Donnerstag, 20. Februar 2014

Mit dem Bade?


Vor zwei Jahren ist in meiner Heimatstadt ein Mädchen im Grundschulalter bei einem Verkehrsunfall zu Tode gekommen. Sie wollte eine mehrspurige Straße überqueren, die ein Wohngebiet in zwei Hälften teilt und wurde von einem Auto erfasst, dessen Fahrer deutlich zu schnell fuhr. So was ist ohne Frage furchtbar. Eines der schlimmsten Dinge, die einer jungen Familie widerfahren können. Man möchte nicht tauschen mit ihr. Und mit den Verwandten, den Freundinnen und Freunden und allen anderen, denen die Kleine etwas bedeutete, auch nicht.

Weil die Straße eine bequeme und schnelle Verbindung von der Südstadt in die Innenstadt ist,  herrschte Tempo 70. Sofort nach dem Tod des Mädchens wurde komplett auf Tempo 50 umgeschildert und die Änderung mit verschärften Radarkontrollen von Polizei und Ordnungsamt etabliert. Ich ertappte mich bei Gedanken, die mir überhaupt nicht behagten, weil ich mir wie das letzte Egoistenschwein vorkam. Ich dachte: Warum werden jetzt alle Verkehrsteilnehmer gezwungen, die ganze, verdammte Zeit hier lang zu schleichen, und zwar auch in Abschnitten, die kein Wohngebiet zerteilen, nur weil ein einzelner Vollidiot sich nicht im Griff hatte?

Es klingt makaber, aber an dieser Straße, die im übrigen gut durch Fußgängerampeln gesichert ist, ist über Jahrzehnte nichts passiert. Außerdem war das Problem nicht, dass dort 70 erlaubt war, sondern, dass ein Bleifuß deutlich schneller gefahren ist.

Sicher, eine tote Grundschülerin ist etwas anderes als Dummejungenstreiche in der Schule, trotzdem kam ich mir ein wenig vor wie damals in der Schule. Bei einzelnen Lehrern konnte es vorkommen, dass die ganze Klasse eine Strafarbeit aufgebrummt bekam, weil der Klassendepp mal wieder irgendwelchen Blödsinn angestellt hatte. Schließlich bleibt die Frage, ob unsere Straßen durch diese Maßnahme sicherer werden. Statistisch bestimmt, will ich nicht leugnen. Nur ist es theoretisch auch möglich, dass ein Kind seinen Verletzungen erliegt, wenn es von einem Auto bei Tempo 50 erfasst wird. Was dann? Alles zur Tempo-30-Zone deklarieren? Ein Signal immerhin setzte die Aktion jedoch unmissverständlich: Uns, die Stadtväter lässt so etwas nicht kalt. Wir tun etwas. Sofort und umgehend. Soll niemand sagen wir kümmerten uns nicht.

Es mag sinnvoll sein, das Verbot von Kinderpornografie auch auf bislang nicht illegale, so genannte 'Posing-Fotos' bzw. -videos auszudehnen, wie Sebastian Edathy sie geordert haben soll. Man sollte übrigens bedenken, dass Paragraph 184b StGB bereits zwei Mal verschärft worden ist. Klar, wie die meisten würde ich nichts vermissen, weil mich solche Bilder nicht interessieren. Aber bedeutet das auch, dass es mich überhaupt nicht beträfe? Das lässt sich leider nicht ausschließen, weil die Gefahr besteht, dass das gesellschaftliche Klima insgesamt in eine bedenkliche Richtung kommen kann.

Es ist ein eher diffuses Gefühl, ich weiß. Aber mir wird immer sehr blümerant, wenn Ereignisse, wenn die politische Klasse unmittelbar nach Ereignissen, die Menschen erschrecken oder aufwühlen bzw. allgemein deren Sicherheitsbedürfnis anfachen, in hektische gesetzgeberische Betriebsamkeit verfällt. Meist dient so was nur als willkommener Anlass, Einschränkungen und Verbote durchzudrücken, die man sonst nie durchbekommen hätte. Man erinnere sich an die Zeiten, in denen Ursula von der Leyen, damals ihres Zeichens Familienministerin, durch die Lande tingelte und das Internet in den schauerlichsten Farben als einzigen Sumpf aus Satanismus, Radikalismus und Kinderpornografie malte. Kinderpornografie war seinerzeit der Hebel, mit dem man eine allgemeine Vorratsdatenspeicherung durchsetzen wollte, die noch ganz andere Dimensionen der Überwachung eröffnet hätte.

