Donnerstag, 31. Januar 2013

Die Aldisierung der Republik


Schwer vorstellbar heute, aber es ist noch nicht so lange her, da galt, wer bei Aldi einkaufte, in in bestimmten Kreisen als quasi mittelloser Hungerleider. In der Schule, wir schrieben die späten Siebziger, hatte ich einen guten Freund, der einem privilegiert zu nennenden Haushalt entstammte: Die Familie bewohnte gegenüber dem Haus meiner Großeltern eine Jugendstilvilla, es standen zwei Autos vor der Tür, im Wohnzimmer gab es ein sündteures Gerät namens Videorecorder und alle spielten Tennis. Anders, als der äußere Anschein hätte vermuten lassen, hielt das Oberhaupt, immerhin ärztlicher Direktor einer Klinik, seinen Anhang finanziell äußerst kurz. Mein Kumpel bekam Zeit unserer Schulzeit weniger Taschengeld als ich und seine Mutter musste wohl gewaltig mit dem Haushaltsgeld knausern. Wenn ich gelegentlich gefragt wurde, ob ich zum Essen bleiben wollte, dann bekam ich dort zu meinem Erstaunen manchmal Nudeln mit Ketchup vorgesetzt. Bei mir zu Hause in der heimischen Mietwohnung gab es so was Simples nie. Der Vorteil an der Sache war, dass in dieser Familie, trotz aller Statussymbole, Arroganz nicht nur in sprachlicher Hinsicht ein Fremdwort war und ich dort immer auf das Herzlichste willkommen war.

Dienstag, 29. Januar 2013

Seltener Troll-Typ


Es ist bereits hier und da deutlich geworden, dass ich Deniz Yücels Kolumnen in der taz meist recht gern lese. Die Kolumnen selbst sind dabei in der Regel nur der halbe Spaß. Die Kommentarspalten sind mindestens genau so ein Vergnügen, denn hier tobt sich eine Troll-Art aus, die vergleichsweise selten anzutreffen ist (zuletzt bei Mely Kiyak): Es handelt sich um jenen Typus, der es darauf anlegt, eine/n spezielle/n Autoren/in gezielt mit bösen Kommentaren zu überziehen. Wobei Kiyak und Yücel zwei Dinge gemeinsam haben: Beide haben im weitesten Sinne das, was man einen Migrationshintergrund nennt und sie sind ein Mann bzw. eine Frau. So bekommen sie nicht nur Zunder aus der rassistischen, sondern auch aus der misogynen bzw. misandrischen Ecke.

Montag, 28. Januar 2013

Run for cover!


Irgendwann in den Siebzigern riss Otto Waalkes folgenden Witz: Ein Mann, trifft zufällig einen alten Bekannten wieder und man kommt ins Erzählen. Auf einmal sagt der Mann: "Übrigens, ich habe jetzt ein Stinktier als Haustier." "Igitt!", meint der Freund, "Wo hältst du das denn?" "Na, im Schlafzimmer natürlich.", entgegnet der Mann. "Und der Gestank?" - "Ach, daran wird das Tier sich schon gewöhnen." Was haben wir gelacht! Als ich letztes Jahr in irgendeiner Sendung sah, wie ein Mann tatsächlich Stinktiere in seiner Wohnung hielt, wurde mir schlagartig klar, dass ich langsam alt werde. Anderes Beispiel: Die Nonsens-Metal-Band JBO brachte vor knapp fünfzehn Jahren das Album 'Meister der Musik' heraus. Darauf befindet sich neben Eigenkompositionen und Coverversionen auch eine mehrteilige Werbeparodie auf einen Sampler, auf dem Schlager- und Dancefloor-Fuzzis Hardrock- und Metal-Klassiker zum Besten geben ("Blümchen singt Black Sabbath!", "Richard Clayderman spielt Metallica!", "Ernst Mosch und seine Egerländer spielen Venom!" usw.).

Freitag, 25. Januar 2013

Zu Unrecht aus der Mode gekommene Wörter


Wenn es hier jüngst hieß, das einzig Konstante an Sprache sei die Veränderung, so bedeutet das keineswegs, dass diese Veränderung immer zum Besten der Sprache sei. Im Gegenteil: Es scheint sich ein Hang zu einem sprachlichen Extremismus breit zu machen, der nur noch schwarz und weiß kennt und dabei die tausend kleinen Zwischentöne und Nuancen plattwalzt, die die Sprache sonst noch bereit hält. Vor allem in Bezug auf eigene Empfindungen lässt man ja gern die Sau raus, heutzutage. Entweder es geht einem bombenobersuperprima oder man muss gleich kotzen, dazwischen gibt es nichts. Welch schönes Wort ist da zum Beispiel das vom Aussterben bedrohte 'blümerant'. Wenn jemand sagt, im werde gerade so blümerant, dann bedeutet das nicht, dass ihm übel oder gar kotzübel sei, sondern, dass er das Gefühl hat, ihm könnte eventuell gleich ein wenig flau werden.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Danke, Runic!


