Freitag, 27. Dezember 2013

Keine dämlichen Vorsätze


Na, schon gute Vorsätze gemacht fürs neue Jahr? Man kann viele Silvesterbräuche kritisch sehen: Knallerei ist laut, stinkt und macht die Straße dreckig, lustige Hüte sind niemals lustig, Bleigießen ist allenfalls für Kinder interessant und Fondue liegt zu schwer im Magen. Der zweifellos blödeste, weil sinnloseste Brauch aber ist der, so genannte gute Vorsätze zu machen und vor allem, anderen Anwesenden davon zu erzählen. Bei den üblichen Vorsätzen (Sport treiben, abnehmen, auf Süßes verzichten, Rauchen und/oder Trinken einstellen etc.) ist das Scheitern nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit vorprogrammiert und damit auch jede Menge Stress und das Gefühl, versagt zu haben.

Keine Ahnung, wie das in Fitnessstudios ist, weil ich noch nie in einem aktiv war. Oder auf den Läuferhauptstraßen in Wäldern und Parks. In Schwimmbädern dagegen kenne ich mich einigermaßen aus. Regelmäßige Schwimmer, die in Ruhe ihre Bahnen ziehen wollen, wissen, dass es zwei schwere Zeiten im Jahr zu überstehen gilt: Heiße Sommermonate, weil da die halbe Stadt nach Abkühlung lechzt, die Hallenbäder in vielen Kommunen aus Kostengründen geschlossen und die Freibäder demzufolge packevoll sind. Und die ersten vier bis sechs Wochen jeden Jahres. Auch da ist es immer überdurchschnittlich voll, weil die Leute gute Vorsätze zu Neujahr gemacht haben. Anfang, Mitte Februar ist das in der Regel ausgestanden und man hat wieder seine Ruhe. So viel zur Halbwertszeit des durchschnittlichen Neujahrsvorsatzes.

Zudem allzu radikale Abweichungen vom gewohnten Verhalten für das Umfeld oft eine echte Herausforderung, ja geradezu eine Provokation zu sein scheinen, mit denen nicht alle souverän umgehen können. Ich habe es mir vor vielen Jahren zur Gewohnheit gemacht, in jedem Jahr mindestens sechs Wochen am Stück keinen Alkohol zu trinken. Das hat für mich etwas mit Maßhaltenkönnen zu tun. Wer es gern mal krachen lässt, muss auch das Gegenteil können, sonst stimmt was nicht. Die Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern habe ich nicht aus religiösen Gründen gewählt, sondern weil es ein netter Anlass dafür ist. Ich mache da auch kein Gewese drum, nur manchmal ist man eben irgendwo dabei, wo gebechert wird.

Mittlerweile ist meine Trockenperiode weitgehend akzeptiert, aber in den ersten Jahren musste ich mir Dinge anhören, die mir noch heute die Ohren klingeln lassen. Die erste Frage war immer, ob ich ein Alkoholproblem hätte (Ich: "Nein, habe ich nicht, mir geht es gut, danke.") bzw. es wurde mir gleich eines unterstellt (denn sonst hätte ich so was schließlich nicht nötig). Oft bekam ich auch zu hören, ein Gläschen könnte ich ja wohl trinken (Ich: "Sicher könnte ich ein Gläschen trinken, aber darum geht es überhaupt nicht."). Der Gipfel war immer, wenn Menschen allen Ernstes persönlich beleidigt waren, wenn ich mich trotzdem hartnäckig weigerte, einen mitzutrinken. Seitdem weiß ich, wie Suchtkarrieren beginnen.