Damit man mich nicht falsch versteht: Kinder so gut wie eben möglich zu schützen, ist richtig und auch ein ehrenwertes Ziel. Trotzdem die Frage: Rechtfertigt ein noch so hehres Ziel wirklich alle Mittel? Denn aus der Welt schaffen wird eine neuerliche Verschärfung das Problem leider nicht. Vielleicht erhöht ein strengeres Gesetz bei einigen potenziellen Tätern die Hemmschwelle, was zu wünschen wäre, aber der apodiktische Tonfall, in dem einige Kinderschutz über alles stellen wollen und immer neue Verbote fordern, beunruhigt ebenso wie das penetrante Herumreiten darauf, wie ekelhaft solche bislang straffreien Fotos seien. Das mag sein. Nur ist Ekel allein noch keine juristische Größe und erst recht kein rechtsstaatliches Prinzip.

Wohin das alles führen kann? In diesem Februar sollte im Essener Folkwang-Museum eine große Balthus-Ausstellung gezeigt werden. Balthus ist vor allem dadurch bekannt geworden, dass er nicht nur, aber immer wieder leicht bekleidete, heranwachsende Mädchen malte, auch in aufreizenden Posen. (Was übrigens weit kritikloser verehrte, anerkannte Großkünstler wie Gustav Klimt und Egon Schiele auch taten.) Die Ausstellung wurde abgesagt, weil man rechtliche Konsequenzen fürchtete. Es wären nämlich auch teils explizite Polaroids eines der jungen Modelle zu sehen gewesen. Man hätte darüber diskutieren können, vielleicht überlegen können, das Konzept zu ändern und die Fotos einfach nicht zu zeigen. Tat man aber nicht, sondern setzte gleich die ganze Ausstellung ab.

In einem Klima aus Angst und Hysterie kann eben jemand, der es wagt, sich in so einem Fall im Zweifel für die Kunstfreiheit auszusprechen, in Verdacht geraten, der Pädophilie Vorschub zu leisten. Wer will sich diesen Schuh schon anziehen? Was war das Schreckensszenario, das einige da vor Augen hatten? Dass sich Menschen die Ausstellung nicht aus allein ästhetischen Gründen ansehen könnten? So Veranlagte schauen sich auch Kataloge mit Kinderbademoden mit anderen Augen an. Sollen die auch verboten werden? Wann sind Gemälde von Caravaggio dran? Oder antike griechische Keramik?

Angst und Hysterie sind so schlechte Ratgeber wie Ekel. Möglicherweise wäre mir weniger unwohl, wenn die Politik, wie jetzt im Fall Edathys, nicht immer sofort in diesen überstürzten Aktionismus verfallen würde, dessen oft mit glühend heißer Nadel gestrickten Ergebnisse immer drohen, das sprichwörtliche Kind mit dem Bade auszuschütten.



Kommentare :

  1. Die Pädophilendebatte geht sowieso weitgehends an der
    Realität vorbei. Auf so Sachen, wie diese Kriminologin, haben schon seit Jahrzehnten, ganze Batterien von Sozialarbeitern und ehrenamtlichen Betreuern von Opfern und Tätern händeringend versucht drauf hinzuweisen. Wollte keiner wissen. Aber man kann mit einem separierenden Schlagwort einfach zu bequem den pawlowschen Hund von der Leine lassen, und alle anderen sind ganz furchtbar anständig und niemand muss etwas ernsthaft reflektieren.

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  2. Eine zentrale Frage: „Wohin das alles führen kann?“

    @Stefan Rose: Es ist ein eher diffuses Gefühl, ich weiß. Aber mir wird immer sehr blümerant,
    Ich ertappte mich bei Gedanken, die mir überhaupt nicht behagten,
    Das lässt sich leider nicht ausschließen, weil die Gefahr besteht, dass das gesellschaftliche Klima insgesamt in eine bedenkliche Richtung kommen kann. Das lässt sich leider nicht ausschließen, weil die Gefahr besteht, dass das gesellschaftliche Klima insgesamt in eine bedenkliche Richtung kommen kann.


    Wohin das alles führen kann?

    Hallo Herr Rose

    Vieles von dem was sie ausdrücken, dürfte die Befürworter des Verbotes gleichermaßen umtreiben, nur in der Umkehr. „Blümerant“ dürfte das vorherrschende Gefühl sein.

    „Wohin das alles führen kann?“ dürfte die zentrale Frage sein, gerade auch für das gesellschaftliche Klima. Schaue auf die eine Seite und ich schaue auf die andere Seite, versuche abzuwägen. Komme mir persönlich vor, wie ein Zwitter, weil ich meine zu erkennen, wie ähnlich doch beide Seiten fühlen. So ertappe ich mich meinerseits bei Gedanken, die mir überhaupt nicht behagen, nämlich so etwas wie ein Klugscheixxer und ein Feigling (weil ich mich eigentlich zu dem Thema gar nicht äußern möchte) in einem zu sein.

    Ausschlaggebend ist für mich jedoch der Schutz des Kindes. Stelle infrage, ob die Kunst auf Kinder und/oder zu jungen Lolitas in Posen nicht verzichten könnte (würden wir wirklich etwas verlieren? und ob die die Betrachtung unter dem Aspekt Kunst Vorrang haben kann und sollte. Es wäre denkbar, dass Balthus, Klimt und Schiele nicht auf ihre Kunst verzichtet hätten (die Frage also nicht entweder-oder lautet) und statt dessen andere Motive in den Vordergrund gestellt hätten, wenn sie sich sicher hätten sein können, dass die Gesellschaft solche Werke nicht annimmt.

    Denke nicht, dass man eine solche Fragen zwischen der Kunst (mit dem Fokus des Kindes als Betrachtungsobjekt) und dem Kauf von Nacktfotos (in entsprechenden Posten) aufhängen sollte. Sondern man müsste genau analysieren, wie die viele einzelnen Faktoren sich bei der Betrachtung der Gesellschaft auf ihre Kinder auswirken (einst waren sie für vieles mehr Objekt als denn Subjekt).

    In dem von eb verlinkten Artikel, äußert Frau Frommel:

    “Die Zahl der Strafanzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern geht übrigens kontinuierlich zurück“

    Wenn ich jetzt davon ausgehe, das bezieht sich nicht nur auf die Anzeigen, sondern auf die Vorkommnisse, so müsste ich daraus schließen, dass das sich im Laufe der Zeit veränderte gesellschaftliche Klima dafür verantwortlich im positiven Schutz für die Kinder und Jugendlichen gewesen sein wird

    Sicher, dabei unterscheidet die Gesellschaft begrifflich nicht, ob sich jemand für Jungen oder Mädchen interessiert, doch zumindest differenziert sie emotional (je jünger das missbrauchte Kind, desto höher ist das Entsetzen und die Abscheu). Begrifflich wird sie vermutlich in all der Zeit nicht unterschieden haben und trotzdem hat sich etwas zum Positiven für Kinder und Jugendliche geändert (es gab noch ganz andere Zeiten in der Geschichte … und es kann nur zurück gehen, was vorher stärker praktiziert, weniger geoutet wurde).

    Hhhm, gehe davon aus, Kunst ist nicht nur das, womit sich der Künstler ausdrückt, sondern Kunst ist gleichzeitig ein Spiegel der Gesellschaft, weil Gesellschaft den Künstler prägt. Und letztlich legt Gesellschaft fest, was sie unter dem Kunst-Aspekt betrachtet. Ein in sich geschlossenes System, würde ich formulieren.

    ff.

