Samstag, 14. Dezember 2013

Wenn Poeten träumen


Wir leben in Zeiten, in denen man nicht oft genug Kästner zitieren kann: Leben ist immer lebensgefährlich. Egal, wie sehr wir auf uns achten, egal, wie bewusst und gesund wir leben, egal, wie wir verzichten und vorsorgen, wenn der Schnitter kommt, dann kommt er und hundertprozentige Sicherheit kann es niemals geben. Für zahllose Generationen zuvor war das eine Selbstverständlichkeit. Für unsere offenbar nicht mehr. Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Das bürgerliche Zeitalter scheint sich dem Ende zu neigen und wir wissen nicht, was danach kommt. Das lässt alte Sicherheiten erodieren und schafft Zukunftsängste. Einige der Folgen fasste Wilhelm Heitmeyer zusammen unter dem Begriff der 'Verrohten Bürgerlichkeit'.

Diese Ängste lassen Menschen panisch suchen nach Gewissheiten, an die sie sich noch klammern können, so irrational sie sein mögen. Wenn rundherum alles ins Rutschen zu geraten scheint, dann soll wenigstens die eigene kleine Welt heil sein. Da wird das schick eingerichtete Vorstadt-Einfamilienhaus zum Fetisch, egal, wie man sich auf Jahrzehnte dafür verschuldet. Man wählt Merkel, aus Angst, zu viel könnte sich ändern. Die Schulbildung der Kinder wird zum mit aller Kraft betriebenen Projekt, das dem Nachwuchs die Zukunft sichern soll, auch wenn es ihnen die Kindheit versaut. Versicherungen verdienen sich goldene Nasen an teils absurd unseriösen Vorsorgeprogrammen und so weiter.

Auf der anderen Seite lässt das Gefühl der Unsicherheit viele auch nach Schuldigen suchen für ihre Unsicherheit und Zukunftsangst: Da gerät der Migrant ins Visier, der Transferempfänger, der faule Student oder der vom Staat gepamperte Beamte. Nachlässig mit seiner Gesundheit umgehen geht auch nicht, denn das belastet zusätzlich. In so einer Gemengelage wird ein möglichst langes Leben zum einzig erstrebenswerten Ziel, mag es auch noch so miserabel und langweilig sein. Und wir nehmen es achselzuckend hin, dass unsere bürgerlichen Rechte ausgehöhlt und teilweise abgeschafft werden um einer gefühlten Sicherheit willen.

Der kluge Robert Pfaller formuliert das so: "Der Selbstmordattentäter, der sein Leben um jeden Preis loswerden will, erscheint mir in gewisser Weise als das Spiegelbild des ängstlichen westlichen Menschen, der es um jeden Preis behalten will. Würden wir uns nicht sofort zu panischen Sicherheitsvorkehrungen und zu massiven Eingriffen in die Bürgerrechte hinreißen lassen, dann hätte es auch weniger Reiz, uns zu attackieren. 'Macht, was Ihr wollt, wir bleiben gelassen', wäre ein souveränes Signal. Wenn wir zeigen, dass wir diejenigen sind, die schlechtes Leben mehr fürchten als den Tod, dann stellt sich für die anderen die peinliche Frage, auf welchem Standpunkt sie eigentlich stehen." Anders gesagt: Wenn westliche Regierungen auf ein statistisch minimales Risiko durch Terroranschläge mit dem reagieren, was Don Alphonso so treffend anlasslose Totalüberwachung nennt, dann ist das Konzept des Terrors aufgegangen und die betreffenden Leute haben genau das erreicht, was sie wollen und somit gewonnen. Wollen wir das?

