Freitag, 7. Februar 2014

Hat denn niemand mehr ein Herz?


Vom gewiss nicht linksradikalen ehemaligen FAZ-Mitherausgeber Paul Sethe stammt die Weisheit, dass Pressefreiheit eigentlich nichts anderes ist als die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung unters Volk zu bringen. Wie recht er damit hatte, zeigt sich diese Tage an diversen Leitartikeln, die sich mit dem Umgang mit diversen ertappten prominenten Steuerhinterziehern befassen. Da wird um Menschlichkeit, ja, um ein wenig Mitleid gebarmt, dass es nur so raucht. Es sind doch auch bloß Menschen! Es wird beklagt, dass wir uns in einen Haufen pingeliger Puritaner zu verwandeln drohten und unfähig seien, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Schließlich wird sich nicht entblödet, daran zu erinnern, dass die Reichen das doch schon immer gemacht hätten.

Zunächst das lächerlichste Argument von allen, nämlich, dass es Steuerhinterziehung schon immer gegeben habe und man sich deswegen eben damit arrangieren müsste. Nähme man das ernst, dann müsste man auch dafür plädieren, Ladendiebstahl nicht allzu konsequent zu verfolgen, weil es das gäbe, seitdem Menschen Handel trieben. Wo ist der Unterschied? Es ist ja richtig, dass Reiche und Prominente letztlich auch nur Menschen sind und daher ziemlich banane, von ihnen zu erwarten, irgendwie bessere Menschen zu sein. Es ist vernünftig, ihnen zuzugestehen, auch nicht besser, moralischer, integrer zu sein als der bucklige Rest von uns. Nur gibt es dann eben auch keinen Grund, andere Maßstäbe an sie anzulegen, wenn sie sich etwas zuschulden kommen lassen.

Wer vertritt hier eigentlich eine Doppelmoral? Jemand, der findet, dass Reiche sich gefälligst an die Regeln halten und auch bestraft werden sollten, wenn sie das nicht tun? Oder jemand, der meint, man solle Reichen etwas durchgehen lassen, das man vielen anderen unter allgemeinem Applaus niemals durchgehen ließe?

Auch ich finde ein gewisses Maß an Nachlässigkeit sympathisch und hasse weniges mehr als puritanische Missgönner, die andauernd allen alles abklemmen wollen. Ich bin unbedingt für mehr Nachsicht und Mitmenschlichkeit untereinander. Nur bitte eben auch für alle. Für den reichen Steuerschummler wie für den Schwarzarbeiter und für den Hartz-IV-Empfänger, der das eine oder andere verschweigt. Für Angestellte, die kleinere Verfehlungen begehen und deswegen gefeuert werden. Für die Armutsmigranten, die hierher kommen, weil sie nichts mehr zu verlieren haben und so weiter. Diese Leute dürfen mit weit weniger Nachsicht rechnen und niemand springt ihnen bei, wenn sie sagen, sie hätten dies und jenes getan, weil sich nicht anders zu helfen gewusst hätten.

Niemand fragt den Kleinselbstständigen, wovon er seine Steuern bezahlt, wenn die Umsätze einbrechen. Hat so jemand zu wenig Mittel flüssig und muss beim Finanzamt um Ratenzahlung bitten, dann muss er seine kompletten Finanzen offen legen und nachweisen, dass er nirgendwo anders mehr Kredit bekommt. Niemand fragt, wie die Massen an Niedrig- und Kleinverdienern ihre ständig steigenden Lebenshaltungskosten bestreiten. Und mich als Normalverdiener fragt auch niemand, wo ich die Kohle hernehme für die Krone, die mein Zahnarzt mir demnächst wieder verpassen wird (und ich bin noch gut bedient) oder für die neue Kupplung, die mein Wagen dieses Jahr brauchen wird.

Der völlig zu Unrecht verstorbene Münsteraner Weihbischof Voss brachte vor Jahren einmal eine Talkrunde bei Erich Böhme, die sich über Sozialmissbrauch ereiferte, schlagartig zum Schweigen, indem er meinte, er diskutiere nur über so etwas, wenn mit gleicher Schärfe über Steuerhinterziehung geredet würde. Wer gedrückter Tränendrüse mehr Nachsicht für Steuerhinterzieher fordert, scheint zu übersehen, wie sehr beides zusammen hängt. Wenn man den neun Zehnteln, die immer weniger haben, immer mehr Verzicht auferlegt zugunsten des einen Zehntels, das sich immer mehr gönnt, dann sollte man sich nicht wundern, wenn die neunzig Prozent kleinlich werden. So einfach ist das manchmal. Und so selten zu lesen.

Oder anders: Wer allen Ernstes fordert, Uli Hoeneß und Alice Schwarzer ein Denkmal zu setzen, darf nicht Zeter und Mordio schreien, wenn andere gern eines für Robin Hood hätten.



Kommentare :

  1. Der Dünkel, der da die letzten Tage aus den Leidartikeln gesuppt ist, müffelt ganz unerträglich. Mir ist das schon vor ein paar Jahren besonders in der Rheinischen Post aufgefallen, als es z.B. darum ging, daß gewisse Kreise ihre Putzhilfen ehrlich machen sollten. Da gab´s dann auch so abgehobene Kommentare aus der Chefetage. Und ich hab mir nur gedacht, was die wohl alle für Dreck am Stecken haben müßen bei dem Mimimi, den die veranstalten. Theo Sommer läßt grüßen. Mit deinen letzten Zeilen hast Du das Gewese dann nochmal exakt auf den Punkt gebracht, danke.

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    1. Da kann ich mich nur anschließen. Genau so sehe ich das auch.

      Dass - wie in diesem Zusammenhang immer wieder angemerkt - der kleine Mann natürlich auch Steuern hinterzöge, wenn er denn könnte, und dass er oft auch schummelt, soweit er damit durchkommt, stimmt zwar. Dass die nicht ganz so kleinen Leute daraus aber das Recht ableiten, ihrerseits Steuern zu hinterziehen (möglichst viel und oft mit fachmännischer Unterstützung) und Staat und Gesellschaft zu bescheißen, was das Zeug hält, finde ich widerlich. Vor dem Gesetz haben alle gleich zu sein, und die mit großen Konten dürfen nicht gleicher sein, sonst fängt es beim Rest an zu gären, und das führt selten zu was Gutem.

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    2. Am widerlichsten in dem zitierten Artikel fand ich das Beispiel mit der Bundesgartenschau: Wie da mal eben pauschal allen Normalverdienern unterstellt wird, auch nicht besser zu sein und asoziales Verhalten als Norm gesetzt wird, ist an Perfidie schwer zu toppen...

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