Freitag, 3. Januar 2014

Was bleiben wird


So, hätten wir also 2014. Statt eines Jahresrückblicks, eine kleine wahllose Auswahl an Phänomenen in Medien, Politik und Gesellschaft, die uns leider wohl auch 2014 erhalten bleiben werden. 

Becker, Boris. Mister Too Much Information in Person. Der allgegenwärtige hauptberufliche Ex-Tennisspieler wird uns auch weiterhin mit jeder Menge Neuigkeiten aus seinem Privatleben behelligen, die wir nicht wissen wollen, denen wir aber auch kaum entkommen können.

Börsenberichterstattung. Das Geschehen an den Börsen hat zwar mit dem Leben der allermeisten Menschen nicht das Geringste zu tun, trotzdem posieren auf vielen Kanälen mehrmals täglich smarte Schlipsträger vor dem Bild eines Börsensaals und erleuchten uns mit ihren profunden Erkenntnissen. Botschaft: So lange DAX und Dow Jones steigen, geht's uns allen gut.

Cyrus, Miley. Nicht, dass ich für die Musik, die die Dame von sich gibt, etwas übrig hätte. Aber ihr zwanghaftes Zungezeigen und ihr Gehabe Marke "Kuckt mal, was für ein großes Mädchen ich schon bin und was für schlimme Sachen ich mich traue" wird auch weiterhin dafür sorgen, dass sie in jeder Klickstrecke jedes größeren Online-Mediums irgendwie vertreten sein wird.

Dokus. So genannte Dokus, die vor allem auf Nachrichtenkanälen zur Überbrückung der Zeit zwischen den stündlichen Nachrichten und dem Börsenbericht dienen, sind meist reine Propaganda: Wenn uns nicht das Ende der Welt prophezeit wird, geben die Amis mit der Überlegenheit ihrer Waffentechnik sowie ihren stupenden strategischen Fähigkeiten in diversen Kriegen der letzten Jahrzehnte an und hiesige Fleischmagnaten führen vor, dass bei ihnen neben einer 'geheimen Gewürzmischung' nur allerbestes in die Wurst wandert, die hinterher für einen Spottpreis verhökert wird. Kann aber ganz amüsant sein, denn Immerhin ist das ganze wenigstens ehrlich, weil niemand sich bemüht, irgendwas zu bemänteln.

Dschungelcamp. Für die einen der erste TV-Höhepunkt des Jahres, für die anderen das erste Brechmittel. Auch dieses Jahr wird sich wieder ein Haufen entweder abgehalfterter Altpromis, hinter denen die Steuerfahndung her ist, oder unbekannter Adabeis, die sich eine gewisse Prominenz erhoffen, im australischen Dschungel internieren, um sich beim Müll reden oder beim Verspeisen widerlicher Dinge filmen zu lassen. Einziges Thrash-Format, bei dem auch Intellektuelle zugeben, gelegentlich reinzuschauen.

Geschenkgutscheine. Das reale, eingewickelte Geschenk verschwindet weiter, zugunsten des irre praktischen Geschenkgutscheins. Die sind zwar etwas unpersönlich, haben aber den Vorteil, dass man sie verwenden kann, um echte Geschenke zu besorgen, wenn man mal pleite ist.

Hitlisten-Sendungen. Wer in Gegenden lebt, die vom WDR bestrahlt werden, kennt das: Der einstige Rotfunk, der früher immer gut war für ein knackiges linksradikales Feature (so jedenfalls die Sicht örtlicher Konservativer), sendet mittlerweile vornehmlich von Bernd Stelter moderierte Quiz-Sendungen, Landfrauenwettkochen und vor allem Sendungen, die 'Die 10 [15, 50, 100, ...] beliebtesten/besten/schönsten [beliebiges Substantiv einsetzen] in Nordrhein-Westfalen' heißen.

Hobbits. Einmal noch durchhalten. Es wird einen dritten Teil geben. Peter Jackson wird wieder alles dafür geben, dass wir nach drei Stunden mit dem Gefühl aus dem Kino wanken werden, von einem sehr langen Güterzug überfahren worden zu sein und jenen berühmten Ausspruch auf den Lippen haben werden, mit dem angeblich einst CS Lewis seinen Kollegen Tolkien unterbrach, als der in einem Kolloquium aus 'Der Herr der Ringe' vorlas: "Oh no! Not another fucking elf!"

Kochshows. Wer gehofft hatte, der Boom des Gebrutzels in coram publico würde sich irgendwann mal totlaufen, hat sich geirrt. Inzwischen bleibt es längst nicht mehr dabei, dass professionelle Weißmützen ihre Restaurants gegen Fernsehstudios eintauschen. Nein, immer öfter werden Koch- und Castingshows miteinander gekreuzt. Man bekommt den Eindruck, dass mittlerweile so ziemlich jeder, der im Leben schon mal geschafft hat, ein gekochtes Ei nicht anbrennen zu lassen oder eine Raviolidose unfallfrei aufzubekommen, zu glauben scheint, Chancen auf eine Medienkarriere zu haben.

Krise, die. Sie wird nicht verschwinden, weil sie nicht darf. Auf keinen Fall. Wer Naomi Kleins 'Schock-Strategie' gelesen hat, weiß warum. Ein probateres Mittel, Umverteilung von unten nach oben zu rechtfertigen, also weiter den Kleinen zu nehmen und den Großen in die Taschen zu schaufeln, hat es schließlich nie gegeben.

Merkel, Angela. Damals in den Neunzigern hat nicht mehr viel gefehlt und Kinder und Jugendliche, die politisch nichts anderes mehr kannten als Kanzler Kohl, hätten geglaubt, dass Artikel 20, Absatz 1 des Grundgesetzes lautet: "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat mit Helmut Kohl als Bundeskanzler". Mal sehen, wie lange die momentane Unendliche noch durchhält und es bei ihr so weit sein wird.

Sarrazin, Thilo. Ja, er wird zurück kehren. Mit einem neuen Buch. Im Februar.

Schlaaand! Ist wieder Fußball-WM dieses Jahr. Nichts gegen Fußball gucken. Auch gern im Rudel. Macht Spaß. Ist aber was anderes, als in Massen die Innenstädte zu verstopfen und vollzugrölen sowie sein Auto und sich selbst mit lächerlichen Devotionalien in Scheißrotgold zu verschandeln. Vor allem aber als ansonsten kompletter Ignorant alle vier bzw. zwei Jahre ein paar Wochen lang einen auf großer Fußballfan zu machen, weil man ja schließlich dabei sein muss als partypatriotischer Mitläufer.

Selfies. Wer seine Zeit damit verschwendet, den halben Tag in sozialen Netzwerken abzuhängen, ist von dergleichen Selbstgeknipse möglicherweise schwer genervt. Wer besseres zu tun hat, bleibt aber auch nicht verschont, weil wieder die üblichen Untergangspropheten angeschissen kommen und anhand eines vermutlich sehr vorübergehenden Phänomens den völligen Niedergang jeglicher Zivilisation vorhersagen.

Terror-Panikmache. Man soll nichts verharmlosen. Was in Wolgograd passiert ist, ist schrecklich und die das zu verantworten haben, sind Verbrecher. Wird aber vermutlich dafür herhalten müssen, staatliche Überwachung auszuweiten und als Argumentationshilfe dafür dienen, das veraltete Konzept der Privatsphäre abzuschaffen, weil das nur einer effektiven Vorbeugung im Wege steht.

(Ich hoffe übrigens, im einen oder anderen Fall Unrecht zu haben. Das Leben wäre besser.)


Noch etwas: Es ist mir eine Freude, darauf hinzuweisen, dass die geschätzte Rosi von Dannen, die diesen und andere Blogs seit längerer Zeit engagiert, freundlich, kritisch und eloquent begleitet, jetzt auch eine eigene Website hat. Ad multos Klicks!



