Samstag, 15. Februar 2014

Neues von den Taliban


Schon wieder zwei von diesen Anlässen in einer Woche, bei denen man sich fragt: Geht's noch? Da wäre zum einen die freundlicherweise schon von Hartmut Finkeldey und Burkhard Schröder erwähnte Initiative des Referent_innenrates [sic!] der Humboldt-Universität Berlin. Die Damen und Herren weigern sich standhaft, an Lehrveranstaltungen teilzunehmen, in denen Texte von Autoren behandelt werden, die rassistisches Gedankengut vertreten und fordern deren Absetzung.

Schön, ich hasse es, Menschen, jungen Menschen zumal, ungefragt Ratschläge zu erteilen oder Belehrungen angedeihen zu lassen. Ich komme mir dann immer leicht vor wie Opa, der der verweichlichten Jugend vom Krieg erzählt. Aber: Ist es nicht irgendwie so, dass Kennerschaft - und darum geht es doch beim geistes- und sozialwissenschaftlichen universitären Treiben - unter anderem dadurch entsteht, dass man sich mit möglichst vielem, was sein Gebiet betrifft, auseinandersetzt? Wozu dann eben auch Positionen gehören, die einem überhaupt nicht passen bzw. einem zutiefst widerstreben? Ich meine, was wäre ein Film- oder Musikexperte, der sich nicht auch eine ganze Menge Filme ansieht, mit denen er überhaupt nichts anfangen kann bzw. eine Menge Musik hört, die ihm absolut nicht gefällt? Wie kann zum Beispiel ein Literaturwissenschaftler oder -kritiker von sich behaupten, einen literarischen Horizont zu haben, wenn er im Leben nicht auch massenhaft Abseitiges, Provozierendes, Kitischiges und hoffnungslos Schlechtes gelesen hat?

Anfang der Woche ist im Kopenhagener Zoo bekanntlich eine Giraffe ums Leben gekommen. Marius, so hieß der arme Kerl, war gerade 18 Monate alt, als er per Bolzenschuss erledigt und den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurde. Man kann das natürlich problematisch finden. Man kann sogar Zoos an sich infrage stellen. Warum man aber angesichts des millionenfachen täglichen Todes von Schlachttieren um eine Giraffe, die im Gegensatz zu denen ein zehnmal artgerechteres Leben hatte, ein Tamtam machen muss als hätte irgendein Irrer den Dalai Lama bei lebendigem Leibe mit dem Käsehobel gehäutet, bis zu dem Punkt, dem verantwortlichen Zoodirektor und seiner Familie grausamste Todesarten anzudrohen, das will sich mir nicht recht erschließen, so rein inhaltlich.

Rein menschlich kann ich das natürlich schon ein wenig verstehen. Man kann nicht nur ordentlich Dampf ablassen und kriegt massig Aufmerksamkeit, sondern kann auf einer Fratzbuch-Seite oder bei einem Zwitscher-Shitstorm unter Decknamen auch mal zeigen, was für ein voll engagierter, kämpferischer, irre mutiger Hecht und vor allem, was für ein moralisch höher stehendes Exemplar der Gattung Mensch man doch ist. Erinnert einen immer ein wenig an diese Leserbriefschreiber in Lokalzeitungen, die offenbar massig Tagesfreizeit haben und die Redaktion wochenlang mit wütenden Zuschriften bombardieren, weil an ihrer Straße ein Baum schief steht.

Tierrechtler nehmen gern für sich in Anspruch, ein ethisch korrektes Leben zu führen, mit dem sie keiner Kreatur etwas zuleide tun. Das funktioniert natürlich nur, wenn man die menschenunürdigen Bedingungen ausblendet, unter denen auch ihre Kleidung hergestellt wird und wenn man die ganzen Tiere, vor allem süße Rehkitze, mal außer Acht lässt, die jedes Jahr bei der Getreideernte von Gevatter Mähdrescher geschreddert werden. Ach so, und dann noch das mit den Kindern, die durch das öffentliche Zerlegen der toten Giraffe allesamt schwerst traumatisiert wurden.

