Donnerstag, 30. Januar 2014

Eine Frage, die nicht verschwinden will


Es will einfach nicht verschwinden, das Thema Markus Lanz. Und je länger das dauert, desto mehr brennt mir eine Frage in Bezug auf unsere deutsche Qualitätsjournalille zunehmend auf den Nägeln: Geht's noch oder tut es sehr weh? Natürlich muss man, wie immer, differenzieren. Gemeint sind selbstverständlich nicht alle Journalisten pauschal. Gemeint sind ausdrücklich nicht die Heerscharen von Freien und Praktikanten, die sich für wenig bis nichts abrackern, um Inhalte zu liefern und zu recherchieren. Nein, gemeint sind nicht wenige von denen, die nach wie vor warm und trocken auf ihren gut bis sehr gut dotierten Stellen sitzen und immer noch zu glauben scheinen, ein Monopol inne zu haben auf das Veröffentlichen von Meinungen.

Denn der paternalistische, herablassende Tonfall, in dem viele sich jetzt für Markus Lanz stark machen und mit einstimmen in die Klage vom digitalen Pöbel im bösen Internet, zeugt nicht nur von Standesdünkel, sondern vor allem auch davon, dass viele offenbar den einen oder anderen Knall nicht gehört haben. Nun ist Solidarität zweifellos schön und einen Kollegen nicht im Stich zu lassen, fraglos ein feiner Zug. Auch hasse ich es wirklich, Menschen ungefragt Ratschläge zu erteilen, aber im Falle von Lanz möchte ich doch eine Ausnahme machen und an eine alte Weisheit erinnern, die schon meiner seligen Großmutter geläufig war. Sie lautet, ganz simpel:

Wer austeilt, sollte verdammt noch mal auch einstecken können.

Wer jetzt herumjault und meint, ein außer Kontrolle - oder sollte man sagen: außer seiner Kontrolle? - geratener Mob mache sich daran, den armen Lanz zu lynchen, bloß, weil er, wenn überhaupt, einen klitzekleinen Fehler gemacht hat, muss sich ernsthaft fragen lassen, ob er (a) überhaupt mitbekommt, was in der Welt los ist und (b) ob er generell noch alle Latten am Zaun hat. Was geht im Schädel von Menschen vor, die allen Ernstes den Untergang der Zivilisation heraufdämmern sehen, weil 200.000 Menschen (das entspricht übrigens zirka 0,25 Prozent der Gesamtbevölkerung, das nur am Rande) vom Gehabe eines moderierenden Spitzenverdieners genervt sind und dies mittels einer Online-Petition kundtun, also sich eines Mittels bedienen, das für niemanden irgendeine bindende Wirkung hat. Zeugt so ein Gejammer vielleicht von Selbstbewusstsein?

Zeugt es vielleicht von einer lebendigen, demokratischen Diskussionskultur oder von Anstand, wenn ein angepisster Hans-Ulrich Jörges, der findet, alles richtig gemacht zu haben, in einem Video auf ein hohes Dach klettert, die Backen aufbläst und aus dieser sicheren Deckung heraus noch eine kleine Abrechnung mit Frau Wagenknecht hinterherschiebt, in der er ihr unterstellt, die eigentliche Domina des Abends gewesen zu sein und sich ansonsten in abstrusen Verschwörungstheorien ergeht? Dazu fällt mir spontan eine weitere kleine Weisheit ein, die jeder mit auf den Weg bekommt, der Fußball spielt:

Wer nachtritt, sieht Rot, und zwar sofort.

Wenn es nämlich gilt, ihre verfassungsmäßig garantierte Kontrollfunktion als vierte Gewalt wahrzunehmen, das heißt, wenn sie es denn mal tut, dann ist die deutsche Qualitätsjournaille weit weniger zimperlich. Dann gilt für sie das Motto, wer im Lichte der Öffentlichkeit stünde, müsse damit rechnen, dass Journalisten, gern auch in Horden, ihm in einem Land mit freier Presse kräftig auf die Füße träten. Wo gehobelt wird, da fallen manchmal eben Späne und Qualitätsjournalismus kommt von Qual. Oder, wie Daniel Bax es treffend formuliert:
"Natürlich ist es problematisch, wenn sich die Wut von vieler gegen einen Einzelnen richtet. Künftig soll es deshalb keine Petitionen gegen Personen mehr geben. Aber Journalisten selbst haben wenig Skrupel, sich alle zusammen auf einen Einzelnen – etwa Politiker wie Christian Wulff – zu stürzen. Und wie soll sich ihr Publikum sonst wehren?"
Wenn hingegen einige Tausend Leute im Internet öffentlich machen, dass sie Markus Lanzens Autritt nicht gelungen fanden und die zugegebenermaßen etwas provokante Frage stellen, wofür sie ihre Zwangsabgabe eigentlich entrichten - mit anderen Worten: Wenn Unqualifizierte sich anmaßen, den Kontrolleuren auf die Finger klopfen zu wollen - dann soll das gleich "digitales Mobbing" sein (Berliner Morgenpost), wenn nicht gar ein ausgewachsener Missbrauch der Mitmachdemokratie (Cicero). Ehrlich, geht's noch? Überhaupt, wo haben wir noch gleich eine 'Mitmachdemokratie'? Ist mir da vielleicht was entgangen?

Man kann sicherlich sagen, es gäbe in der deutschen Medienlandschaft schon viel zu viel an Nettigkeit und Konsenssoße. Da sei es doch zu begrüßen, wenn ein Moderator sich zum Anwalt der Wähler machte und Politiker so richtig grillte. Das ist völlig richtig, denn in der Tat sind deutsche Talkshows gegen Formate wie Meet The Press der reinste Kindergeburtstag. Nur ist in diesen Sendungen nichts und niemand heilig und ausnahmslos jeder muss damit rechnen, auf die Ohren zu bekommen. Wenn der aufklärerische Furor, den eine Sahra Wagenknecht über sich ergehen lassen musste, eine Angela Merkel in gleicher Weise träfe oder einen Horst Seehofer, wenn er populistischen Stuss redet ("Wer betrügt, der fliegt!"), dann wäre auch alles gut.

Immerhin, es scheint noch nicht alles verloren. Denn selten, ganz selten, findet man ja ein paar Stimmen der Selbstkritik und Vernunft, die hier, der Fairness halber genannt sein sollen. Einmal Daniel Bax' schon genannter Kommentar in der taz und, ja, Ehre, wem Ehre gebührt, auch der Zwischenruf von Peter Seiffert in der Info-Eliten-Gazette Focus.



Kommentare :

  1. Sehr, sehr schöne Glosse; ich verneige mich!

    (....)

    Selbstverständlich greift die Petition zu kurz.
    Wären nach einem Rauswurf von Lanz die öffentlich-rechtlichen Sender ehrlicher, unabhängiger und aufklärender?
    Auch ich habe diese Petition unterzeichnet, aber auch ich muss erkennen, dass diese Petition vieles bewirkt hat, aber oft die falschen Reflexe bedient.
    Auch ich würde mich besser fühlen, in einer Medienlandschaft ohne Lanz.
    Glaubte ich dann aber, mich würde ein besseres, zwangsfinanziertes Fernsehen erwarten?

    Nein - denn auch der Selbstbetrug hat seine Grenzen!

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  2. Die Reaktionen der Leidmedien zeigen deutlich, wie empfindlich sie auf Kritik reagieren, ja sie eigentlich überhaupt nicht ertragen können. Getroffene Hunde bellen, so sagt man. Sie wissen doch ganz genau, dass sie alle gekauft sind, ihre Kopfscheren pflegen, sich Politik, Banken und Konzernen anbiedern und das Volk, wenn schon nicht verachten, so doch größtenteils komplett ignorieren. Und nun das. Volkesstimme erhebt sich (ein klein wenig) gegen das aalglatte neoliberale Aufziehmännchen. Unerhört!

