Dienstag, 25. Februar 2014

Opfer mit Meinungsfreiheit


Angenommen, ich zöge mir ein Trikot der Schwarzgelben aus Lüdenscheid-Nord über und mischte mich damit unter eine Horde Anhänger der Blauweißen aus Herne-West, die soeben einen Heimsieg feiern. Befände ich mich auf polizeiüberwachtem Terrain, hätte ich Gefahr für Leib und Leben vermutlich nicht zu befürchten, aber ich müsste mir mit Sicherheit eine Menge dummer Sprüche und Schmähungen anhören. Vielleicht bekäme ich auch den einen oder anderen Bierbecher ab.

Zwar fällt es durchaus unter das Grundrecht der Meinungsfreiheit, seine Sympathie zu einem bestimmten Fußballverein dadurch zu bekunden, dass man in der Öffentlichkeit ein entsprechendes Trikot zur Schau stellt. Würde ich aber deswegen beklagen, wie schlimm es um die Meinungsfreiheit in diesem Land bestellt sei, weil ich von blauweißen Meinungsterroristen verfemt, nein, schlimmer noch, 'gebasht' worden sei, bloß weil ich meine Anhängerschaft zum anderen Verein öffentlich gemacht hätte und nur gesagt hätte (was man ja wohl noch dürfe), die Fans der anderen Seite seien aus genetischen Gründen alle viel dümmer als ich - ich müsste mir völlig zu recht die Frage gefallen lassen, ob ich sie noch alle hätte.

Für Thilo Sarrazin und seine Fans hingegen scheint so ein Benehmen völlig normal zu sein. Und weil das so ist, bringt der ewig Missverstandene ein neues Buch heraus - nebenbei: Wie viel Druckseiten will der eigentlich noch vollschmieren, bis er es endlich mal auf die Kette bekommt, nicht andauernd falsch verstanden zu werden? In 'Der neue Tugendterror', so heißt das Werk, wird er auf 400 Seiten genauestens seine steile These darlegen, wieso man in Deutschland wegen eines linken Meinungskartells aus Tugendterroristen, das kollektiv von der Gleichheitsideologie befallen ist, wie er es nennt, längst nicht alles sagen kann, was man will.

"Es ist der alte Vulgärdarwinismus, der hier aus der Schublade gekramt wird, das 'survival of the fittest' für Leute, die nicht fit genug sind, diese ja nun auch schon wieder über 150 Jahre alte Theorie wenigstens in ihren Grundzügen zu durchdringen." (Heiko Werning)

Ich weiß, es wäre das Beste, das einfach zu ignorieren, aber bei Sarrazin bringe ich das einfach nicht über mich. Muss damit zu tun haben, dass der Typ verantwortlich ist für meine allerersten Gehversuche als Blogger (damals noch als Gastautor). Ich will mich auch gar nicht mit einer längeren Auseinandersetzung mit dem neuerlichen Geschreibsel aufhalten, für das tragischerweise wieder einmal Bäume gefällt wurden. Ich empfehle aber die Lektüre eines Interviews, das er die Tage der 'Wirtschaftswoche' gewährte. Das reicht völlig, um sich wieder auf den Stand der, ahem, Diskussion zu bringen.

Seine dortigen Ausführungen zeugen vor allem vom Dauerbeleidigtsein und der kompletten Lernresistenz eines Mannes, der immerhin für sich in Anspruch nimmt, