Mittwoch, 31. Juli 2013

Symptom, nicht Ursache


Inge Hannemann verdient allen Respekt für ihren Mut und ihr Rückgrat. Seit 2009 legt sie in ihrem Blog dankenswerterweise offen, wie man in dem Jobcenter, bei dem sie (noch) angestellt ist, mit Menschen umzugehen pflegt. Dafür bekommt sie zu Recht eine Menge Aufmerksamkeit und Beifall. Heute wurde ihre Suspendierung vom Arbeitsgericht Hamburg für rechtens erklärt. Es steht ihr allerdings noch der weitere Instanzenweg bis hin zum Europäischen Gerichtshof offen.

Sonntag, 28. Juli 2013

Sei mal tolerant, du Arsch!


Die momentan herrschende Bullenhitze hat nicht für alle Vorteile. Zum Beispiel für Menschen wie mich. Dass ich Hitze nicht gut vertrage und es lieber etliche Grade kühler hätte, mag ich hier nicht noch einmal groß ausbreiten. An den Temperaturen lässt sich eh nix ändern, man muss sich halt irgendwie arrangieren und Wege finden, damit umzugehen. Übel ist es aber, wenn man zu denen gehört, die sich als körperlichen Ausgleich Schwimmen gewählt haben. Es ist wirklich schön, in einer Stadt zu siedeln, die dankenswerterweise noch nicht dem Spaß- und Wellnessbadvirus anheim gefallen ist und mehrere klassische Schwimmbäder vorhält, in denen sich nicht nur Bahnen ziehen lassen, sondern auch der Eintritt bzw. eine Jahreskarte noch gut bezahlbar ist.

Mittwoch, 24. Juli 2013

Wo der freie Markt waltet


Die Privatisierung der Telekommunikation würde vieles im Leben der vom staatseigenen Monopolisten geknebelten Telefonierer einfacher machen, hieß es damals. In der Tat kommt man sich schnell vor wie Opa, der vom Krieg erzählt, wenn man etwa Menschen, die deutlich jünger als dreißig sind, klarmachen möchte, dass es mal Zeiten gab, in denen die Deutsche Bundespost ("Opa, was hat die Post mit telefonieren zu tun?") Standardtelefone in drei bis vier Farben (mausgrau, schleimocker, popelgrün, signalorange) mit maximal drei Metern Schnur ("Opa, wozu braucht ein Telefon eine Schnur?") erlaubte und man auf einen Telefonanschluss schon mal mehrere Monate warten musste ("Und warum habt ihr euch dann nicht einen anderen Anbieter gesucht, Opa?").

Montag, 22. Juli 2013

Die fröhlichen Hartzer von Pinneberg


Es muss kein Zeichen von zwanghaftem Geiz sein, seine Flocken ein wenig zusammen zu halten. Man kann es auch verantwortlichen Umgang mit Ressourcen nennen. Warum teures Super bleifrei verballern, wenn man in der glücklichen Situation ist, auch mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können? Warum mittags Imbissbuden und Stehbistros reich machen, wenn man sich auch was von zu Hause mitbringen kann? Warum stilles Wasser immer neu kaufen, wenn die Flaschen sich auch ein paar Mal mit Leitungswasser neu befüllen lassen? Kühlt man das gut, bemerkt keiner einen Unterschied. Alles schön, kann man machen. Man spart nicht nur Geld dabei, sondern tut teilweise sogar etwas für Umwelt und Gesundheit.

Problematisch wird es, wenn man sich nicht freiwillig für so was entscheidet, sondern dazu gezwungen ist und sich dann noch von Leuten, die das nicht nötig haben, schlaue Ratschläge anhören darf.

Freitag, 19. Juli 2013

Was macht eigentlich...


... die FDP so?

Nein, ernsthaft. Wenn man bedenkt, dass die Liberalen nicht müde werden, sich als die einzig wahre Partei der Freiheit und der Bürgerrechte abzufeiern und andauernd vorgeben, sich als einzige mutig staatlicher Willkür in den Weg zu stellen, dann müsste der Verein momentan doch förmlich im Achteck springen. Nähmen sie ihr eigenes programmatisches Gerede auch nur ansatzweise ernst, dann müsste gerade mindestens eine heftige überparteiliche Debatte stattfinden über Privatsphäre und bürgerliche Freiheiten in Zeiten totaler Überwachung. Angesichts der, höflich ausgedrückt, windelweichen Reaktion der Kanzlerin und ihres Innenfiffis auf NSA und Prism müsste eine Partei, die sich dergestalt als tapferes Häuflein liberaler Idealisten inszeniert, doch mit Koalitionsbruch drohen. Sollte man jedenfalls meinen.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Deutschland, uneinig Egoland