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  3. Teil 2
    Die Fotografie, „Kunst“ und das Geschäft!

    Nun muss ich zugeben, kenne mich psychologisch nicht gut aus (damit meine ich die Perspektive aus Sicht der Pädophilen etc.) und ich bin auch kein studierter Soziologe. Doch es ist offensichtlich, dass sich die Sicht auf Kinder und Jugendliche im Laufe der Geschichte maßgeblich verändert hat. Sie sind m.E. weniger Objekt, sondern man nimmt sie mehr als Subjekt wahr (den neoliberalen Tenor der nachwachsenden Arbeitsressource lasse ich an dieser Stelle außen vor).

    Bin ich keine große Foto-Künstlerin, doch ich käme niemals auf den Gedanken, Kinder in eindeutigen Posen zu fotografieren, das ganze unter Kunst zu sublimieren und damit eine Menge Geld zu verdienen (und wäre Kind/Jugendlicher nicht gleich damit wieder mehr Objekt? Nicht nur für den Künstler, sondern auch für die bezahlende und betrachtende Gesellschaft?). Denke, das ist ein Aspekt, den man vll. mit ins Boot holen sollte.

    Wenn ich mir Kinder als Motiv ohne Kleidung vorstellen kann, dann als planschende und jauchzende Meute, in Badewanne, Schwimmbädern. Doch dabei liegt der Fokus mehr auf Wasserspritzer und Gesicht (oder Hände die auf die Wasserfläche prallen z.B.). Oder wenn ich Leid ausdrücken wollte, läge der Fokus auf dem Gesicht bzw. die Augen, vll. Tränen oder spezielle Gesten, Mimik halt, die Trauer eben ausdrücken.

    Bei diesen „speziellen“ Posenfotos legt der Fotograf den Fokus jedoch auf ganz andere Stimuli. Das kann ein Betrachter klar unterscheiden und er soll es ja auch unterscheiden können. Bilder sind dazu da, spezielle Stimuli anzusprechen. Der Fotograf weiß vorher genau, was er dazu in Szene setzen möchte und wie man etwas in Szene setzt. Das geht beim Fotografieren schon rein technisch nicht anders, weil der Rest des Bildes in die Unschärfe (aus dem Fokus) rückt und rücken soll.

    Tja, generell bin ich dagegen, dass man mit Kindern/Jugendlichen solche Geschäfte macht, die sie gleich wieder zu Objekten der Erwachsenen (und damit der Gesellschaft) degradieren. Dabei sollte man nicht nur auf die Ergebnisse in Form des Fotoproduktes schauen, sondern in erster Linie darüber nachdenken, wie solche Fotos zustande gekommen sind. Insbesondere unter dem Aspekt, dass diese kleinen Persönchen doch noch gar nicht mündig sind, also selbst weder entscheiden können, noch dürften und im Nachhinein aufgrund der aktuellen Gesetzgebung keine Grundlage für eine Klage haben.

    Es ist rechtlich untersagt, ungefragt Menschen erkennbar abzulichten und mit diesen Bildern Geld zu verdienen. Zumindest solange dafür kein Model Release unterzeichnet wurde. Für Unmündige übernehmen das die Erziehungsberechtigten. Hier schließt sich der Kreis wieder, wenn z.B. Frau Frommel ausdrückt, dass sich der sexuelle Missbrauch zumeist im Rahmen der Familie abspielt. Irgendwie müssen die Fotos doch zustande gekommen sein. Das ist ein Geschäft, ein Markt und zwar ein großer. Auf dem überwiegend (ganz wie Frau Frommel anführt, aus dem engsten Kreis die Kinder den Fotografen zur Verfügung gestellt werden. Die Fotos selbst sind nachher das verkaufte Produkt. Der Missbrauch findet also im Vorfeld statt.

    Wenn Erziehungsberechtigte (oder andere aus dem engeren Kreis) hierfür die Kinder und Jugendlichen dem Fotografen zur Verfügung stellen, dann ist das ein gesellschaftliches Problem und keines der Kunst.