Alle Kinder waren freiwillig und in Begleitung ihrer Eltern da, keines wurde gezwungen, sich das anzusehen, erst recht nicht unvorbereitet. Ich bin alles andere als dafür, Kindern die Natur einseitig als ewigen Krrreislauf aus Frrressen und Gefrrressenwerden zu vermitteln, in dem nur der Stärrrkste überlebt. Aber haben sich diese Leute mal angesehen, was zur besten kindertauglichen Sendezeit in Tierdokumentationen gezeigt wird? Gut, vielleicht haben diese Bessermenschen gar keinen Fernseher mehr, dann eben so: Es ist natürlich nur Spekulation, aber ich könnte mir vorstellen, dass dieselben Leute, die sich da so tierisch aufregen, es vermutlich für total verklemmt und voll 20. Jahrhundert halten, wenn man es problematisch findet, dass jeder noch so Minderjährige bei Youporn nur auf 'Ich bin 18!' klicken muss, um Material zu Gesicht zu bekommen, das für Kinder ebenfalls sehr verstörend wirken kann.

Irgendwie musste ich an eine Geschichte denken, die mir mein alter Deutschlehrer mal erzählt hat, als ich ihn ein paar Jahre nach dem Abi getroffen habe. Der Mann fuhr mit seinen Leistungskursen immer in ein Gästehaus nach Prag und hatte sich über die Jahre mit dem Leiter des Etablissements angefreundet. Es war kurz nach 1991 und viele Tschechen kamen nur mit Mühe und Not über die Runden. Als er dem Leiter des Hauses vor einer Fahrt telefonisch mitteilte, die Hälfte der Schüler sei Vegetarier und ihn bat, das beim Essen entsprechend zu berücksichtigen, meinte der Mann nur: "So viele Vegetarier? Deutschland muss wirklich ein sehr reiches Land sein."

Das Problem ist ja nicht, dass es solche Positionen gibt. Immer gern, man kann grundsätzlich über alles diskutieren. Ich finde es auch immer sympathisch, wenn Menschen sich leidenschaftlich für etwas engagieren. Das Problem in diesen Fällen aber ist der Fanatismus und der heiligmäßige Sauberkeitswahn, mit dem das vorgetragen wird. Ihre Anliegen mögen noch so edel sein, aber so lange diese Taliban derart missionarisch auftreten und meinen, ihre Ansinnen notfalls mit Gewalt durchsetzen zu müssen und kindischerweise jeden für minderwertig halten, der sich ihnen nicht sofort vollumfäglich anschließt, sind sie um keinen Deut besser als diese evangelikalen Bibelschnüffler und Jungfräulichkeitsfanatiker im mittleren Westen der USA und ich werde gegen sie sein.




Kommentare :

  1. Todesdrohungen gegen Zoopersonal hat es doch auch im Zusammenhang mit Knut dem Eisbären gegeben, oder? Wenn's um Tiere geht, drehen manche Leute völlig durch (Schlachtvieh sind natürlich keine Tiere in diesem Sinne),

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  2. Oh jee, hab ich gar nicht mitbekommen, schon wieder ein Shitstorm ;).

    Wäre vll. mal interessant zu untersuchen, warum beim Tierthema regelmässig die Emotionen, wie auch die Wortwahl überschwappen. Wobei ich das meiste davon für kurzes, sich selbst auflblasendes Geschwätz halte, weniger für tatsächliche Überzeugung. Das hält m.E. nicht lange und ist schnell wieder vergessen. Wer interessiert sich heute noch z.B. für Knut?

    Davon abgesehen scheint mir Deutschland im Moment in einer Art Meinungskonformitätswahn zu stecken. Vermutlich vermittelt das ein Stück weit Sicherheit, in recht unsicheren Zeiten.

    LG
    Rosi

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