Donnerstag, 16. Januar 2014

Quod licet Iovi non licet bovi


Erinnert sich noch wer an das Jahr 1998? Da wurde nicht nur Schröder Kanzler, sonder es war auch das Jahr, in dem der damalige US-Präsident Clinton sich als erster Präsident seit Nixon mit einem Amtsenthebungsverfahren auseinandersetzen musste. Er sagte feierlich aus, keinen Sex mit einer Praktikantin namens Monica Lewinsky gehabt zu haben und musste sein Intimleben vor dem vom Senat bestellten Oberinquisitor Kenneth Starr ausbreiten, der einen dickleibigen Report darüber verfasste, der wiederum bald im Internet herunter geladen werden konnte. 

Medien und Öffentlichkeit in Europa lachten sich damals entweder schlapp oder runzelten verwundert die Stirn. Der Tenor damals war Kopfschütteln über die prüden Amerikaner und lautete in etwa: Meine Güte, ist das wichtig? Das Privatleben von Politikern geht zunächst mal niemanden etwas an und politisches Kapital schlägt man auch nicht daraus. Bei uns im zivilisierten, aufgeklärten Europa wäre so eine Farce jedenfalls kaum vorstellbar, hieß es. Im Gegenteil, ein französischer Präsident, der nebenher keine Mätresse habe, würde gar nicht ernst genommen. Überhaupt, die puritanischen Amis sollten erst mal erwachsen werden. Lang scheint das her, wenn man sich ansieht, was für ein Wirbel im ach so aufgeklärten Europa unserer Tage darum gemacht wird, dass ausgerechnet ein französischer Präsident was mit einer Schauspielerin laufen hat. (Nebenbei bemerkt, hat der Mann durchaus Geschmack, finde ich. Das nur als kleiner sexistischer Ausfall am Rande.)

In Frankreich scheint es unter politischen Spitzenkräften in der Tat eine gewisse Tradition zu haben, auch mal auswärts zu essen. François Mitterand verheimlichte bis kurz vor seinem Tod erfolgreich seine Zweitfamilie, und über Valery Giscard d'Estaing kursierten Geschichten, er habe mehr Geliebte gehabt als Paris Salons. Auch das napoleonische HB-Männchen Nicolas Sarkozy, war, was Frauen angeht, nicht gerade ein Kind von Traurigkeit. Zu Beginn seiner ersten Amtszeit 2008 ließ er sich von Madame Sarkozy scheiden und nahm die einen Kopf größere Carla Bruni zur Frau. Man sollte bedenken, dass Madame Bruni nicht unbedingt den Erwartungen sittenstrenger Menschen an eine Première Dame entspricht: Sie ist ein ehemaliges Supermodel, von der Nacktfotos kursieren, sie hatte bereits eine Platte aufgenommen, einen erheblichen Verbrauch an berühmten bzw. solventen Sexualpartnern an den Tag gelegt und galt insgesamt als überaus glamorös. In ihrem Fall überschlug sich die Klatschpresse mit Jubelarien über das strahlende, frisch verliebte Paar.

Und wenn schon. Es sind erwachsene Leute. So lange sich die Betreffenden nicht als Moralapostel, als Prediger für Zucht und Sitte aufspielen, so lange sich niemand an Minderjährigen vergreift und keine Gewalt im Spiel ist, ist das deren Baustelle und zu tolerieren. Wo also liegt jetzt das große Problem? Man könnte doch meinen, wenn ein französischer Präsident Anno 2014 eine Affäre hat, dann ginge das, wie gesagt, eigentlich nur ihn selbst, die beteiligten Mesdames und deren engeres Umfeld etwas an. Das scheint jedoch nicht zu gelten, wenn dieser Präsident François Hollande heißt, Sozialist ist und angetreten ist, den Reichen die Steuern zu erhöhen. Hätte er lieber nicht tun sollen, denn in so einem Fall scheinen vor allem konservative und neoliberale Kreise es völlig legitim zu finden, mit Dreck zu werfen.

Als Hollande sein Amt antrat, entblödete auch die hiesige Journaille sich nicht, anzumerken, er sei zu dick, daher wohl auch unsportlich, habe vielleicht gar psychische Probleme und sei somit den Belastungen, die sein neues Amt mit sich bringt, eventuell nicht gewachsen. Aber sicher. Wenn Übergewicht einen für ein politisches Amt disqualifiziert, dann hätte Helmut Kohl keinen Tag lang Kanzler sein dürfen. Hollande wurde mit einem deutlichen Votum zum Präsidenten gewählt, weil die Mehrheit des französischen Volkes seinen Kurs, hohe Einkommen stärker zu besteuern, gut hieß. Verständlich, dass das reichen und einflussreichen Kreisen nicht gepasst hat. Wie wichtig es sein kann, dass die Presse die privaten bzw. intimen Angelegenheiten von Angehörigen der politischen Klasse wohlwollend begleitet, und wie fatal, wenn sie es nicht tut, hat bei uns der Fall Christian Wulff gezeigt.

Dabei ist die Erwartung, Politiker hätten auch privat ein in jeder Hinsicht vorbildliches, untadeliges Leben zu führen, schlicht lachhaft. Der Witz an einer Demokratie ist gerade, dass die Regierenden aus der Mitte des Volkes kommen sollten und eben keine Übermenschen sein müssen. Sie sind so moralisch oder unmoralisch wie der Rest des Volkes. Genüsslich im Privatleben des politischen Gegners herumzuwühlen, wenn die politischen Argumente ausgehen, hat auch eine gewisse Tradition. Was hat man damals Willy Brandt nicht alles angehängt. Depressionen, Herzenskälte in der Familie und einen enorme Schlagzahl beim Flachlegen vorzugweise deutlich jüngerer Journalistinnen. Umgekehrt möchte man das empörte Backenaufplustern sehen, das anhübe, wenn linke Pressbengels es wagen sollten, sich über Frau Merkels Figur auszulassen oder über das, was bei ihr zu Hause stattfinden mag.

"Dumme kann man gescheit machen. Aber wenn einer ein Interesse hat, da können Sie sich tot reden, der ist gescheit genug zu wissen, was sein Interesse ist und was nicht.", meinte Kurt W. Rothschild einst. Die Neigung, einen politischen Gegner im Bett aufzusuchen, hat nichts mit Europa oder Amerika zu tun und auch nichts mit aufgeklärt oder prüde, sondern damit, um wen es im Einzelnen geht. Und wer im Einzelnen seine Interessen bedroht sieht.



Kommentare :

  1. Hast recht, in der Politik gibts nicht Freund noch Bruder, und Moral schon gar keine. Da zählt nur das vom Zweck immer ausreichend geheiligte Mittel.

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  2. Hatte Kay Diekmann nicht mal was mit Tanja Kuchenbecker gehabt? Während der Zeit mit Philipp Rösler? Oder war das Stephanie Bilges? Ich recherchiere noch.

    Und schon hat man was in die Welt gesetzt, was auch nicht mieser ist, sondern lediglich die Zielgruppe verändert :-)
    Erstaunlich übrigens, die offensichtlich erkennbaren, und irgendwie doppelbödigen Resultate eines Gender-Mainstreams.

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