    Hinzu kommt: Wage stark zu bezweifeln, dass die meisten davon im Erwachsenenalter rückwirkend ihr Einverständnis versichern würden. Es sind kleine Menschen, Schutzbefohlene, denen Erwachsene die Entscheidung abgenommen haben. Und in Zeiten des Internets, in dem so gut wie nichts verloren geht, bekommen solche Fotos noch einmal eine ganz andere Relevanz. Auch für die Zukunft dieser kleinen Menschen, die u.U. später ihre Abbilder im Internet „bewundern dürfen“. Und sie können aufgrund der aktuellen Rechtslage nicht einmal in Nachhinein den Klageweg beschreiten.

    ff.

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  4. Teil 3

    Mein Fazit:

    Das Fotografieren selbst geschieht im Geheimen, dort sitzt der eigentlich Missbrauch, denn ein Foto selbst als Ergebnis in der Hand seines Betrachters fühlt nichts.

    Doch vermutlich kann man diesen Missbrauch nur über das veröffentlichte Material, den Markt, rückverfolgen bzw. dort zu einem großen Teil ansetzen (wäre schön, es ginge direkt an der Wurzel, doch so einfach ist das nicht).

    Dabei ist es vermutlich nicht einmal vorrangig von Belang, ob die Mainstream-Diskussion sachlich/fachlich/juristisch an der Realität vorbei geht, die Gesellschaft die falschen Fachbegriffe bedient und die Diskussionen zunächst in verschiedene Richtungen laufen. Denn dabei ist für mich nicht gesagt, dass das Kinde mit dem Bade ausgeschüttet wird. Viele gesellschaftliche Entwicklungen kommen letztlich so zustande, bilden einen Schnitt des Gesamten.

    Wichtiger ist für mich die gesellschaftliche Betrachtung auf ihre Kinder und dabei stehen die Fragen im Vordergrund:

    «Objekt oder Subjekt?» und «Rechtsschutz oder keinen?»

    Gruss
    Rosi

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    1. Rosi, ich will doch gar nicht bestreiten, dass Kinderschutz und eine insgesamt eine Verbesserung des Schutzes der Kinder vor solchen Machenschaften wünschenswert sind. Ich kann das Bedürfnis danach ja auch gut verstehen, und, ja, keinem Menschen guten Willens würde etwas fehlen, wenn es solche fotografischen Machwerke nicht mehr gäbe. Ich bezweifle nur, dass immer neue Verbote und immer mehr verschärfte Gesetze ein geeigneter Weg dazu sind.
      Gesamtgesellschaftlich bzw. politisch sehe ich da Parallelen zu den Anti-Terror-Gesetzen. Wir müssen, denke ich unterscheiden zwischen Maßnahmen, die wirklich hilfreich sind und Maßnahmen, bei denen die Angst vor solchen Verbrechen genutzt wird, um Überwachung zu verschärfen. Wie eb schon sagte: Die Öffentlichkeit ist da mittlerweile sehr gut konditioniert.
      Was Alternativen betrifft, ein Beispiel, wie das auch gehen kann: Ein alter Schulfreund von mir ist katholischer Priester. Ich habe ihn letztens mal wieder besucht und wir kamen unter anderem ins Reden über die Kindesmissbräuche in der kath. Kirche. Er sagte, dass seit vorletztem Jahr alle, die im Rahmen der Kirche mit Kindern arbeiten, entsprechend geschult werden müssten. Vor allem, um Anzeichen von Missbrauch besser zu erkennen und um ihnen Handlungsmöglichkeiten an die Hand zu geben, wie sie dann richtig damit umgehen können (damit keine Hysterie aufkommt). Dieses Programm habe dazu geführt, dass in seiner Gemeinde binnen zwei Jahren mehrere Fälle gemeldet und zur Anzeige gebracht worden seien, was eine Steigerung um hundert Prozent bedeute. Das funktioniert völlig im Rahmen der bestehenden Gesetze, einfach, dass man genügend Menschen sensibilisiert (und professionalisiert).
      Die Kunstdebatte ist noch mal eine andere Baustelle. Sicher würde ein Zeitgenosse, der so was malte, erhebliche Probleme bekommen, weil die Wahrnehmung sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Es ist aber doch normal, dass bestimmte Dinge zu anderen Zeiten anders bewertet wurden als heute. Diese Werke sind aber in der Welt, also warum soll man sich nicht damit auseinandersetzen dürfen?