Nicht nur das Hochkochen von Ressentiments ist erschreckend, sondern der bei immer mehr, auch durchaus intelligenten Menschen zu beobachtende, rapide Verlust der Fähigkeit, simple Dialektik zu ertragen. Lange war es nahezu undiskutabler Konsens, dass Demokratien nicht foltern, niemanden ohne entsprechendes, regelgerechtes Verfahren einsperren, ihre Bürger nicht vorauseilend überwachen und sie auch sonst nicht unter Generalverdacht stellen. Vor allem verlangten Demokratien nicht mehr von ihren Bürgern, als sich an die Gesetze zu halten, weil alles andere Willkür wäre. Etwas anderes forderten immer nur Obskure von den politischen Rändern. Kurz: In Demokratien heiligte der Zweck nie die Mittel. Ihre Stärke bestand immer im bewussten Verzicht auf zahllose Möglichkeiten, sich in das Privatleben ihrer Staatsbürger einzumischen und so die Strafverfolgung vielleicht effektiver zu gestalten. Erst dieser Verzicht ermöglichte so etwas wie ein Gefühl von Freiheit. Wenn unsere Regierungen gefühlten Bedrohungen weiter damit begegnen, Bürgerrechte zu beschneiden und diesen Konsens aufkündigen, dann ist das nicht etwa ein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche.

Nun versuchen über 500 Schriftsteller aus aller Welt - und das sind nur die Erstunterzeichner - in einem Aufruf, sich dem entgegen zu stellen. Das ist nicht nur bemerkenswert, weil es sich um eine beinahe globale Aktion handelt, sondern auch, weil die Literaten genau die Kernfrage unserer Zeit treffen: Was bleibt übrig von der Freiheit, jenem Core Asset des Westens, wenn man sie nur noch darauf reduziert, dass jeder Bürger zwar weiterhin bei Wahlen sein Kreuzchen machen kann und auch die freie Wahl hat beim Konsum, sich aber ansonsten keinen Moment unbeobachtet und unüberwacht fühlen kann?

Wenn ein transatlantischer Büchsenspanner wie Torsten Krauel in der WELT meint, auf elementaren Rechten zu pochen, wie es die Literaten jetzt täten, sei zwar sicherlich ehrenwert, letztlich aber bloß ein naiv-romantischer Poetentraum, weltfremd geradezu, dann ist das nicht nur lachhaft, sondern ein Zeichen dafür, in welchem Maße auch dieses, sich eigentlich als bürgerlich gerierende Blatt, den Boden des Bürgerlichen bereits verlassen hat. Auch die ebenso perfide wie falsche Leier, in den USA und in Großbritannien hätte man mit dem krakenhaften Treiben der geheimen Dienste weit weniger Probleme als im romantisch-gutmenschlichen Deutschland, wo man sich lieber kantianischen Träumereien hingebe, anstatt sich der harten Wirklichkeit zu stellen und die Ärmel hochzukrempeln, fehlt nicht. Die Antwort auf die Frage, wieso dann so viele der Unterzeichner des Aufrufs gerade aus den USA und Großbritannien kommen, bleibt Krauel freilich schuldig. Ebenso schuldig bleibt er die Antwort auf die Frage, ob die Vision der totalen Sicherheit, die diesen ganzen Überwachungsleviathan befeuert, nicht auch eine naive Träumerei sein könnte.

Dabei versteigt er sich allen Ernstes zu der These, die Datensammelei der NSA habe einen heimtückisches BH-Attentat auf eine Passagiermaschine verhindert (kein Witz). Ja und? Auch wenn mir vielleicht weniger unwohl wäre, wenn die Schnüffelei in den letzten Jahren zum Beispiel auch nur eine rechtsradikale Gewalttat mit Todesfolge verhindert hätte, würde ich so ein Vorgehen nicht billigen, weil es ein weiteres zentrales Gebot demokratischer Rechtsstaaten verletzt: Das der Verhältnismäßigkeit. Es ist zweifellos furchtbar, wenn Menschen wegen eines Verbrechens zu Tode kommen, aber deswegen gleich die gesamte Bevölkerung lückenlos auszuspionieren, ist in etwa so verhältnismäßig, als würde man eine ganze Stadt einem DNA-Test unterziehen, weil jemand Äpfel aus Nachbars Garten gemopst hat.