Seit ihrer Gründung arbeitet die Bertelsmann Stiftung unermüdlich daran, dieses Land ein bisschen weniger solidarisch zu machen. So wenig Staat wie möglich lautete das schlichte Credo des erzkonservativen Gütersloher Bücherpaten Reinhard Mohn, der eine kleine Verlagsklitsche  zu einem der größten Medienhäuser Europas und später der Welt aufbaute. Mohn mag seinem Anspruch daran, wie ein Firmenchef zu sein hat, durchaus gerecht geworden sein. Für seine Mitarbeiter wird er tatsächlich so etwas gewesen sein, wie ein Patriarch – streng zwar, aber auch väterlich, großzügig, vor allem aber loyal. Unter seiner Ägide (und den Bedingungen des Wirtschaftswunders) musste vielleicht niemand Angst haben, entlassen zu werden.

Zwei bis drei Denkfehler aber muss man Mohn postum attestieren. Erstens: Ostwestfalen ist nicht die Welt. Zweitens: Unternehmer wie er und Unternehmen wie seins sind die Ausnahme, nicht die Regel. Drittens: Ein erfolgreicher Unternehmer ist zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger als ein erfolgreicher Unternehmer und deswegen noch lange kein universell begnadeter Visionär, der in allen Fragen und allen Bereichen des menschlichen Daseins kompetent ist. Noch zu Lebzeiten, meinte er, Eigentum verpflichte. Unter anderem dazu, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Dieses an sich edel und altruistisch sich ausnehmende Motiv ist in Wahrheit nicht selten ein egoistisches: Es geht darum, die Gesellschaft im eigenen Sinne zu verändern.

Montag, 15. Juli 2013

Feine Idee!


Es ist eine Binse, dass in den USA in vieler Hinsicht andere Sitten und Gebräuche herrschen als bei uns. So auch bei der Art und Weise, wie Firmen ihre Angestellten bezahlen. Während es bei uns die Regel ist, den Lohn der Mühen monatlich aufs Girokonto geschaufelt zu bekommen, beherrscht in Amiland vielerorts noch immer der gute alte Gehaltsscheck (paycheck) die Szene. Wer sich noch erinnert: Im Gegensatz zu einer Überweisung verursacht so ein Scheck ein wenig Arbeit: Wer ihn bekommt, muss ihn persönlich bei einer Bankfiliale einlösen. Die Bank muss den Betrag dann dem Konto gutschreiben bzw. das Scheckformular einscannen und sich vom Scheckaussteller das Geld zurückholen.

Freitag, 12. Juli 2013

20 Prozent - auf nichts mehr


Am härtesten trifft die Insolvenz der aufdringlich werbenden Baumarkt-Kette Praktiker zweifellos die ca. 20.000 Mitarbeiter. Sollten die blaugelben Märkte demnächst alle dicht machen, dann werden Konkurrenten, wie schon im Fall Schlecker, sich bald darauf einige gut gehende Filialen unter den Nagel reißen. Daher werden einige ehemalige Praktiker-Mitarbeiter sich sicher bald in der Montur eines anderen Anbieters wiederfinden. Nur eben längst nicht alle. Und auch die, die das Glück haben, woanders unterzukommen, werden höchstwahrscheinlich Nachteile in Kauf nehmen müssen. Niedrigere Löhne, befristete Verträge, prekäre Arbeitsverhältnisse und möglicherweise längere Anfahrtswege, um nur drei zu nennen. Ein paar wenige werden sich vielleicht sogar besser stellen als zuvor. Das ist ihnen nur zu wünschen.

Dienstag, 9. Juli 2013

Selig, die verzichten


„Wer niemals einen Rausch gehabt, / der ist kein braver Mann.“ (Joachim Perinet, 1765-1816)
Na auch immer geglaubt, kleine Sünden seien die Würze des Lebens? Dass ein paar nette kleine Exzesse dem Dasein erst den richtigen Pep verleihen? Zum Beispiel der eine oder andere komplett durchgammelte Tag, ein gelegentliches üppiges, herrlich ungesundes Essen, vielleicht sogar fettes Fast Food, ein gepflegtes Besäufnis, ein Stück Kuchen hier und da oder ein paar Süßigkeiten, vielleicht auch eine komplett unsinnige Anschaffung? Tja, dumm gelaufen. Denn jetzt haben amerikanische Wissenschaftler herausgefunden, dass die Selbstdisziplinierten, die sich dauerhaft jegliche solcher Ausschweifungen konsequent abklemmen, statistisch die größte Chance hätten, auf lange Sicht wirklich glücklich zu sein. Die wahre Seligkeit liege also im permanenten Entsagen.

Sonntag, 7. Juli 2013

Heute rundum positiv


Letztens meinte jemand zu mir, wenn man meinen Blog lese, könnte man meinen, ich sei verbittert. Leider führte er nicht aus, wie er das genau meinte, aber ich muss gestehen, es beschäftigte mich schon ein wenig. Sicher wird in der Bloggerszene mehr gemosert als anderswo. Das liegt unter anderem daran, dass die Grenzen zwischen PR und Journalismus immer mehr verschwimmen und viele kommerzielle Medien in ihren Netzauftritten zunehmend Belangloses oder Hofberichterstattung liefern. Daraus aber, dass ich mich regelmäßig über so was auslasse, zu schließen, ich liefe den ganzen Tag mit einem Gesicht herum wie sechs Wochen Regenwetter und hätte quasi schon den Strick um den Hals, ist schlicht Quatsch. Daher gibt es heute einen ernst gemeinten, positiven, beinahe völlig kritikfreien Beitrag über etwas, das bei mir fast in jedem Jahr für gute Stimmung sorgt.

Freitag, 5. Juli 2013

Seltsame Gedanken eines Ärztemuffels


Weil ich das Glück habe, über eine recht robuste Gesundheit zu verfügen und ich nur sehr selten ernsthaft krank werde, waren meine Begegnungen mit dem Gesundheitswesen, abgesehen von meinem Zivildienst und der Zahnmedizin, bislang eher spärlich. Trotzdem lässt sich nicht ignorieren, dass auch ich langsam in ein Alter zu kommen scheine, in dem erste Abnutzungserscheinungen an der Karkasse sich bemerkbar machen. Und da kann es vorkommen, dass man sich nolens, volens doch in die hoffentlich kundigen Hände der weißen Zunft begeben muss. Für jemanden wie mich ist das wie eine Landung auf einem fremden Planeten.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Demokratien ohne Demokraten?


Bis heute gilt die Watergate-Affäre nicht nur in den USA als Meilenstein des investigativen Journalismus, als Beweis, dass demokratische Kontrolle funktioniert und als Zeichen der Macht einer aufgeklärten, mündigen Öffentlichkeit. Die Fakten sind weitgehend bekannt: Präsident Nixon missbrauchte zum Zwecke des Machterhaltes zahlreiche seiner ohnehin weitgehenden Kompetenzen und wurde erwischt. Um einem  Amtsenthebungsverfahren zuvor zu kommen, trat er 1974 als erster amerikanischer Präsident vom Amt zurück. Die Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward von der Washington Post und ihr Informant Deep Throat wurden beinahe zu Ikonen der Popkultur. Sie konnten nachweisen, dass der Versuch, das Hauptquartier der Demokratischen Partei zu verwanzen, von Auftraggebern aus dem Weißen Haus veranlasst worden war und der Präsident davon gewusst haben musste.

Montag, 1. Juli 2013

Wir bau'n uns ein Schloss


Vorab ein Geständnis: Als Kind bin ich meinen Eltern einige Zeit lang zwei mal pro Jahr (vor Weihnachten und vor meinem Geburtstag) damit auf die Nerven gegangen, unbedingt eine Playmobil-Ritterburg haben zu wollen. Meine Nerverei dauerte so lang wie ich mich nicht zu alt fühlte für Playmobil. Also etwa das Grundschulalter hindurch und noch ein wenig länger. Ich hatte da nämlich eine Vision: Die mächtige Burg, die sich in immer neuen Konstellationen zusammenstecken ließ, würde der unverzichtbare Mittelpunkt meines Kinderzimmers sein, malte ich mir aus. Es würde Leben sein in der Bude: Belagerungen würde sie ehern stand halten, prachtvolle Turniere würden veranstaltet werden, in denen edle Ritter um die Gunst keuscher Burgfräuleins stritten. Alles Kompetenzen, die im späteren Leben für einen Kavalier alter Schule sehr sinnvoll sein konnten, fand ich. Überhaupt, ein echter Junge ohne Ritterburg, das ginge eigentlich gar nicht.