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  5. Herr Rose

    Eingangs, es tut mir leid Herr Rose, aber ich bekomme solche Themen einfach nicht kurz dargestellt, weil ich meine Fazits immer direkt mit dem Ariadne-Faden meiner Gedankengänge verknüpfe. Damit möchte ich verhindern, dass es zu Fehlinterpretationen kommt (was sich jedoch trotzdem nicht ausschließen lässt).

    Bestreite gar nicht, dass Sie eine Erweiterung des Kinderschutz befürworten würden (in diese Richtung hab ich nicht einmal gedacht). Wollte ganz andere Aspekte herausarbeiten; ein wenig abseits Ihrer Argumentation, bzw. mehr daneben, weniger dagegen.

    Mir war zum einen daran gelegen, die Fotogeschichte von der Kunst zu trennen und ein wenig die juristische Seite herauszuarbeiten bzw. darauf hinzuweisen, wogegen sich Erwachsene wie selbstverständlich wehren können (und das auch tun), ein Kind jedoch nicht.

    Mir ist z.B. nicht klar, wieso das Konterfei eines angezogenen Erwachsenen auf einer Bank, ungefragt veröffentlicht und zu Kasse gemacht, eine strafbare Handlung darstellt, die bei Klage dazu führen kann, dass alle Käufer das Foto wieder hergeben müssten und dagegen Kindernacktfotos in bestimmten Posen und Nacktheitsgrad nicht einzukassieren sind.

    Wenn Sie als Fotograf ein solches Erwachsenenfoto machen, dann ist Voraussetzung, dass eine Einverständniserklärung vorliegt, sonst bekommt man es gesetzeskonform nicht vermarktet, nicht einmal veröffentlicht. Einzig unter dem Gesichtspunkt des Schutzes der Privatsphäre eines Individuums, welches in der Öffentlichkeit nicht zur Schau gestellt werden wünscht. Wer bestimmt, dass das Kindern völlig egal sei?

    Das Beispiel mit der Priesterschaft dürfte hier als alternativen Weg nichts bringen, denn es ist weder strafbar, Kinder-Nacktfotos zu machen, noch welche zu verkaufen oder zu erwerben (es geht darum, dass zu ändern). Solange ein solches Foto nicht unter (heute) sexuellen Missbrauch fällt, nutzt es wenig, wenn man betreuendes Personal schult. Was sollen sie denn anzeigen? Es gibt doch zu diesen Fallen keinen gesetzlichen Rahmen, in dem man etwas steigern bzw. agieren könnte. Und lasse ich die sexistische Komponente einmal ausßen vor, generelle, den Erwachsenen ähnliche gestellte Persönlichkeitsrechte von Kindern gelten offensichtlich erst gar nicht. Insoweit sehe ich nicht, dass die heutige Gesetzeslage ausreichen würde, um das zu gewährleisten.

    Zum anderen wollte ich überhaupt den Fokus mehr auf die Kinder selbst lenken, weiter entfernt von Erwachsenen-Politik-Assoziationen mit Terrorgesetzen (o.ä.). Weg von der Opferbetrachtung für die in der Entscheidung stehende Gesellschaft mit ihren Ängsten. Denn die Angst, dass dieser Anlass zu mehr Überwachung einer ungünstigen konditionierten Gesellschaft führen könnte sind doch gleich wieder unbestreitbar politische Erwachsenen-Assoziationen auf der Basis von Ängsten. Und das meinte ich, wenn ich die beiden Standpunkte gegenüber stelle. Die eine Seite nutzt die Furcht vor Anlässen solcher Art, die gesellschaftlich entarten und Freiheiten einschränken könnten und die andere Seite entartet eben zu mehr Einschränkungen zu kommen. Bei beiden stehen im Fokus Befürchtungen und Ängste. Das widerspricht jedoch nicht dem Fakt, dass sich beide Seiten um den Schutz von Kindern machen. Sie sind sich nur uneins über den Weg und die Folgen für die Gesellschaft.