Wie es auch geht

Von meinem Hang zu Computerspielerei ist nicht allzuviel übrig geblieben. Als ich irgendwann unter die Erwerbstätigen fiel, wurde Freizeit plötzlich kostbar und die Zockerei ließ nach. Ab einem gewissen Alter bezahlt man eine am Rechner durchdaddelte Nacht nun einmal damit, den nächsten Tag zum größten Teil abhaken zu können. Zu den letzten Computerspielen, die ich dennoch mit Freude und Ausdauer gespielt habe, gehörte vor Jahren Diablo 2. Keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass ich mir normalerweise weder etwas aus Fantasy noch aus Rollenspielen mache. Es war ein Riesenspaß, bis in die Puppen durch neue Welten zu streifen, Quests zu lösen, diverse Charaktere mit neuen Waffen und Fähigkeiten aufzurüsten und dabei natürlich massenhaft Monster platt zu machen. Das Ding entfaltete einen ungeheuren Sog: Dieses eine Dungeon noch, dieser eine Bossgegner noch! Was? Schon drei Uhr morgens? Mist!

Montag, 21. Januar 2013

Wahlnachlese: Fast nur Verlierer


Schwarzer Kater

Die CDU hat neben den Grünen von allen Parteien sicher den solidesten Sockel an Stammwählern. Das liegt unter anderem daran, dass Geschlossenheit bei der Union von jeher eine größere Rolle spielt als anderswo und viele eingefleischte CDU-Anhänger fast jeden Kandidaten wählen würden, wenn es nur dafür gut ist, dass kein Sozialdemokrat an die Macht kommt. Um die dreißig Prozent sind da immer irgendwie drin, nur für absolute Mehrheiten reicht es nicht einmal mehr in Bayern. Die Wahl hat gezeigt, dass es nichts nützt, stärkste Fraktion zu sein, wenn der Juniorpartner FDP seinen Zerfallsprozess weiter fortsetzt. McAllisters Kalkül, die schwarzgelbe Koalition per Zweitstimmen, die aus seinem Lager der FDP zufließen, zu retten, ist knapp gescheitert. Und eine schwarz-grüne Option ist, allen Sondierungsversuchen zum Trotze, fürs Erste nicht in Sicht.
Die schlechte Nachricht: Fällt mir spontan nicht ein.
Die gute Nachricht: Der Muslime frühstückende Innenminister Schünemann ist seinen Job los.

Samstag, 19. Januar 2013

Man wird doch wohl noch sagen dürfen!


Wenn Rassismus sich als Gebildetsein tarnt

Georg Diez, dem man einen Hang zu verbaler Verblasenheit nicht immer absprechen kann, hat es dieses Mal - Ehre, wem Ehre gebührt - ziemlich gut getroffen. Als bekannt wurde, dass der Thienemann-Verlag aus Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker Die kleine Hexe Wörter wie 'Neger' oder 'Negerlein' entfernen wird, pumpten sich Sprachpuristen mächtig auf. (Bei Thienemann folgte man übrigens dem Beispiel des Oetinger Verlags, der aus Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf Worte wie 'Neger' oder 'Negerkönig' entfernte.) Sofort wurde Politisch Korrekte Gesinnungsdiktatur diagnostiziert und von Zensur geschwafelt. Ulrich Greiner, der irgendwann einmal beim selbsternannten Dickdenkerblatt ZEIT schaffen durfte, verstieg sich gar allen Ernstes zu der Mahnung, man stehle Menschen, zu deren Lesebiografie diese Bücher nun einmal gehörten, ihre Erinnerung. Diez stellt die berechtigte Frage, woher eigentlich die Aggression derer käme, die dieses schmutzige Wort um jeden Preis verteidigen wollen.

Dienstag, 15. Januar 2013

Kratzer an einem Denkmal, das keines ist


So schlimm das klingen mag, aber ich kann nicht behaupten, dass die Nachricht, die Schauspielerin Pola Kinski werfe ihrem 1991 verstorbenen Vater vor, sie jahrelang sexuell missbraucht zu haben, mich vor lauter Überraschung aus den Socken gehauen hätte. So im Sinne von: "Was denn? Der? Niemals!" Die Anwürfe gegen Frau Kinski, sie habe ihr demnächst erscheinendes Buch Kindermund, in dem sie über den Missbrauch berichtet, aus purer Eitelkeit oder Ruhmsucht geschrieben, sind lächerlich. Die Dame lebt, so ist zu lesen, in geordneten Verhältnissen und ist in ihren inzwischen sechzig Lebensjahren, im Gegensatz zu ihrer prominenteren Halbschwester Nastassja, kaum groß aufgefallen und hat auch nie mit Gewalt das Licht der Öffentlichkeit gesucht. Wieso sollte sie jetzt noch damit anfangen? Überhaupt: Was für eine Art Ruhm soll das sein, den man angeblich bekommt, wenn man sich über den eigenen Vater derartige Ungeheuerlichkeiten aus den Fingern saugte?

