Mittwoch, 8. Januar 2014

Die Chaoten von Hamburg


"Die nachwachsende Generation hat es mit einer Gesellschaft zu tun, die sich ihr und ihren Anliegen vor allem durch Ignoranz in den Weg stellt. Die zahlreichen sozialen Probleme und Konflikte bleiben bemerkenswert ungelöst: Das Ansteigen von Armut in Deutschland, die je nach Schätzung bereits jedes dritte bis fünfte Kind betrifft, drohende Abwärtsspiralen der europäischen Wirtschaft, die Menschen in Ländern wie Griechenland bereits erreicht haben [...] und vieles mehr sind die Themen und womöglich der künftige Alltag der jetzt jungen Generation. Gleichzeitig werden deren Proteste immer öfter kriminalisiert und abgewertet." (Melanie Gross)
Natürlich sind Polizeibeamte genauso wenig per se gewalttätig wie der Rest der Bevölkerung. Weil sie aber weisungsgebunden sind, kann man sie sehr wohl gezielt in Situationen bringen, in denen sie kaum mehr eine andere Wahl haben, als Gewalt anzuwenden. Nach allem, was man weiß und nach allen Widersprüchen, die sich jetzt nach und nach offenbaren, scheint die Strategie der Hamburger Obrigkeit ungefähr so auszusehen: Erst provozieren, bis es knallen muss. Wenn es dann zu Zusammenstößen kommt, bei denen möglicherweise Beamte verletzt werden, wird die Opferkarte gezogen. Die wiederum dient dann als Rechtfertigung für drakonische Maßnahmen, wie etwa die, die halbe Hamburger Innenstadt auf unbestimmte Zeit zum Gefahrengebiet zu erklären und jeden Menschen, der sich dort bewegt, unter Umkehrung rechtsstaatlicher Prinzipien unter Generalverdacht zu stellen. Der feuchte Traum jedes obrigkeitsstaatlichen Law-and-Order-Fanatikers.

Worum geht es eigentlich? Unter anderem darum, dass in der Gegend um die Rote Flora gerade das statt findet, das als Gentrifizierung bekannt geworden ist. Das bedeutet: Leute mit Geld, denen das Vorstadtleben zu öde geworden ist, kaufen sich haufenweise in Stadtviertel ein, deren 'Charme' sie für sich entdeckt haben. 'Charme' bedeutet in der Regel: Leicht heruntergekommen, niedrige Mieten, interessantes Umfeld wegen der hohen Dichte an Studenten, Kreativen und anderen, die sich das Leben woanders nicht leisten können und viele hübsche, aber leicht vergammelte Altbauten. Die werden luxussaniert, die Mieter nach und nach vertrieben, luxuriöse Immobilien für die gehobenen Ansprüche der neuen Bewohner werden dazwischen geklatscht. Wenn das Viertel dann hübsch gemacht ist, hat es jeden Charme verloren und die solvente Horde zieht irgendwann weiter, das nächste charmante Quartier zu vergewaltigen. Es ist das gleiche Pack, das einst aufs Land zog und dann den Bauern nebenan verklagte, weil der Hahn krähte.

Warum Staatsgewalt so oft nach links auszukeilen und nach rechts Samthandschuhe zu tragen scheint, lässt sich am Beispiel Hamburgs gerade schön studieren. Im Gegensatz zum rechten Mob haben Demonstranten wie die in Hamburg einen schrecklichen Schönheitsfehler: Sie stellen die herrschenden Verhältnisse infrage und mögen zum Beispiel die Vorstellung, dass eine Stadt auch etwas anderes sein könnte als eine bloße Ansammlung von Spekulationsobjekten in Privatbesitz, ums Verrecken nicht akzeptieren. Gentrifizierung hat für die betreffenden Städte andererseits den unschätzbaren Vorteil, dass Geld in die Kassen kommt, ohne dass sie selbst viel dafür hinlegen müssen. Wird ein einst heruntergekommener Stadtteil auf edel gemacht, zieht das zahlungskräftige Bewohner an und im Schlepptau die entsprechenden Dienstleistungen, die wiederum für entsprechende Einnahmen sorgen. Da stören ein paar angestammte, weniger solvente Mieter natürlich nur.

Jüngste Recherchen haben übrigens ergeben, dass die wahre Hamburger Chaostruppe, also die, die richtig Geld kostet, sich nicht um die Rote Flora herumtreibt oder an der Davidswache, sondern  in anderen Etagen beheimatet ist.



1 Kommentar :

  1. Hallo Herr Rose

    Die Chaostruppe, schöne Bezeichnung ;)

    Diese globalisierten Chaostruppen hinterlassen rund um den Globus ein Chaos. Und wenn folgendes Schule macht, und davon gehe ich aus, ist es nicht einmal mehr wichtig, von welcher Seite die Proteste kommen.

    http://www.buergerstimme.com/Design2/2013-11/wird-spanien-das-testfeld-einer-eu-diktatur/

    "Soziale Unruhen, Demonstrationen und unzählige Obdachlose passen nicht ins Bild. Weder in jenes Spaniens noch in das der Brüsseler Eurokraten. Die restriktiven Möglichkeiten im Vertrag von Lissabon öffnen die Türen für jene Politeliten, die mit repressiven Maßnahmen jeglichen Bürgerprotest schon im Keim ersticken wollen. Spanien macht nun den ersten Schritt."

    http://www.woz.ch/1351/spanien/rajoy-zeigt-die-folterwerkzeuge

    "Gut, dass das neue Gesetz, das sie kritisieren, noch nicht in Kraft ist. Denn sonst würden den rund 5000 DemonstrantInnen, die vergangenen Samstag in Madrid auf die Strasse gingen, Geldbussen von bis zu 600 000 Euro drohen – pro Person. Ihre Aktion war nämlich nicht angemeldet, und sie fand in der Nähe des Parlaments statt, das die Empörten umzingeln wollten. Ausserdem kam es gegen Ende der Veranstaltung noch zu Auseinandersetzungen zwischen den 1500 anwesenden BereitschaftspolizistInnen und einem kleinen Teil der DemonstrantInnen.

    Wenn es nach der rechtskonservativen Volkspartei Partido Popular geht, ist mit solchen Demonstrationen und Protesten bald Schluss. Denn Ende November kündigte die PP-Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy ein Gesetz «zum Schutz der Sicherheit der Bürger» an, das voraussichtlich Anfang kommenden Jahres verabschiedet wird."


    LG
    Rosi

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