Denn beim Aufruf der Schriftsteller geht es nicht um naive Romantik. Er wurde von Menschen mitunterzeichnet, die in Ländern leben, in denen Tag für Tag weit mehr Menschen aus vermeidbaren Gründen ums Leben kommen als bei uns. Diesen Leuten muss man keine Vorträge halten über Sicherheit. Es geht sehr handfest darum, dass wir gerade einen wichtigen Teil dessen verspielen, was westliche Demokratien während der letzten gut 200 Jahre nicht nur zum politischen Erfolgsmodell, sondern das Leben in ihr im Gegensatz zu anderen Regimes halbwegs angenehm und einigermaßen erträglich gemacht hat.

In Deutschland bildete man sich gern etwas darauf ein, das Land der Dichter und Denker zu sein. Gerade Konservative tun das immer noch. Die Verachtung, die eben diesen Dichtern und Denkern, die es wagen, sich autoritären Allmachtsphantasien in den Weg zu stellen, aus einer Zeitung entgegenschlägt, die sich immer als konservativ verstanden hat, zeigt, wie sehr der hiesige Konservatismus mittlerweile am Arsch ist (Schriftsteller, die anderswo in UnrechtsstaatenTM Opposition machen, bekommen natürlich weiterhin Preise umgehängt). Machen wir uns nichts vor: Grundrechte wie Unverletzlichkeit der Wohnung, Post- und Telefongeheimnis und eine unabhängige, politisch streitbare Presse, die sich als Korrektiv und vierte Gewalt versteht, waren Errungenschaften des verdämmernden bürgerlichen Zeitalters. Auch der politisch streitbare Literat, der sich in das Tagesgeschehen einmischt und Stellung bezieht war so eine Erscheinung.

Sigmar Gabriels Gefasel, dass Vorratsdatenspeicherung den Massenmord eines Anders Breivik wohl verhindert hätte, ist nicht nur durch nichts zu belegen, sondern auch ein deutliches Warnzeichen. Es geht längst nicht mehr um links gegen rechts oder um konservativ gegen progressiv, sondern um die Frage, was uns zivilisatorische Errungenschaften wie Privatsphäre und Unschuldsvermutung noch wert sind. Bei allen sonstigen Unterschieden, scheinen sich die Beteiligten der dräuenden Größten Koalition Aller Zeiten in der Frage der Vorratsdatenspeicherung einig zu sein. Sie haben Angst und sie hassen unsere Freiheit.

Kommentare :

  1. Wenn westliche Regierungen auf ein statistisch minimales Risiko durch Terroranschläge mit dem reagieren, was Don Alphonso so treffend anlasslose Totalüberwachung nennt, dann ist das Konzept des Terrors aufgegangen und die betreffenden Leute haben genau das erreicht, was sie wollen und somit gewonnen.

    Schwierig war das nicht. Der "Verlierer" lauerte längst in den Startlöchern. Wie viele Verlierer hatte auch dieser Verlierer ständig Angst.

    Ja, sie haben gewonnen! Alle haben sie gewonnen und wir die Freiheit verloren.

    Die Verlierer sind die Gewinner der Angst. Denn die Angst hat sogar Angst in die Verborgenheit verbannt zu werden. Das dachte ich spontan, als ich den Artikel von Lobo las:

    "Sie hassen unsere Freiheit", das war der zentrale Satz in George W. Bushs Ansprache vor dem US-Kongress kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

    Ausgerechnet Bush ... chronische Unsicherheit und Unterlegenheitsgefühle, Megalomanie, Manichäismus, Wahnvorstellungen, Depressionen .... Ach was soll's, noch ein Link:
    http://www.pw-portal.de/rezension/28879-george-w-bush-und-der-fanatische-krieg-gegen-den-terrorismus_34085
    Wie ähnlich sie sich doch gewesen sind ... Der Feind und der Feind, beide im heiligen Krieg.

