunen. Fällt nicht auf und wird irgendwie schon stimmen. Zweitens ist semantische Genauigkeit und im Zweifel der Griff zum Wörterbuch voll out. Ist wohl so in Zeiten, in denen die, deren Beruf das Schreiben ist und die Sprache deren Handwerkszeug sein sollte, bloß noch 'was mit Medien' machen.



Kommentare :

  1. Also, ausgerechnet dem Verteidigungsministerium eine Frau vorzusetzen ist schon ein kleines bisschen mutig/unerhört/ungewöhnlich, auch in unseren fast gleichberechtigten Zeiten. Nicht, dass Frauen das, was man da können muss, grundsätzlich schlechter könnten als Männer. Und die Bundeswehr ist ja nun auch schon lange kein Refugium echter Männlichkeit mehr.

    Aber trotzdem, damit hatten die wenigsten gerechnet. Das ist fast so, als wäre eine Frau als Trainerin der deutschen Fußballnationalmannschaft (der Herren, wohlgemerkt) berufen. Und ein Mann zum Familienminister...

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  2. Also dieses vermeintliche "Minderheiten-Ding" in Politik und Wirtschaft ist nicht nur Ablenkung, sondern pure Blendung. Wir haben eine Frau als Bundeskanzlerin. Einen schwarzen US-Präsidenten. Und nun eine Frau als "Verteidigungsministerin" (Auch Neusprech: müsste eigentlich Kriegsminister heißen. Wer wird hier verteidigt? Gegen wen?). Jedesmal schreiben sich die Massen-Abschreiber der Journaille die Finger wund, wie toll das doch sei und nun alles anders wird, weil eine Frau oder ein Schwarzer und so. Und wenn es Kinder, Rentner oder Dicke wären - um oben zu (be-)stehen, muss man durch die Schule der Herrschenden. Und die hat noch jeden Charakter verdorben.

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  3. Sehr guter Text! Ich kann in nur wenigen Momenten so gut schreiben wie Du (und selbst das ist schon vermessen). Aber: Du beschreibst sehr schön die Zustände (besser Defizite) der Presse. Das sollte aber nicht das Ende sein, sondern der Anfang. Dein Text ist ein wunderbarer Prolog dafür zu fragen, warum das denn eigentlich so ist. Ist die freie Presse frei - oder doch nur Sprachrohr für die Meinungen derer, die sich dies leisten können?

    Welche Redaktionsstuben sind den wirklich oppositionell?

    Die große Koalition wird uns allen als die beste aller Möglichkeiten verkauft. Konservative und Linke sollen diese verordnete Pille schlucken.

    Unter diesem Doktrin ist auch eine von der Layen ein Coup - ist doch klar!

    Das sollte man nicht nur zur Kenntnis nehmen und dies kritisieren - man sollte mal drei Schritte zurück gehen und das Ganze betrachten.

    Das genau ist die Aufgabe der Blogger, eben weil wir noch nicht korrumpiert sind.
    Den ersten Vorhang hast Du gelüftet - viele weitere erwarten Dich.

    Die Kaiserin ist nackt - und die Wahrheit ist hässlich.

    Dies werden wir in der Presse nicht lesen können.

    Stefan, verstehe mich nicht falsch, ich will mich hier nicht aufspielen. Das was ich fordere, genüge ich meistens selbst nicht. Es ist ein Anspruch!

    Täglich werden wir manipuliert. Von der Presse, von Politikern, und von der allgegenwärtigen Werbung. Es gibt eine bessere Welt. Nur die, die von dem bestehenden System profitieren, wollen uns diesen Glauben nehmen!

    Das Schlimmste, der Super-GAU, den die Herrschenden befürchten, ist, dass die Leute zu denken und zu reflektieren anfangen. Sich solidarisieren.
    Sie wissen, dass selbst das Militär gegen die MASSE keine Chance hat.

    Welch armselige Welt (die wir täglich selbst mitgestalten), in der es ein Coup ist von der Leyn als Außenministerin zu berufen. In der kommenden Legislaturperiode wird man uns medial die GroKo als progressiv und zukunftsweisend verkaufen wollen.

    Es wird nicht umsonst an Bildung gespart. Die Ungebildeten wählen schließlich nicht. Je weniger Bildung, um so mehr manifestieren sich bestehende Zustände.
    Aber auch die heutigen Studenten haben weniger eine Verbesserung der Gesellschaft im Sinn, als eine Verbesserung der eigenen Karriere (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel).
    Es gibt leider zur Zeit keine wirklich relevante APO. Sie wäre nötiger, den je,, aber alle sind aufgespaltet. Jeder hat seine eigene Sorgen.

    Wenig Gründe für Optimismus - aber viele gegen bestehende Zustände anzuschreiben.

    Schön, Dich dabei an meiner Seite zu wissen.

    Liebe Grüße
    Dude

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    1. @Dude "Das genau ist die Aufgabe der Blogger, eben weil wir noch nicht korrumpiert sind."

      Was genau unterscheidet denn die Blog-Szene vom Rest der Menschheit? Also von der Handlung abgesehen, dass man seine Gedanken im virtuellen Raum aufschreibt?

      Denkt man deswegen mehr oder anders, besser vll.? Ist man deswegen automatisch gebildeter oder mehr politisch interessiert, als der Rest der Menschheit? Ist nicht nur einziges Unterscheidungsmerkmal, dass man die Gedanken des anderen lesen kann, da niedergeschrieben?