Für die meisten ist es schwierig genug, überhaupt etwas zu ändern. Der Mensch ist eben mehrheitlich ein Gewohnheitstier. Öffentlich geäußerte Neujahrsvorsätze aber werden so gut wie nie durchgehalten. Das hat vermutlich damit zu tun, dass ein neues Jahr als Zäsur empfunden wird und Menschen dazu neigen, sich dann noch unrealistischere Ziele zu setzen als sonst. Außerdem wirkt das Weihnachtsfest mit seiner mehrtägigen Prasserei noch nach und sorgt zusätzlich für ein schlechtes Gewissen. Es ist einfach keine gute Idee, beispielsweise zu beschließen, eine Weile nichts mehr zu trinken, während man noch am Kater des Jahres trägt.

Es spricht ja nichts dagegen, Gewohnheiten und Lebensweisen, die einem vielleicht sogar spürbar nicht gut tun, einzuschränken oder ganz bleiben zu lassen, respektive sich etwas anzugewöhnen, das einem gut tut. Vielleicht hat ein Vorsatz zu Neujahr auch schon einigen wenigen wirklich geholfen. Nur ist es erfolgversprechender, das nicht ausgerechnet zu Neujahr zu machen und vor allem nicht an die große Glocke zu hängen, sondern das schön diskret für sich zu erledigen. Außerdem haben öffentlich vorgetragene Neujahrsvorsätze für die Mitmenschen immer etwas unangenehm Heiligmäßiges ("Also, ich arbeite ernsthaft daran, ein besserer Mensch zu werden, und ihr?"), fast so, als ob der Nikolaus ein zweites Mal kommt, jetzt zu den Großen ("Na, auf welche Weise gedenkst du in Zukunft brav zu sein?").

Wer die Erfolgsaussichten solchen Getues kennt, weiß eh, wie das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit endet. Wenn man das schon mitmachen muss, warum den ganzen Selbstoptimierungsmüll nicht mal vergessen, das Pferd von der anderen Seite aufzäumen und sich nicht etwa etwas abkneifen, sondern sich etwas vornehmen, was das Leben wirklich schöner macht? Zum Beispiel eine lang geplante Reise unternehmen, den Kontakt zu alten Freunden oder Verwandten wieder aufleben lassen, mindestens vier Mal im Jahr mit dem/der Liebsten in ein schönes Konzert, eine Ausstellung oder ein nettes Restaurant gehen (komme mir keiner damit, was das kostet – Fitnessstudio und Laufschuhe sind auch nicht umsonst). So was hätte wenigstens eine Chance, auch eingehalten zu werden.


1 Kommentar :

  1. Jawoll, wider die idiotischen Vorsätze. Dass der Wechsel der Jahreszahl als Zäsur empfunden wird, leuchtet zwar ein, aber das Datum ist Wirklichkeit natürlich völlig bedeutungslos. Genausogut könnte man Vorsätze für ab dem eigenen Geburtstag fassen oder ab dem Beginn der Sommerferien oder sonstwas.

    Und dann kommt noch ein Ding dazu: Wenn man ein (empfundenes oder reales) Problem hat, geht das nicht weg, bloß, weil man einen Vorsatz [z.B. wie in Gute Vorsätze bei erzählmirnix.wordpress.com] fasst. Die Sozialkompetenz, die der Linke in dem verlinkten Comic aufbauen will, hat er nicht schon deshalb, weil er sie will. Und weil das so ist, wird er es spätestens im Februar aufgeben und weiterwurschteln wie immer. Der Vorsatz formuliert fast immer nur das Ergebnis, hier: Sozialkompetent werden und Freunde finden. Dass man dazu Schritte unternehmen muss, Dinge lernen oder ändern, Ursachenforschung betreiben usw., das übersehen die meisten (meine Vorsätze sind auch nie auf Trab gekommen, die sind immer verreckt, bevor sie in den zweiten Gang geschaltet hätten). Ergo: Vorsätze sind Unsinn. Wenn man was erreichen/ändern will, soll man es tun. Ohne Vorsatz, dafür mit Menschenverstand und möglichst mit Unterstützung Wohl- oder Gleichgesinnter. "Ich will ab 1.1. sozialkompetent (oder was auch immer) sein" wird scheitern.

    In diesem Sinne: Lass krachen!

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