    Dabei geht es nun wirklich nicht zwingend nur um die Personalie Lanz, sondern um den gesamten Zustand unserer Massenmedien, der sich in der Petition entlädt. Aussitzen, Alibi-Handlung, Symbolpolitik - und dann wieder zurück zur Tagesordnung. Hoffentlich bis zur nächsten Petition ;-)

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  3. Josef Joffe, Herausgeber der »Die Zeit«, hat sich offensichtlich dazu veranlasst gesehen, seine Olivetti für die aktuelle Ausgabe herauszukramen, weil er davon ausgeht, es führe zu überlegten, gemäßigten Gedanken, resp. sei damit in Form einer zeitlichen Hürde Schlimmstes zu verhindern. Hier das Ergebnis seines Procederes:

    "In analogen Zeiten hieß es: »Kauft nicht beim Juden!« Heute ist die Verwünschungskultur digital."
    (Es bleibt mir süffisant anzumerken, besser sei es vermutlich für ihn gewesen, den Keil und den Stein zu bemühen)

    Nein, die Kritiker von Markus Lanz bzw. dieses Formates sind derart nicht mit Herrn Lanz umgegangen. Auf solch eine Idee (und er verarbeitet noch weitere davon in der Ausgabe) sind die Kritiker selbst dann nicht gekommen, als man den ersten von ihnen noch hätte spontane Wuthandlung unterstellen können. SO geht also der Herausgeber der Zeit mit den Kritikern um, nachdem er richtig Zeit hatte zu überlegen, ob er sich die Mühe mit der Olivette und der Briefmarke nun macht. Es ist nicht zu fassen!!!!!

    Dabei haben die meisten Petenten nicht einmal spontan reagiert, sondern sich mehr Zeit damit gelassen, als die Nutzung einer Olivetti hätte eingefordert. Ganze Tage sind verstrichen, die die meisten sicherlich dazu nutzten, abzuwägen (schön an der dortigen Grafik abzulesen).

    Die Reaktion von Joffe, das sind schon mal keine Reflexe, das ist mit Absicht exakt so in die Tastatur geflossen, wie es jetzt dort steht. Sein eigener Ollivetti-Tipp wird hier ad absurdum geführt. Er zeigt auf, je mehr Zeit zum Nachdenken er offensichtlich hat, desto abstruser seine Argumentation.

    Was soll das sein, eine offene Provokation? Wartet er jetzt darauf, dass man im gleichen Ton antwortet?

    Mein Fazit ist. Niemand läuft dem Mainstream den Rang ab, wenn wir über Shitstorm und Hetze sprechen. Denn das ist Hetze, im wahrsten Sinne des Wortes. Was jetzt über die Petenten hereinbricht, das nenne ich einen Shitstorm. Nicht das, was Lanz in Form der Peitition entgegen schlug. Niemand, niemand von seinen Kritikern hat die Nazikeule gegen Lanz herausgeholt. Auf solche eine Idee muss man erst mal kommen. Wahrscheinlich braucht man dazu eine Olivetti, k/A.

    Hier eine Stellungnahme von Stefan Niggemeier:
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/die-zeit-erinnert-anti-lanz-petition-an-anti-juden-kampagne-der-nazis/

    Unfassbar … somit kommt man mit der Frage: „Geht's noch?“ gar nicht mehr hin. Und die Frage nach Grenzen hat sich völlig erübrigt.

    Ganz offensichtlich betrachtet die Mainstream-Presse die Kritik ihrer Kunden als Kriegserklärung und nicht als kritische Anregung, in der sich schon der Unmut über den Ton die Bahn bricht. Es ist nicht einmal mehr die Frage, wer welchen Ton anschlägt, das ist jetzt wohl überlegt auf Papier gedruckt.

    Genau solche Töne, solch bediente Polemiken stehen den Kritikern bis zur Oberkante der Unterlippe. Und wie reagiert man darauf, mehr davon! Noch mieser, noch unstatthafter, absolut abstoßend. Ein Shitstorm der Worte im wahrsten Sinne des Wortes, es stinken die Typen der Olivetti bis zum Himmel. In wage zu bezweifeln, wie Niggemeier in seinem Artikel treffend ausführt, dass man einen tieferen Punkt noch erreichen kann. Wobei, das hab ich vorher auch schon gedacht …

    Konstruktiver sind dagegen die von den Petenten und von einigen Medienwissenschaftler unterstützen Vorschlag für einen Medienrat:
    http://www.huffingtonpost.de/2014/01/29/lanz-petition-fernsehen-oeffentlich-rechtlich_n_4687482.html