      Und wozu dient dieses Schreiben? Wirklich der Aufklärung von anderen Menschen oder dient es mehr dazu, dass sich ein Kanal gebildet hat, weil man darüber mal "gesprochen" hat und da man darüber spricht, die Versicherung erhält, nicht alleine mit seinen Gedanken zu sein?

      Gruss
      Rosi

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    2. So schön ich es finde, Komplimente und Zuspruch zu bekommen (danke, Duderich!), bin ich doch bei Rosi. Man darf diese Bloggerei nicht überschätzen. Das ist ein Minderheitenprogramm und hat viel zu tun mit gegenseitiger Selbstvergewisserung einer - hoffentlich wachsenden - Minderheit. Wenn sich herausstellt, dass der eine oder andere Gedanke, den man im Blog äußert, größere Kreise zieht, dann ist das schon ein Riesenerfolg (ist mir glücklicherweise im Falle von Stefan Gärtner passiert, was mich sehr gefreut hat). Das sollte man nie vergessen, sonst ist der große Frust programmiert.
      @gnaddrig: Stimmt schon, ich erwähnte ja, dass eine VerteidigungsministerIN ein Novum hierzulande ist, aber ob man so ein Riesenbohei darum machen muss, ist eben eine andere Frage - dass Frauen politische Spitzenpositionen können, sollte seit 2005 für niemanden mehr überraschend kommen).

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    3. @ Stefan: Stimmt, Frauen in Spitzenpositionen sind mittlerweile normal. Das Gewagte daran ist nicht, dass eine Frau Ministerin wird, sondern dass man sie einer klassischen Männerdomäne vorsetzt. Viel Bohei braucht es trotzdem nicht. Die Stammtische werden sich damit abfinden müssen, dass Frauen sogar grillen können (was ja auch gern für unmöglich gehalten wird). Aber ein Augenbrauenhochziehen wird wohl erlaubt sein, das wird man doch wohl noch sagen dürfen ;)

      Was die Rolle der Blogger angeht, das sehe ich ähnlich wie Rosi und Du. Die gegenseitige Bestätigung Ähnlichdenkender und die Möglichkeit, sich abseits vom Mainstream öffentlich zu äußern ist wertvoll und wichtig. Das kann eine Meinungsbildung außerhalb der von klassischen Medien geprägten Denklinien erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen. Aber davon abgesehen sind Blogger auch nur Menschen, die Fehler machen, in ihren Filterblasen leben, ihre gefärbten Brillen tragen. Sie mögen andere Fehler machen als Journalisten großer Verlage, aber sie sind nicht per se ehrlicher oder integrer, haben nicht notwendigerweise mehr Durchblick.

      Jeder hat seine Themen und seine Agenda und müht sich, die voranzutreiben. Aber Bloggen ist nur ein neuer Kanal, der mit demselben Menschlich-allzu-Menschlichen beschickt wird wie alle anderen Medien auch. Und wenn Blogs bisher mehrheitlich nicht kommerziell sind, mag sie das unabhängiger etwa von Anzeigenkunden und Absatzzahlen machen, ändert aber nichts daran, dass auch Blogger nicht die allwissenden Erzähler unserer Welt sind, sondern mitten in der Scheiße stecken, über die sie schreiben. Dabei ist das Sendungsbewusstsein, das Duderich postuliert, sicher kein Fehler, solange man sich nicht in was verrennt.

      Blogger sind eine wertvolle Ergänzung der Medienlandschaft (oder können das wenigstens sein), Heilsbringer sind sie nicht.

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  4. Bei den an sich schon widerwärtigen Lobpreisungen über die Genialität von Merkels Entscheidungen sollte man nicht vergessen, dass auch Ursula von der Leyen selbst über eine große Anhängerschaft in der Journaille verfügt, namentlich seien hier Elisabeth Niejahr von der "Zeit" und das ganze weibliche schreibende Geschwärl bei "Welt-Online" erwähnt, -und diese Damen kommen mit ihrer Speichelleckerei noch etwas ekliger daher als die Merkel-Anhänger. So verglich Claudia Becker auf WON Ursula von der Leyen allen Ernstes mit der griechischen Göttin Athene. Aber wie stellt man einen Zusammenhang zwischen einer von Ehrgeiz zerfressenen Karrieristin und der Göttin Athene her.

    "Vielleicht spüren wir jetzt, Ende des Jahres 2013, in Anbetracht des neuen Kabinetts der Kanzlerin, wo unsere geistige Wiege steht: in der Antike. Und damit auch in den Ideen, die uns die Götterwelt vermittelt hat. Jene Bewohner des Olymp, die in vielerlei Hinsicht modern waren, nicht nur in Anbetracht ihrer sexuellen Freizügigkeit. Wegen des Geschlechts jedenfalls wurde niemand diskriminiert. Göttervater Zeus hielt seine Tochter für fähig, das Ressort mit dem größten Machtpotenzial zu übernehmen, und erklärte Athene zur Kriegsgöttin."

    So saugt man sich einen Text aus den Fingern, aber zu Claudia Beckers Entschuldigung sollte man erwähnen, dass der Text am 24.12. entstanden ist und die Dame wahrscheinlich noch einkaufen musste.

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