Sonntag, 2. Februar 2014

Geht doch!


Länger ist's her, da habe ich hier mal ziemlich über Harald Martenstein vom Leder gezogen. (Weil ich das hier nicht lang und breit wiederholen will, lege ich dem geneigten Leser ans Herz, das selbst nachzulesen.) Die Tage schaute ich mal wieder bei Tante 'Zeit' vorbei und, siehe da, ich las eine Martenstein-Kolumne, die ich wirklich gelungen fand. Ich erwarte ja gar nicht so viel. Eine Kolumne muss mir nicht nach dem Mund reden, sondern sollte ein wenig Esprit enthalten, wenigstens einen überraschenden, gegen den Strich gebürsteten Gedankengang. Wie etwas Buntes, Schräges, das man inmitten des grauen Alltagseinerleis am Wegesrand sieht und das einen kurz innehalten und vielleicht auch lächeln lässt. Ist das gut gemacht, verzeihe ich dem Autor vieles. Zwei Dinge verzeihe ich hingegen nicht: Larmoyanz und offensives Betteln um Zuneigung. Daher mein hartes Urteil seinerzeit.

Auch eine gut geschriebene Wutkolumne, in der jemand sich wortgewaltig so richtig in Rage schreibt und der ich mich vollinhaltlich anschließen kann, schätze ich von Zeit zu Zeit. Tut der inneren Hygiene gut. Solange da nicht kulturpessimistisch gejammert wird, wie viel besser früher doch ausnahmslos alles gewesen sei oder wegen einer banalen Modeerscheinung gleich der Untergang des Abendlandes herbeiphantasiert wird, versteht sich. Und solange es nicht so ungeheuer verkrampft rüberkommt wie zum Beispiel bei Jan Fleischhauer. Der scheint seit Jahr und Tag nichts anderes zu tun als sein Kindheitstrauma aufzuarbeiten, indem er eine selbst verfasste, lange Liste von schlimmen Sachen abarbeitet, an denen allein die Linken schuld sind, notfalls auch gern um den Preis der maximalen Dehnung der Logik.

In seiner jüngsten Kolumne regt auch Martenstein sich mächtig auf. Wenn der Mann mal seine onkelhafte Schmunzeligkeit ablegt und zum verbalen Dreschflegel greift, kann er nach wie vor richtig gut sein. Es geht ihm um den Zustand von Teilen seiner eigenen Branche. Das ist durchaus erfrischend, weil viele Journalisten in diesen Zeiten des bösen Internet sich gern in - meist unbegründeter - kollektiver Selbstbeweihräucherung üben.

Ihm geht der sonnig-unverbindliche Tonfall einer Redakteurin auf den Keks, die per E-Mail ein Radiointerview mit ihm verabreden will. Vor allem nervt es ihn, dass man von ihm als dem zu Interviewenden erwartet, die ganze Sache am besten schon einmal vorzubereiten, also mal eben fix die Arbeit zu erledigen, die eigentlich Sache der Redaktion ist. Weil ich es vorziehe, mit Profis zu arbeiten, kann ich beides gut nachvollziehen. Ich wäre vermutlich auch leicht verstimmt gewesen und hätte mich gefragt, wofür diese Leute eigentlich ihr Geld bekommen. Vollends in Wallung bringt ihn aber die Erkenntnis, dass viele professionell arbeitende Journalisten ihr Handwerkszeug, die Sprache, nicht nur nicht vernünftig, sondern offenbar so gut wie gar nicht beherrschen:
"Ich mache auch Fehler, aber nicht in jedem zweiten Wort. Es gibt Leute, die keinen einzigen geraden Satz schreiben können und vom Schreiben leben, echt. Wenn die mit ähnlicher Kompetenz in der Leberwurstbranche tätig wären, gäbe es jede Woche unter den Wurstessern ein Massensterben."
Mensch Harry, alter Gauner, das ist doch gerade der Witz an der Sache! Das hat doch schon Karl Kraus vor über hundert Jahren gewusst. Mehr denn je zählt es zu den zentralen und wichtigsten Aufgaben eines modernen Journalisten, von PR-Fuzzis vorbereitete Jubelmeldungen wie die vom Jobwunder am hiesigen Arbeitsmarkt, von der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, bzw. von deren Status als Exportweltmeister oder von der ungebrochenen Kauflaune der Deutschen möglichst unhinterfragt unters Volk zu bringen und dabei eine Laune zu verbreiten wie hundert zugekokste Kölner am Rosenmontag. Da sind altmodische Griesgrämigkeiten wie ein allzu kritisches Bewusstsein, die Fähigkeit, Fragen zu stellen, insgesamt also eine zu gründliche Bildung doch eher hinderlich, oder?




Kommentare :

  1. ??? Diesmal hab ich es schwer, Herr Rose, Ihren Gedankengängen zu folgen. Ist das Satire?