    Statthaft sind die unterschiedlichen Betrachtungswinkel m.E. alle, weil es in unserer menschlichen Natur liegt, Diskussionen mit eigenen Bewertungen zu belegen (das stelle ich nicht infrage).

    ff.

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  6. Teil 2

    Kann man das nicht gedanklich trennen? Ganz so, wie Sie die Unterscheidung vorschlagen?

    Es gibt Ängste, die sind berechtigt und es wird sich jemand finden, der das trotzdem politisch fehlausschlachtet. Es gibt Ängste, die sind nicht berechtigt und es wird sich jemand finden, der das politisch für sich zu nutzen weiß. Es gibt aber auch Ängste, die sind gar nicht vorhanden, werden jedoch in der politischen Umsetzung als existent deklariert.

    Letzteres dürfte auf die Anti-Terror-Gesetze zutreffen. Doch für mich ist der Fall mit den Kindernacktfotos anders gelagert (so ähnlich sich die menschlichen Umgangsmechanismen zu verschiedenen Themen zeigen mögen … wir sind halt Menschen, auch bei uns ins das Repertoire begrenzt). Hier geht es (sollte es zumindest) in erster Linie um die Interessen der Kinder gehen, in zweiter Linie um die Besorgnis der Gesellschaft und in dritter Instanz erst um Politik.

    Wenn man jetzt den Besitz solcher Fotos sowie das Erschaffen solcher unter Strafe stellt, hat das doch zunächst einmal nichts mit Überwachung zu tun. Hatte nicht die Heerscharen von Internetüberwachern im Kopf, sondern einzig und alleine den Fakt, dass man solche Fotos überhaupt machen und vermarkten darf (und damit natürlich auch kaufen und besitzen). Bei angezogenen Erwachsenen wird dagegen ein Riesengetöse darum gemacht.

    Wenn sich in der gesellschaftlichen Wahrnehmung etwas in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat, könnte man dem doch Rechnung tragen. Früher hielt man solche Bilder für völlig harmlos, heute vll. nicht mehr. Früher war es normal, dass ein Kind ständig bevormundet wird, nicht frei entscheiden und oder klagen kann, heute steht das vermehrt infrage.

    Sicherlich berührt das auch bereits bestehende Kunst. Doch wieso macht man sich denn jetzt schon Gedanken darum, ob man vom Staat vermehrt gegängelt wird und/oder ob es der Kunst zum Schaden gereicht? Wieso ist der Fokus dort drauf?

    Versuche doch nur, die Diskussion auf das zu lenken, was ich als eigentliche Problematik sehe. In welcher Lage sind die Kinder, was können Kinder und die Gesellschaft dagegen tun, dass sie nackt (wenn das nicht das Persönlichkeitsrecht angreift, weiß ich es nicht) zur Schau gestellt werden und darauf keinerlei Einfluss nehmen können (Machtfaktor). Nicht einmal dann, wenn sie später zu mündigen Bürgern herangereift sind. Wieso behandelt man Kinder dem Erwachsenen gegenüber so benachteiligt? Ist ein angezogener Erwachsener juristisch mehr wert, als ein nacktes Kind in fragwürdiger Pose? Die meisten Erwachsenen dürften es nicht schätzen, wenn man ihre eigenen Kindernacktfotos von einst verteilt (auch nicht dann, wenn sie völlig unverfänglich sind). Liege ich da völlig falsch?

    ff.

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  7. Teil 3

    http://www.taz.de/Schaerfere-Gesetze-fuer-Fotos/!133324/

    Das, was als nicht strafbar bei Kindern deklariert wurde, müssen sie mal mit Erwachsenen machen … Nacht Mattes. Würde vorschlagen, sich warm anzuziehen und für gute juristische Kontakte zu sorgen. Man kann bei Erwachsenen davon ausgehen, dass sie lieber ihre Kinder unter dem Aspekt der Veröffentlichung fotografieren lassen, als denn sich selbst (wieso eigentlich?).

