Mittwoch, 4. Dezember 2013

Hell is 57 varieties


"Alles so schön bunt hier! Ich kann mich gar nicht entscheiden!", sang Nina Hagen einst. Man kann nur spekulieren, ob sie sich ihrerzeit bewusst war, wie genau sie mit diesen Versen die zweifelhaften Segnungen der heutigen Konsumgesellschaft vorweg genommen hat.

Der hier schon einmal erwähnte britische Autojournalist, Top Gear-Moderator, Sunday Times-Kolumnist und bekennende Deutschenhasser Jeremy Clarkson ist ein Erzkapitalist. Aus seiner Sicht ist das sogar verständlich, denn er hat exakt während der Thatcher- und Major-Jahre eine glänzende Karriere hingelegt, die ihn zum Multimillionär gemacht hat. Klar, wieso sollte er ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell infrage stellen, dessen Rahmenbedingungen ihn stinkreich werden ließen? Aber sogar diesen ehernen Verfechter der freiestmöglichen Marktwirtschaft vermag selbige an seine Grenzen zu führen. Vor ein paar Jahren testete er eines seiner Lieblingsautos, den damals aktuellen BMW M5 - Clarkson mag zwar die Deutschen nicht, findet aber, dass sie gute Autos bauen und ansonsten nach Möglichkeit die Klappe halten sollten - und die Karre brachte ihn schier zur Verzweiflung. Alles und jedes ließ sich einstellen, von der Fahrwerksabstimmung über Getriebeübersetzung, Härte der Sitze bis zu der Frage, wie lang die Innenbeleuchtung nach Verlassen des Autos an bleiben soll. Sein Fazit: Die Wahl zu haben ist ja schön und gut, aber was zu viel ist, ist zu viel. Geht es nicht auch ein klein wenig sozialistischer?

Wenn sogar so jemand verzweifelt ob der ganzen Freiheit, dann ist das ein sicheres Zeichen, dass etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen und zur bloßen Ideologie geronnen ist. In der Tat, die Beispiele sind zahlreich. Von Zeit zu Zeit zum Beispiel schätze ich ein ordentlich gemachtes Schnitzel. Schön mit Fritten und Salatbeilage, die Gourmandise möge die Klappe halten. Auf die Gefahr hin, von österreichischen Jüngern der reinen Lehre gesteinigt zu werden, gebe ich zu, dass für mich auch gern auch ein Sößchen dabei sein darf. Ganz in der Nähe von mir gibt es ein Restaurant, das tatsächlich wegen der Anzahl seiner Schnitzelvariationen im Guinness-Buch der Rekorde steht (es müssten inzwischen um die 150 sein). Weil die ihr Handwerk wirklich beherrschen, gebe ich mir das hin und wieder einmal im Kreise netter Leute, und jedes Mal ist die Verzweiflung groß. Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Jedes Mal wälze ich gefühlte Ewigkeiten die Karte von links nach rechts, habe deswegen auf nüchternen Magen schon ein paar Bier intus und entscheide mich am Ende angeschickert doch für etwas Bewährtes. Zwanzig Variationen würden locker ausreichen und mich kein Stück unglücklicher machen, im Gegenteil.

Als Kind, vor allem aber als Jugendlicher mochte man schier platzen vor Vorfreude auf den 18. Geburtstag und konnte es kaum abwarten, weil sie dann endlich kommen sollte, die Freiheit. Keine Vorschriften mehr von lästigen Eltern, wählen gehen, aufbleiben bis zum Morgen, trinken, Party machen, Auto fahren und auch sonst alles machen, was ab 18 ist. Früher oder später verflog jedoch die Euphorie und wich dem Kater. Außer bei jenen bejammernswerten Gestalten, die sich permanentes Schnäppchenjagen zum Lebensinhalt erkoren haben, versteht sich. Man stellt fest, dass der Rausch nur kurz währt und die Freiheit nicht etwa zu-, sondern eher abnimmt. Dauernd müssen wir uns irgendwo entscheiden, fast überall haben wir angeblich die Wahl und andauernd hält jemand die Kralle auf. Irgendwann geben wir's dann auf. Überfordert von der ganzen Wahlfreiheit, bleiben wir bei einem Anbieter hängen und scheißen drauf, ob es irgendwo einen noch billigeren gibt. Trotzdem bleibt Unzufriedenheit.

Auch die, die glauben, mit dem ganzen Konsumterror nichts am Hut zu haben, den kriegen sie mit Greenwashing. Auf dem total liberalisierten Strommarkt winken inzwischen jede Menge Angebote für Ökostrom. Das kann gerade aufgeklärt und progressiv sich dünkenden Menschen durchaus Kopfzerbrechen bereiten. Na, immer noch bei einem der großen Dreckschleudern unter Vertrag? Dabei gibt es doch so viele saubere Alternativen. Los, komm schon, informiere dich, fordere Prospekte an, wir übernehmen alle Formalitäten. Unterschreib' schon, du wirst es nicht bereuen.