    "In seiner jüngsten Kolumne regt auch Martenstein sich mächtig auf. Wenn der Mann mal seine onkelhafte Schmunzeligkeit ablegt und zum verbalen Dreschflegel greift, kann er nach wie vor richtig gut sein. E... - meist unbegründeter - kollektiver Selbstbeweihräucherung üben."

    Weiß nicht, übrig blieb mir beim Lesen seiner Kolumne ein schaler Beigeschmack. Wonach schmeckt es mir vorrangig? Nach reiner Selbstdarstellung, einen weiteren, tieferen Gehalt hat die Kolumne m.E. nicht. Gar keinen weiteren Gehalt, baut höchstens auf subjektive Assoziationen des Lesers, wenn überhaupt. Echte Aufregung sehe ich nicht, eher persönliches Kalkül, die Steigerung von kollektiver Beweihräucherung auf die eigene begrenzt. Oder gerne auch so formuliert:
    „Zwei Dinge verzeihe ich hingegen nicht: Larmoyanz und offensives Betteln um Zuneigung.“ Ja,ja, der Arme … der Gute, der bessere, unter was für einem Dilettantentum der Kollegen er doch zu leiden hat. (Wer kennt solches nicht?)

    Für ihn bot sich halt die passende Gelegenheit, sein Image ein wenig gegenüber Kollegen aufzuhübschen. Theoretisch könnte er sich das zu diesem Zweck ausgedacht haben. Dabei bedient er denselben Kniff, den er sonst benutzt, sehe den Unterschied nicht:

    [i]“Sein wichtigster Kniff ist, sich in einer Tour die Maske des Naiven überzustülpen und mit einer Reihe ganz einfach klingender Fragen die Absurdität seines Gegenstandes heraus zu schälen.“[/i]

    Solche Kniffe funktionieren dann, wenn man die Assoziation des jeweiligen Lesers zufälligerweise trifft. Mit irgendwem ist sich der Autor immer einig, dessen kann er sich versichert sein, also bedürfen solche Texte nicht wirklich der Mühen. Sie bedienen simple Erfahrungsmustern; je simpler desto höher die Wahrscheinlichkeit von Übereinstimmungen.

    M.E. hat sich weder der Kniff geändert, noch die Intention. Nur das Thema mag diesmal eine anderes sein, welches eine größere Gruppe von Lesern anspricht. Angesichts zurückliegender Ereignisse könnte ein wenig Kollegen-Bashing nicht schaden ...

    Selten las ich innerhalb kürzester Zeit derart abweichende Einschätzungen zur Person:
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/harald-martenstein-verwechselt-oesterreichischen-werberat-mit-den-taliban/

    "Harald Martenstein verwechselt österreichischen Werberat mit den Taliban
    Sonntag

    Dann bleiben wir doch noch einen Moment bei idiotischen Vergleichen und im Holtzbrinck-Verlag und wechseln nur den Autor.

    Harald Martenstein."


    Na, ich weiß nicht, das wage ich zu bestreiten:
    "Da sind altmodische Griesgrämigkeiten wie ein allzu kritisches Bewusstsein, die Fähigkeit, Fragen zu stellen, insgesamt also eine zu gründliche Bildung doch eher hinderlich, oder?

    Offensichtlich nicht. Eher im Gegenteil. Um sich die «Maske des Naiven zu einem bestimmten Ziel» erfolgreich überstülpen zu können, ist ein gewisses Maß an Bildung und Intelligenz förderlich. Sonst kommt hinten nicht das raus, was der «Maskierte» im Sinn hatte. Man muss die Klischees schon kennen, um sie erfolgreich bedienen zu können.

    Deswegen, bin mir nicht sicher, ist das Satire und/oder wo hab ich das «Geht doch!» übersehen?

    Verwirrte Grüsse
    Rosi

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    1. Keine Panik, Rosi und kein Grund, verwirrt zu sein. Ich bin bestimmt nicht plötzlich zum Martenstein-Fan mutiert. Ich hatte das am gestrigen vergammelten Sonntag gelesen und fands mal ganz erfrischend, nichts weiter. Auch ich drehe nicht in einer Tour das große politische Rad. Mit seinem momentanen restlichen Gesamtwerk habe ich mich daher auch nicht weiter auseinandergesetzt. Hätte ich den Artikel über den Österreichischen Presserat gelesen, dann wäre mein Urteil mit Sicherheit anders ausgefallen.

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  2. Vielen Dank :)

    Finde es beruhigend, wenn sich jemand nicht als der Große-Rad-Dreher versteht; wird m.E. eher zur Rarität ...

    Eigentlich weiß ich das, genieße hier die allgemeine Nichtaufgeregtheit ... Sorry, doch die vergangenen Tage waren irgendwie turbulent, so als Konsument ... der Medienwelt ;).

    Gruss
    Rosi

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