    Dabei ist es völlig irrelevant, ob sie das unter sexistischen Gesichtspunkten fotografieren oder einfach nur einen nackten Hintern eines Erwachsenen ablichten wollen. Den einen stört sein Pickel am Hintern, der nächste möchte seinen Bierbauch oder seine Falten bzw. Schwangerschaftsnarben, Hängebusen usw. nicht verewigt sehen … was auch immer. Kinder in einem gewissen Kleinkindalter kennen eine solche Scham in der Regel noch nicht, zumindest nicht in dieser Ausprägung.

    Wobei es auch früh-kamerascheue Kinder gibt (einfach nur, weil sie nicht fremdangestiert werden möchten, ohne zu wissen, was die Kamera wirklich macht und worum es im Einzelfall geht). Zu einem Großteil sind wir eine angezogene Gesellschaft, die ihren Kindern Angezogenheit vorlebt.

    Und so ist es auch bei Kindern nicht so, dass sie sich selbst überall nackig zur Schau stellen wollten. Es ist z.B. eine ganz normale Reaktion, wenn ein Kind sich nicht von einem ihm nicht ganz so nahe stehenden Menschen die Hose ausziehen lassen möchte (und sei es nur zum Wechsel aufgrund eines Malheurs). Es möchte nicht nackt dastehen, ausgezogen werden. Es ist für das Kind mehr ein Gefühl, weniger eine rationale Detailbetrachtung, zu der ein Kind noch gar nicht fähig ist. Dass es spielend am Strand keinen Gedanken darauf verschwendet, tut dem keinen Abbruch. Das heißt nicht einmal, dass es sich frei auf dem Sandplatz gerne die Badhose auszieht oder ausziehen lässt (nicht einmal unbedingt von seinen Eltern. Noch nie weinende Kinder am Strand oder im Schwimmbad gesehen, die versuchen, sich dagegen zu wehren?). Würden alle Erwachsenen sich ebenso nackig an den Strand setzen und auf das aufwändige Umkleideprocedere (nur mal an die Balanceakte unter dem Badehandtuch gedacht) verzichten, wäre die Sicht der Kinder darauf eine andere. Doch wir Erwachsenen tun, was gesellschaftlich üblich ist. Und auch wenn Kinder diese Prozesse nicht verstehen, ahmen sie diese nach.

    Fällt diese Diskrepanz zwischen Erwachsenen und Kindern in der Betrachtung, der Handhabung und in der juristischen Umsetzung denn keinem auf?

    Dabei steht für mich außer Frage, dass die Abgrenzung, wie im Artikel bei der taz ausgeführt, im höchsten Maße kompliziert sein wird. Der Anlass mag auf falschem Wege zustande gekommen sein, doch man darf sicherlich eine neue Bewertung in Angriff nehmen, weil sich die Wahrnehmung der Gesellschaft gewandelt hat.

    In Bezug auf die Kunst, das ist wirklich ein separates Thema, denke ich, ist es gar nicht möglich, ältere Werke aus dem Blickwinkel der Vergangenheit zu betrachten, weil der betrachtende Blick immer aus der prägenden Gegenwart kommt. Das ist nur eine Anmerkung, bin die Letzte, der die eindeutigen Malereien der Griechen von den Wänden kratzen würde. Doch ich muss mir auch keine Lolita von Balthus in der Lobby an die Wand hängen. Es hätte, da gehe ich mit Ihnen völlig überein, m.E. gereicht, auf solche Werke aus seinem Portfolio zu verzichten.

    Doch wir werden niemals verhindern können, dass Initiatoren solcher Ausstellungen das anders sehen (doch das hat mit dem gesetzlichen Umgang für solche Fotos nicht wirklich etwas zu tun). Man kann das so ansprechen, wie Sie das getan haben. Doch ich denke, es ist genau so statthaft zu versuchen, der Interpetation des Anlasses eine andere Richtung zu geben.

    Gruss
    Rosi

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