Diese große Freiheit erzeugt nicht etwa das große Glück, sondern vor allem Stress. Permanent hat man gefälligst auf dem Quivive sein nach dem günstigsten und besten oder auch dem ökologisch korrektesten Angebot. Es könnte einem ja ein noch besseres durch die Lappen gehen. Gerade bei länger laufenden Verträgen (Telefon, Internet, Handy, Versicherungen, Strom usw.) bedeutet das auch, andauernd über eine Menge Kündigungstermine den Überblick zu behalten. Einen mentalen Schildkrötenpanzer braucht, wer sich dem immer vollständig entziehen will. Schlimmer noch: Diese Ideologie von der Kosten minimierenden und Gewinne maximierenden Wahlfreiheit beeinflusst längst auch unser Privat- und Intimleben. Erst jüngst ging wieder einer dieser Kuppeldienste online, der sich speziell an jene eitlen Hackfressen richtet, die sich selbst für niveauvoll und auch sonst für was Besseres halten. Tausende Singles, die genau so von sich eingenommen sind wie du, warten auf dich. Alles eine Frage des Matchings. Wenn dir die/der eine nicht gut genug ist, kein Problem, hinfort mit ihr/ihm. Es warten immer noch bessere auf dich. Wundert sich da noch jemand über Bindungsängste?

"Wollen Sie etwa Zustände wie in Nordkorea?", pampen sie dann sofort los, die Taliban des freien Marktes und seiner Segnungen. Nö, eigentlich nicht, aber wenn diese libertären Ideologen nicht langsam aufhören zu nerven, dann nehme ich mir die Freiheit - ich habe ja die Wahl -, diese Leute für hirnamputierte Schwachköpfe zu halten, deren Horizont die Größe jenes Bierdeckels nicht überschreitet, auf dem sie am liebsten ihre Steuererklärung machen würden. Ihre Konsumfreiheit ist eine gefühlte Scheinfreiheit. Zum Mitschreiben: Man ist kein Stalinist, bloß weil man fragt, ob man wirklich 39 Sorten Tiefkühlpizza, 56 Sorten Gourmet-Kaffee im Supermarkt und 500 Kanäle in der Glotze braucht, um ein freier Mensch zu sein. Von bloßer Freiheit der Märkte profitieren immer nur wenige, aber viele zahlen drauf, meist ohne es zunächst zu merken. Die wahre Freiheit ist jedoch die, die in demokratischen Staaten durch Bürgerrechte gewährleistet wird, zu denen auch Pressefreiheit, Datenschutz und das Recht auf Privatsphäre gehören. Genau diese Rechte aber werden gerade auf dem Altar der nationalen Sicherheit geopfert. Das lässt sich sogar live verfolgen.

Der standhafte Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian, wurde vorgestern von einem Untersuchungsausschuss gegrillt wegen der Veröffentlichung der Snowden-Papiere. Wenn es stimmt, dass Patriotismus die letzte Zuflucht der Schurken sei, wie Samuel Johnson 1775 meinte, dann müssen in britischen Regierungskreisen eine Menge zwielichtiger Gestalten herumsitzen. Die unglaublichen Vorwürfe, derer er sich da erwehren musste, spotten jeder Beschreibung und lassen nur noch diesen Schluss zu. Ob er sein Land überhaupt liebe, wurde er allen Ernstes gefragt. Der konservative Abgeordnete Michael Ellis verstieg sich gar zu der Frage, ob Rusbridger auch die Erkenntnisse der Code-Knacker von Bletchley Park, die im zweiten Weltkrieg den 'Enigma'-Schlüssel der deutschen Wehrmacht entschlüsselt haben, an die Nazis verraten hätte. Das lässt noch einen weiteren Schluss zu: Diese Leute wähnen sich wirklich im Krieg und nehmen das Recht für sich in Anspruch, zentrale Freiheitsrechte im Namen der gefühlten Sicherheit einzuschränken oder auch ganz abzuschaffen. Der vermeintliche Krieg gegen den Terror ist längst zum Krieg gegen das eigene Volk geworden.

Auch bei uns ist man da auf einem guten Weg. Nicht nur faselte im Sommer der permanent überforderte Noch-Innenminister Friedrich vom Supergrundrecht auf Sicherheit, womit er mal eben eine völlig neue verfassungsrechtliche Kategorie erfand (Umbruchszeiten wie diese befeuern eben die Kreativität). Mit derselben Begründung wird die neue Regierung in Lauerstellung die Vorratsdatenspeicherung einführen. Kein Bangemachszenario wird ihr dafür zu abstrus sein und diesmal wird vermutlich auch kein Bundesverfassungsgericht sie stoppen können. Moment! Wir können immer noch unseren Telefon- und Stromanbieter frei wählen, also müssen wir doch in Freiheit leben, oder?



1 Kommentar :

  1. Die Maßlosigkeit ist das theoretische und wohl auch das praktische Prinzip der Marktwirtschaft, ihre fachwissenschaftliche Bezeichnung heißt Nicht-Sättigung. Ohne sie kann an ein allgemeines Marktgleichgewicht noch nicht einmal theoretisch gedacht werden. Wer die Nicht-Sättigung anzweifelt, gilt vielen Wirtschaftswissenschaftlern schon als Feind, weil es eine tragende Säule des ganzen fragwürdigen Theoriegebäudes ist.

    In der Tat, die Freiheit reduziert sich in unserem Zeitalter immer mehr auf die Auswahl im Supermarkt und die Gewerbefreiheit, politische Freiheit gilt den Neoliberalen als gefährlich, Hayek und Co lassen grüßen. Deswegen gehört die Politik in Hayeks Augen enttrohnt, sofern sie auch über wirtschaftliches zu befinden trachtete. Gerade letzteres ist der New Right seit Thatcher und Reagan hervorragend gelungen, so dass Politik zu einem Hobby unter vielen geworden ist.

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