Samstag, 12. Januar 2013

Monstermuttis


Die Amerikanerin Janell Hofmann hat ihrem 13jährigen Sohn Gregory ein Smartphone geschenkt. Das wäre nicht weiter der Rede wert, hätte sie ihr Geschenk nicht an eine Reihe von Bedingungen genknüpft. Der Junge musste einen Vertrag unterschreiben, der eine Reihe von Klauseln enthält. Die wichtigsten sind folgende:
  • Es ist mein Telefon. Ich habe es gekauft. Ich zahle dafür. Ich leihe es dir. Bin ich nicht die Größte? 
  • Ich werde immer das Passwort kennen. 
  • Wenn es klingelt, geh ran. Es ist ein Telefon. Sag Hallo, gebrauche deine Manieren. Ignoriere nie einen Anruf, wenn auf dem Display "Mum" oder "Dad" steht. Nie.
  • Es kommt nicht mit in die Schule. Sprich persönlich mit den Menschen, denen du Mitteilungen schreibst. Das ist eine Fertigkeit fürs Leben. 
  • Wenn es in die Toilette fällt, auf den Boden kracht oder sich in Luft auflöst, trägst du die Kosten für den Ersatz oder die Reparatur. Mähe Rasen, geh Babysitten, spar dein Geburtstagsgeld. Es wird passieren, also solltest du vorbereitet sein. 
  • Schreibe, maile und sage nichts durch dieses Gerät, was du nicht auch persönlich sagen würdest. 
  • Lass dein Telefon manchmal zuhause und fühle dich sicher mit dieser Entscheidung. Es ist nicht lebendig oder ein Fortsatz von dir. Lerne, ohne es zu leben. Sei größer und stärker als die Angst, etwas zu verpassen. 
  • Halte deine Augen offen. Schau, was um dich herum passiert. Starre aus einem Fenster. Hör den Vögeln zu. Geh spazieren. Sprich mit einem Fremden. Wundere dich, ohne zu googeln.
Die komplette Liste von Mutters Vorschriften, die man hier nachlesen kann, enthält noch eine Reihe weiterer Zumutungen. Zum Beispiel das übergriffige Bekenntnis, wie wahnsinnig sie ihn liebe und dass sie ein Team seien. Die Lady gibt vor, ihren Sohnemann damit zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Technik erziehen zu wollen. Unheimlicher noch als die Aktion selbst sind die Horden von Monstereltern, meist Mütter, die der alten Schnepfe auch noch frenetisch Beifall klatschen. Juhu, endlich sagts mal eine!, jubeln sie ihr auf twitter zu und erinnern damit an die, die die diktatorischen Methoden der berüchtigten Tiger Mom für der Weisheit letzten Schluss hielten. Anlass genug, dem armen Jungen ein wenig zur Seite zu stehen:

Mittwoch, 9. Januar 2013

Parallele Realitäten


Es fing vergleichsweise harmlos an. Das Projekt von Ute Diehl, den Alltag einer Kölner Arbeiterfamilie ohne Skript mit der Kamera zu dokumentieren, ab 1989 unter dem Namen 'Die Fussbroichs' in diversen dritten Programmen ausgestrahlt, war eine Schnurre, von der man nicht meinen sollte, welche Folgen sie haben sollte. Das altkluge Gekölsche von Fred und Annemie Fussbroich nebst den Eskapaden ihres verzogenen, kleinkriminellen Sohnes war lange nur der 'kultige' Spaß einer vergleichsweise kleinen Fangemeinde. Was damals noch nicht zu ahnen war: Inzwischen kommt kein Sender mehr aus ohne ein oder mehrere Doku- oder Reality-Soaps..

Sonntag, 6. Januar 2013

Dreikönigstheater


Wenn man die Berichterstattung über das heurige Dreikönigskrippenspiel der FDP auch nur flüchtig überfliegt, wird schnell deutlich, womit es bei diesem Laden so hapert. Wenn eine Partei über Jahre hinweg in Umfragen und bei Wahlen dermaßen gestutzt und zerrupft wird wie diese angeblich liberale Gurkentruppe (nicht meine Worte!), dann würde für jede andere Partei irgendwann der Punkt kommen, in sich zu gehen, das Undenkbare zu denken und sich die Frage zu stellen, ob es nicht eventuell – horribile dictu! – auch an einem selbst liegen könnte, wenn nicht einmal mehr Mutti so recht mit einem spielen will.

Donnerstag, 3. Januar 2013

Zum neuen Jahr


Der Jahreswechsel ist bei vielen die Saison der guten Vorsätze. Abgesehen, dass ich es ziemlich armselig finde, mit seinen eigenen Vorsätzen hausieren zu gehen (so man welche hat und, wenn ja, von denen man 90 Prozent eh nicht einhält): Warum nicht mal anderen Vorschläge für gute Vorsätze unterbreiten? Ich hätte da die eine oder andere Idee für unsere geschätzten Qualitätsmedien. Es wäre schön, wenn man in der einen oder anderen Redaktion den Vorsatz gefasst hätte, auf Propaganda dieser Art zu verzichten: