Samstag, 30. November 2013

Den Unverzichtbaren zum zehnten


Dieser 30. November 2013 soll nicht verstreichen ohne einen herzlichen Glückwunsch an die NachDenkSeiten, die auf den Tag genau vor zehn Jahren zum ersten Mal online gingen.

Genau weiß ich nicht mehr, wann ich mit den NachDenkSeiten zuerst in Berührung gekommen bin. Ich weiß nur, dass Schröder nicht mehr Kanzler war und wie es passierte. Vor einigen Jahren stolperte ich in der Stadtbibliothek meines Vertrauens über Albrecht Müllers Bücher 'Die Reform-Lüge' und 'Machtwahn'. Mir ging es so weit gut. Ich hatte einen Job, konnte meine Rechnungen bezahlen und hatte prinzipiell Vertrauen in Politik und Medien. Klar, mir war schon bewusst, dass nicht alles zum Besten lief, ich wusste, dass Politiker Versprechen brechen und dass Medien versuchen, uns zu manipulieren, nicht zuletzt, weil ich schon damals ein großer Fan von Volker Pispers war. Die neoliberalen Zumutungen der Schröder- und der Post-Schröder-Ära fand ich schon irgendwie ärgerlich, aber ich fand, sie waren nötig. Man könnte sagen, ich war ein perfekt angepasster, schön eingelullter, braver Staatsbürger.

Donnerstag, 28. November 2013

Guten Morgen in der schwarz-roten Demokratur


Die große Koalition als Symptom eines gefährlichen Demokratiedefizits

Dass Angela Merkel alles dafür getan hat, die große Koalition zu bekommen, passt zu ihrer Art, Politik zu machen. Geht man davon aus, dass offene, zähe politische Auseinandersetzung nicht so ihr Ding ist und sie das reibungslose Durchregieren bevorzugt, kann man ihr nur gratulieren, denn sie hat erreicht, was sie wollte. Die zahllosen roten Kröten, die die Union angeblich so heldenhaft schlucken musste, sind entweder keine oder sie sind so geschickt terminiert, dass massig Zeit bleibt, sie wieder zu zerreden. Frohe Kunde, der Mindestlohn kommt!, tönen die Sozen. Ja, aber erst 2017, kichern die Schwatten. Schon mal gerechnet? Das ist in ziemlich genau vier Jahren. Interessant aber, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, fast alle nur über den Inhalt des Heiligen Vertrages diskutieren bzw. darüber, was das alles wieder kosten soll, nicht aber darüber, was die neuen Machtverhältnisse mit dem politischen System dieses Landes anrichten können.

Mittwoch, 27. November 2013

Grund für vorsichtigen Optimismus?


In den 1980ern verdienten Vorstände von DAX-Konzernen im Schnitt 500.000 DM pro Jahr, also zirka 250.000 Euro. Zwanzig Jahre später haben ihre Bezüge sich um den Faktor 24 auf durchschnittlich sechs Millionen Euro (ca. 12 Mio. DM) vervielfacht. Es ist nicht bekannt, dass ein DAX-Vorstand vor zwanzig Jahren verhungert oder verelendet unter einer Brücke geendet wäre. Für die meisten Nicht-DAX-Vorstände wird es schwierig, da noch irgendeinen Zusammenhang zwischen Leistung und Entlohnung herzustellen, vor allem, wenn das eigene Einkommen stagniert oder sogar sinkt. Hinzu kommt noch, dass viele Vorstände noch Betriebsrenten im zweistelligen Millionenbereich kassieren, wenn sie aus dem Job ausscheiden. Und das alles nur, damit Spitzenkräfte, die sich hier eh schon für eine Handvoll Erdnüsse abrackern,  sich auch weiterhin unserer erbarmen und nicht morgen ihre Koffer packen, um eines der zahllosen Angebote in aller Welt annehmen.

Sonntag, 24. November 2013

Thanksgiving, kontrafaktisch


Die traditionelle amerikanische Sitte der Völlerei an Thanksgiving, das jedes Jahr am letzten Donnerstag im November gefeiert wird, ist Europäern vor allem aus diversen Filmen bekannt, in denen es um misslungene Truthähne und damit einhergehende Familienstreitigkeiten geht. Weiterhin gilt das lange Thanksgiving-Wochenende als Startschuss zum alljährlichen Weihnachtskonsumterror. Das Fest selbst geht auf die Pilgerväter zurück. Einer unbelegten Legende zufolge, sollen Siedler in Plymouth Rock in Massachusetts 1621 mit den örtlichen Wampanoag-Indianern ein Erntedankfest gefeiert haben. Das Danke sagen bezog sich auf die Eingeborenen, ohne deren Hilfe, so heißt es, die Siedler den Winter wohl nicht überlebt hätten. Das Verhältnis zwischen europäischen Kolonisten und Ureinwohnern gestaltete sich in den folgenden Jahrhunderten immer weniger harmonisch als in der frommen Legende. Ruben Bolling alias Tom The Dancing Bug hat den Spieß in seinem aktuellen Cartoon einmal umgedreht:

Freitag, 22. November 2013

Das Fundstück: Ups, falscher Mozart!


Nicht nur in der populären Musik, auch im so genannten klassischen Konzertbetrieb ist es nichts ungewöhnliches, dass ein Konzert vorher lediglich telefonisch oder sonstwie abgesprochen wird, vor allem, wenn es um oft gespielte Repertoirestücke geht. Das Orchester bereitet sich vor, der Solist tut das gleiche, man reist an, spielt die Nummer einmal zusammen in einer Generalprobe durch und fertig ist der Lack. Keine große Sache. Auch in der oft so erhaben sich gebenden Welt der E-Musik herrschen hinter der befrackten Fassade viel grauer Alltag und Routine. Unangenehm, aber auch sehr interessant kann es werden, wenn die akribisch geplanten Abläufe plötzlich aus der Spur geraten. Zum Beispiel, wenn sich bei der Generalprobe herausstellt, dass das Orchester ein anderes Stück einstudiert hat als der Solist. So ist es 1998 der Pianistin Maria João Pires und dem Dirigenten Riccardo Chailly bei einer öffentlichen Generalprobe mit dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam passiert. Das Orchester hatte Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466 einstudiert, Pires aber offensichtlich ein anderes.

Mittwoch, 20. November 2013

Der nie aufgab


Dieter Hildebrandt (1927-2013)
"Ein Mensch, der von Berufs wegen zum Widerspruch verpflichtet ist, muss sich auch gegen ärztliche Diagnosen wehren. So hofften wir, es wäre nur eine Pause, die er einlegt, eine Pause nach der ersten Hälfte des Abends und dass er wiederkäme zur zweiten Hälfte. Und unausgesprochen war doch klar, dass die Pause vielleicht etwas länger und die zweite Hälfte mit Sicherheit etwas kürzer sein würde." (Frank Markus-Barwasser alias Erwin Pelzig)
Wortreichere Nachrufe sind bereits zu Hauf von anderen geschrieben worden und werden noch folgen. Was soll man sagen angesichts der doch plötzlichen Nachricht vom Tode Dieter Hildebrandts? Soll man sich in detaillierten stilistischen Analysen ergehen oder akribisch sein Werk ausbreiten? Können andere besser. Nein, mir ging spontan durch den Kopf, dass es Zeiten gab in diesem Land, in denen Dieter Hildebrandt so ziemlich der einzige war, der im Fernsehen regelmäßig echtes politisches Kabarett machte. Im Sendebereich des WDR gab es vor dem Start der 'Mitternachtsspitzen' fast nur 'Klimbim', Otto, Insterburg & Co, 'Nonstop Nonsens' und 'Mainz bleibt Mainz' im biederen BRD-Pantoffelkino. Teils nett, aber Kabarett geht anders. Wo wäre die nächste Generation Kabarettisten ohne ihn? Sie, die alle dazu beitragen, dass es etwas weniger untertänig zugeht hierzulande? Die Roglers, die Schmicklers, die Schramms, Pispers, Priols und Pelzigs? Schwer vorstellbar ohne sein Vorbild, seine Energie und auch seine Fürsprache.

Dienstag, 19. November 2013

Willkommen im Neandertal


"Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, / das müssen Männer mit Bärten sein [...] / Jan und Hein und Claas und Pit, / die haben Bärte, die fahren mit" (Gottfried Wolters)
Kein Zweifel, Bart tragen ist wieder in. Nach Jahrzehnten, in denen nur als gepflegter Mann galt, der einen glatt rasierten Babypopo um die kantige Macherfresse hatte, scheint so eine Gesichtsmatratze vor allem für Großstädter seit einiger Zeit das Mittel der Wahl zu sein, der Welt zu zeigen, dass ihnen mehr Testosteron als Östrogen durch die Arterien schwappt. Mir ist übrigens ziemlich egal, ob das gerade in ist oder nicht. Ich trage seit zirka 20 Jahren einen Bart, den ich alle paar Tage stutze. Das maskuline Morgenritual des Nassrasierens, so erfrischend es sein mag, war mir damals doch recht bald lästig geworden. Vor allem, weil ich als ausgemachter Morgenmuffel dazu neigte, mich andauernd zu schneiden. Nicht schön, die nächsten paar Stunden rumlaufen zu müssen, als sei man in eine Messerstecherei geraten. Dass es sich im übrigen tatsächlich um einen echten Trend handelt, lässt sich daran erkennen, dass inzwischen sogar Weichmacher feilgeboten werden, damit die Wolle nicht gar so kratzt beim Knutschen.

Sonntag, 17. November 2013

Der Präsident, der Bischof und die Medien


Man hat es tatsächlich geschafft, etwas zu finden, mit dem man Ex-Bundespräsident Christian Wulff juristisch am Zeug flicken kann. Vorteilsannahme im Wert von 753,90 Euro, so heißt es in der Klageschrift. Jede kleinere Hochzeitsfeier ist deutlich teurer. Wenn Wulff ein Rückgrat hätte, ein gewisse Souveränität, dann würde er sagen: Leute, das ist mir echt zu dämlich hier. Er würde einen Scheck über diese Summe plus der Kosten des Verfahrens auf den Tisch legen und den Saal verlassen. Noch Fragen? Danke. Es sagt einiges aus über ihn, dass er diese Bagatelle allen Ernstes als Podium dafür zu nutzen gedenkt, seine Ehre wieder herzustellen. Unentspannte Kleinbürger neigen dazu, es zwanghaft immer allen zeigen zu wollen. Aber wenn's ihm hilft, bittesehr. Das Verfahren gegen Wulff lenkt auch den Blick auf den momentan beurlaubten Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, denn es offenbaren sich bei näherer Betrachtung durchaus Parallelen zwischen beiden, vor allem im Hinblick auf die Rolle, die die Medien gespielt haben.

Donnerstag, 14. November 2013

Nolympia - sauber!


Frechheit aber auch! Da haben es die Münchner und die Bewohner dreier weiterer gallischer Dörfer in Bayern sich tatsächlich erdreistet, gegen die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 zu stimmen. Ein paar störrische Landeier in Lederhosen wagen es, sich den ambitionierten Plänen weiser Landesfürsten in den Weg zu stellen, und schon jaulen die Untergangspropheten los. Wahrlich, es steht mal wieder schlimm um Deutschland. Die ermatteten deutschen Weicheier hätten ihre Gestaltungskraft verloren, heißt es (warum nicht gleich ihr Mojo?). Ludwig Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen im bayerischen Landtag, verstieg sich gar zu der These, von nun an werde es niemals wieder eine deutsche Olympia-Bewerbung geben. Ups, waren die Grünen nicht mal irgendwann die Partei der Basisdemokratie? Heißt Sportsgeist nicht auch, mal verlieren zu können? Und überhaupt: Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

Sonntag, 10. November 2013

Keine freie Fahrt für unfreie Bürger


Eine Autobahnmaut für Pkw wäre mir ziemlich egal, denn ich habe das Glück, für den Weg zur Arbeit nicht darauf angewiesen zu sein und nutze die Bahnen ansonsten nur wenig. Ich bin eh alles andere als ein Anhänger der Autolobby, ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen ginge in Ordnung für mich und ich könnte mich auch mit einer Maut anfreunden. Vorausgesetzt, die Einnahmen würden für sinnvolle Dinge verwendet. Für den Ausbau des Schienennetzes und des öffentlichen Nahverkehrs zum Beispiel. Dem scheint aber nicht so zu sein, denn die zu erwartenden Einnahmen fielen kaum ins Gewicht, wenn Inländer die Maut mit der Kfz-Steuer verrechnen können. Dass das Ganze nicht doch irgendwann teuer wird, kann nur jemand mit der Lebenserfahrung eines Neugeborenen ernsthaft glauben. Höchstwahrscheinlich wird es bei diesem für Deutsche kostenneutralen Modell, das nur Ausländer treffen soll, nicht bleiben. Wenn ein aufwändiges System erst einmal aufgebaut ist, dann wird es früher oder später auch genutzt werden. Hat damals, als die Mautbrücken begannen die Autobahnen zu zieren, wirklich jemand geglaubt, man würde ein solche milliardenteure Infrastruktur in die Gegend setzen, um es auf Dauer bei einer Lkw-Maut zu belassen?

Samstag, 9. November 2013

Nettes Reality TV


Peter Zwegat und sein Format 'Raus aus den Schulden' gehören zu den weniger unsympathischen Erscheinungen der Fernsehlandschaft, erst recht der privaten. Ein Interview in der taz offenbart, dass Zwegat ein ziemlich anständiger Typ ist, der die Bodenhaftung nicht verloren hat und mit dem man durchaus ein Bier trinken würde. Klar, er ist in einem Alter prominent geworden, in dem die meisten sich oder der Welt nicht mehr großartig was beweisen müssen. Das immunisiert sicher ein wenig gegen die ärgsten Flausen. Man nimmt dem gelernten Sozialarbeiter durchaus ab, dass er seine Klienten nicht bloßstellen, sondern ihnen wirklich helfen will. So verurteilt er Menschen, die in die Schuldenfalle geraten sind, meist auch nicht, sondern zeigt, wie schnell man in so eine Situation geraten kann und wie schnell sie einem über den Kopf wachsen kann. Zudem inszeniert er sich nicht als Superman, der für alles eine Lösung hat, sondern scheut sich nicht, auch seine Grenzen zu zeigen. Gucke ich gelegentlich mal, wenn nichts Interessanteres anliegt.

Dienstag, 5. November 2013

Kann das gehen?


Der erste 'Asterix' neuer Zeitrechnung - das Verdikt

Mit 'Asterix' ist das Medium Comic in Europa erwachsen geworden und hat es speziell in Deutschland, wo Comics lange als amerikanischer Schund galten, sogar geschafft, vom Bildungsbürgertum ernst genommen, teilweise geliebt zu werden. Viele, die irgendwann mit den Abenteuern der Gallier in Berührung gekommen sind, können noch Jahrzehnte später ihre Lieblingsstellen auswendig. Als alter Fan, dem die letzten Versuche beinahe körperliche Schmerzen bereiteten, habe ich das neue Album mit ein wenig gemischten Gefühlen gekauft. 'Asterix bei den Pikten', erschienen am 24. Oktober, ist das 35. Heft der Reihe und das erste, das nicht von Albert Uderzo gezeichnet wurde. Als Zeichner wurde der erfahrene Didier Conrad verpflichtet, als Texter der preisgekrönte Jean-Yves Ferri. Beides Vollprofis, die nicht nur ihr Handwerk verstehen, sondern auch gewusst haben mussten, worauf sie sich da einlassen. Es gibt schlechtere Voraussetzungen.

Wie 'Tim und Struppi' mit Hergé, schien Asterix immer untrennbar verbunden mit René Goscinny und Albert Uderzo. Die Reihe mit einem neuen Team wieder aufleben zu lassen, ist natürlich ein Risiko, aber machbar. Denn das Potenzial ist nach wie vor groß, außerdem gibt es durchaus Beispiele, bei denen so etwas gelungen ist. Die von André Franquin ('Gaston') begründete Reihe 'Spirou und Fantasio' wird inzwischen vom sechsten Autoren-/Zeichner-Team betreut und es scheint so weit zu funktionieren. Es spricht für den 86jährigen Lordsiegelbewahrer Uderzo, dass es über sich gebracht hat, das Ruder an ein jüngeres Team zu übergeben, anstatt Asterix vermutlich mit noch einem Album, einer weiteren Neuauflage oder zusammengestückelten Geschichtchen aus dem Archiv endgültig zu Grabe zu tragen.

Diesmal verschlägt es die Gallier nach Kaledonien, also ins heutige Schottland, wo die Pikten leben. Streng genommen, ist das historisch nicht ganz korrekt. Die Pikten waren ein Stamm in der Gegend des heutigen Schottland, der aber erst zum Ende der Römerzeit anfing, eine Rolle zu spielen. Streng genommen, müsste der Band daher 'Asterix in Kaledonien' bzw. 'bei den Kaledoniern' heißen, aber dann wäre der Gag mit der Vorliebe der Pikten für Piktogramme perdu gewesen. Außerdem ist auch René Goscinny immer großzügig mit so was umgegangen, wenn sich gute Gags daraus stricken ließen. Die Deutschen waren auch nicht deckungsgleich mit den Goten, hätten aber sonst nicht gotische Fraktur geredet. Man sollte da also nicht zu kleinlich sein. Beruhigend aber, dass die Neuen gleich an die Phase anknüpfen, in denen Asterix und Obelix in fremde Länder aufbrachen und die Konfrontation mit den diversen Spleens der Bewohner einen Großteil des Spaßes ausmachte.

Also, wie ist das neue Heft nach einer ersten Durchsicht? Worum geht es? Was ist gut, was weniger und was geht gar nicht? Wer eh wild entschlossen ist, sich das Album noch zu kaufen und sich selbst ein Bild machen möchte, sollte - Spoiler voraus!!! - jetzt tunlichst nicht weiter lesen.

Sonntag, 3. November 2013

Der Heilige der Kulturmasochisten


"Als Mario Barth als kleiner Junge gesagt hat: "Ich werde Komiker.", haben alle gelacht. Heute lacht keiner mehr." (stupidedia)

"Rether löst in mir spontane Aversionen aus, die zum Teil bestimmt durch seine Haarfrisur bedingt sind, aber zum größeren Teil durch seine passiv-aggressive Art: dieses Geklimper am Klavier! So machen Kinder mit ADS auf sich aufmerksam. Diese leise Stimme, die einen zwingt, ganz genau zuzuhören! Dieser völlige Witzverzicht, der die Bedeutsamkeit seiner Moralpredigten noch steigern soll! Daß Leute bereit sind, sich solche Vorträge zur Unterhaltung und für Geld anzuhören, ist mir absolut rätselhaft." (Oliver Nagel)
Mario Barth nicht zu mögen, ist weniger Geschmackssache, sondern eine Frage des Anstands. So angebracht es ist, sich über ihn zu mokieren, so einfach ist es aber auch. Das Wirken dieses Mannes vereint alles, was am deutschen Mittelmaß-Spießer hassenswert ist: Eine Schnauze, deren Größe sich antiproportional zu der des Geistes verhält, völlige Ironiefreiheit, latente Brutalität, Hinterhältigkeit, und vor allem, sich in einer Tour auf Kosten von Menschen, die sich nicht wehren können, gewaltig einen runterholen. Wie gesagt, für alle, die den Glauben an so etwas wie Zivilisation noch nicht völlig aufgegeben haben, ist es geradezu eine Pflicht, diesen frauenfeindlichen, zappelnden Stadionvollmacher mit dem Sprung in der Platte zutiefst abzulehnen. Dass er sagenhaft erfolgreich ist mit dem, was er von sich gibt, ist im Übrigen kein Gegenargument, sondern, wie jede SPIEGEL-Bestsellerliste, lediglich ein handfester Beweis dafür, dass Erfolg absolut nichts zu tun haben muss mit der Qualität des Gebotenen. Schwieriger kann es hingegen werden, in gewissen Kreisen zu bekennen, dass einem zum Beispiel Hagen Rether gewaltig auf die Eier geht. Denn der Hagen, der ist doch einer von den Guten, der ist doch einer von uns. Der hat doch immer so recht.