Kommentare :

  1. Ah, wie schön, Sie haben es gemerkt, bin immer hier, auch im neuen Jahr ;) und vielen Dank für den extra Hinweis.

    Gruss
    Rosi

    PS: Hoffe ebenso, dass man mit dem ein oder anderen im Unrecht bliebe ... doch ich befürchte ...

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  2. @ Rosi: Tolle Fotos, echt! Ein Like-Button wäre praktisch, weil ich weder auf Facebook, noch Google+, noch Pinterest oder Tumblr unterwegs bin.

    @ Stefan: Ich wünsch Dir auch, dass Du hier möglichst viel danebengehauen hast, befürchte aber auch, dass Du ziemlich richtig liegst :/

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    1. @gnaddrig
      Danke schön ;).
      Eigene Like Buttons hab ich nicht, das bietet mir die CMS nicht, mit der ich das gemacht hab. Toll in der Darstellung und Präsentation. Völlig auf Bilder ausgerichtet, für Fotografen, die bei der Programmierung nicht viel drauf haben oder wenig Zeit dafür investieren möchten.

      Das ist auch ein wenig templateabhängig (wobei mir kein Template dies bieten würde). Es war eine optische Entscheidung und generell ist die Software nicht zu vergleichen mit dem, was man als Blog-CMS kennt.

      Ehrlich gesagt, ein Like aus Deiner Feder ist mir so irgendwie viel lieber ;).

      Insoweit hängen die vorhandenen Buttons dort drunter, weil man das heute macht .. Und da ich bei der Programmierung nicht viel drauf hab, sieht es zumindest für Nichtkenner so aus, als sei es anders *kicher*.

      Um mir solche Buttons selbst dort hinein zu programmieren (was theoretisch ginge), fehlt mir die Erfahrung. Kämpfe noch mit den Codes im Template, um zu sehen, wo ich überall schrauben muss, damit dies und jenes funktioniert (nicht wirklich engagiert, gebe ich ja zu ;)).

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    2. Nur keine Umstände, Rosi, das passt schon. Und stimmt, die Seite sieht klasse aus, die Entscheidung für die Software kann ich also nachvollziehen. Der Like-Button oder eine Kommentarmöglichkeit zu den Bildern - für ausformulierte Likes ;) - wären schon nett, sind aber tatsächlich zu verschmerzen. Ich habe Dich stattdessen in meine Blogroll geschrieben, das ist auch eine Art Like.

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    3. @gnaddrig: Ja, und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, was ich noch alles vergessen habe: Zum Beispiel diesen Magic Max von check24.de...

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  3. Oh jeh, Stefan. Ich fürchte, Du hast das gleiche N24 Problem, wie ich. Morgens kurz reingezappt dudelt der Kanal für gefühlte Nachrichten im Hintergrund weiter, während in der Küche schon das Radio brummt und die ersten mails u.s.w. gecheckt werden. Und dann kommt unweigerlich der Moment, wo Dir der Schnitter persönlich in den Nacken fährt in Gestalt des diabolischen Gackerns von Mick Knauff, seines Zeichens die Reinkarnation Ivan des Schröcklichen, der sich statt an aufgespießten Köpfen und geraubten Jungfrauen, an dem Geplänkel mit dem Moderatorenteam, Paola&Kurtfelixklone, ergötzt und uns nebenbei die Pegelstände an der Börse durchgibt (knietief im Blut) ! Dann hilft nur noch ein beherzter Sprung zur Knipse. Auch in 2014.... mööh.

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    1. Ahh, Mick Knauff - das Grauen hat einen Namen (der mir entfallen war)! In der Tat, dieser Kram fungiert oft genug als reiner Geräuschteppich, wo man doch auch Musik hören könnte...

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    2. Haha, piet, das gefällt und kommt mir verdammisch bekannt vor. Echte Schweisstropfen bekomme ich auf der Stirn, wenn ich die Knipse verdaddelt habe ... die Aus-Knipse (als Nicht-Knopf) am Gerät, hat so ihre Tücken ...

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    3. Als letzter Ausweg bleibt da nur Steckerziehen...

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