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    1. @Duderich: Natürlich wäre mit der Personalie Lanz am System nichts geändert, aber es ist doch interessant, wie viel Staub so ein Petitiönchen aufwirbeln kann - wie epikur schon sagte: Getroffene Hunde bellen (hätte mir eigentlich noch einfallen können ;-) )
      @Rosi: In der Tat, als ich bei Niggemeier auf Jessens verbalen Untergriff gestoßen bin, ist mir auch erst mal die Spucke weggeblieben - der Mann ekelt sich wirklich vor gar nichts mehr. Hat schon im Januar den Godwin Award 2014 ziemlich sicher. Sich als Opfer von irgendwelchen zusammenphantasierten neuen Nazis aufzuspielen, scheint aber gerade groß in Mode zu sein. In den USA faselte sich auch irgendein superreicher Hedgefond-Manager was zusammen, von wegen, man befände sich kurz vor einer neuen 'Kristallnacht' [sic!], weil in letzter Zeit häufiger mal Kritisches über die Reichen und Schönen in den Medien zu lesen und zu hören sei. *facepalm* Ich sag's ja: Hobbyhistoriker sind oft die Schlimmsten...

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  4. Tja, was die beiden "Journalisten" Markus Lanz und Hans-Ulrich Jörges sich da geleistet haben, war in der Tat unterste Schublade.
    Als die ersten kritischen Stimmen laut wurden, formulierte man das, was sich da abspielte als "unbequemes Interview", so als hätte man der Welt einen Gefallen getan.
    Mir ging es wie der Masse der Fernsehzuschauer, das war kein Interview, sondern ungehobelte, beispiellos freche und unhöfliche Schreierei. Die einzige, die ruhig und sachlich blieb, war Frau Wagenknecht, Respekt dafür.
    Wenn man so etwas als Diskussionskultur und ernsthaften Journalismus verkaufen will, dann unterscheidet sich mein Bild von Stil und Form aber grundlegend davon.
    Und ich fand es gut, dass sich der Unmut der Massen in Form dieser Petition Bahn brach.
    In meinen Augen sind beide Herren gnadenlos arrogante Selbstdarsteller, die sich und ihre Meinung für den Nabel der Welt halten.
    Bei Gregor Gysi hat Markus Lanz versucht eine ähnliche Schiene zu fahren, aber der hat ihn am langen Arm verhungern lassen.
    Da hatte er ja auch keine Schützenhilfe von Herrn Jörges.

    Beste Grüße
    onlyme

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  5. Erstmal: ich lese deinen Blog sehr gerne wg. der guten Reflexion der Themen.

    Zum Thema selbst: aus Interesse habe ich mir das Video von Jörges auf dem Dach angetan und konnte nicht fassen, wie verbohrt und arrogant ein Mensch in der Öffentlichkeit sein kann. Kein bisschen Selbstkritik, keine Reflexion, kein minimales Einsehen. Nada. Nur arrogantes Aufblasen und krude Unterstellungen seitens der Wagenknecht. Das grenzte schon an Realsatire. Solche Leute sind es aber, die immer einen Arschlecker-Posten bekommen, wo sie ihre Untauglichkeit und Soziopathie ausleben können. In meinen Augen sind die kompletten "seriösen" Medien im Arsch, wenn ich das mal so sagen darf. Ein anderer Begriff fällt mir da nicht mehr ein.

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    1. "Erstmal: ich lese deinen Blog sehr gerne wg. der guten Reflexion der Themen."
      -- vielen Dank, freut mich!

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  6. Petitionen gegen Personen verbieten sich , auch gegen öffentliche , das ist nichts Anderes als Mobbing, harsche Kritik in einer öffentlichen Debatte muß aber ausgehalten werden.
    Nur ist die Empörung vieler Journalisten darüber - es wurde schon mehrfach angesprochen - alles Andere als glaubwürdig , sie selber verwenden dieses Argument lediglich zu einer sehr sehr weinerlichen Interessenvertretung und betreiben selber oft nichts Anderes als hemmungslose Hetze.

    Schon auffällig , gehts um öffentliche Personen mit hoher Wehrhaftigkeit , geht das Gejammer los , Hartzer - oder Flüchtlings-Bashing aber ist offenbar kein Problem.

    Das Ganze ist auch Spiegelbild der Krise des Werte-Liberalismus , dessen Aufgabe es eigentlich wäre , hier die Verhältnismäßigkeit der Mittel einzuklagen.

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