    Sie sind sich alle so gleich, diese Ängste. Auch wenn sie sich vermeintlich feindlich gegenüberstehen. Angst blickt in den eigenen Spiegel des eigenen Versagens und was passiert? Die Angst bekommt bekommt Panik.

    Freiheit braucht Mut (und Selbstkritik). Doch Mut ist denen, die nur in den eigenen Spiegel der Angst schauen, nicht gegeben. Sie sind die ersten, die die Freiheit bereitwillig der anderen dafür opfern bzw. so tun, als sei dies für sie ein Opfer.

    Dabei haben sie die Freiheit schon immer gehasst, weil sie Angst davor haben. Sie drehen sich um und erblicken Freiheit. Doch sie sehen nur die Spiegel der Angst und geraten in Panik. Fast so, als haben sie nur darauf gewartet, dass ihr eigenes Spiegelbild ihnen bestätigt, was sie schon immer wussten: Hinter der Angst steht die Panik, sich selbst erkennen sie darin nicht.

    Es ist einfach nur noch traurig.

    Die Welt ist wahnsinnig geworden, wahnsinnig vor Angst. Wer der Angst nicht mehr entrinnen kann und von Spiegelbildern umgeben scheint, in denen nur noch die eigene Fratze der Angst reflektiert wird, der steckt in einer Psychose und verliert völlig den Bezug zur Realität.

    Vermutlich der Grund, warum dem Beobachter die ergriffenen Maßnahmen doch so haarsträubend widersprüchlich ohne Realitätsbezug erscheinen. Letztlich sind es diese Maßnahmen der Angst, die die Angst verbreiten und in Panik münden.

    Krank, krank, krank, krank ... Und Kranke lenken und formen die Geschicke der Welt. Und wie gestalten sie sie? Krank, krank, krank. Wen scharen sie um sich? Kranke oder Co-Kranke. Es ist die einzige Welt, die sie kennen und anerkennen und an die sie zu appellieren in der Lage sind.

    Erst wenn die Welt so sei, wie sie es sich vorstellen, ist die Welt eine richtige. Meinen sie zumindest. Denn wenn sie sie gestaltet haben, wird es doch niemals für sie die richtige sein und die Angst wird sie stets begleiten. Aber das wissen sie nicht, denn sie sind ja krank.

    Bald haben sie es geschafft ... und ich bekomme auch Angst. Die können einen aber auch bange machen ;).

    Gruss
    Rosi

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  2. Naja, eines der Grundmerkmale Bielefelder Soziologen ist es, das Ranking und die Leistungs-Bewertung von Menschen zu erfinden, und die Resultate davon dann zu kritisieren. Soziologie als Marktsegment, - funktioniert doch. Und sogar nachhaltig.

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  3. ...scheinen sich die Beteiligten der dräuenden Größten Koalition Aller Zeiten in der Frage der Vorratsdatenspeicherung einig zu sein. Sie haben Angst und sie hassen unsere Freiheit.

    Dass sie bei der GröKaZ unsere Freiheit hassen, bezweifle ich. Aber Angst haben sie anscheinend schon. Soviel, dass die fast alle vernünftigen Gedankengänge übersteuert. Am Ende ist der Unterschied aber akademisch, die Freiheit geht so oder so den Bach runter.

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  4. Die "bei der GröKaZ" sind auch nicht die Initiatoren, das sind die MItläufer. Die brauchen keine Begründung. Weder gefühlt noch verstanden. Mitläufer laufen einfach hinterher und lassen sich letztlich auf alles konditionieren.

    Wer letztlich die Urheber dieser Gedankengänge waren, wie diese Ideen zustande gekommen sind, das hinterfragen sie doch gar nicht.

    Gruss
    Rosi

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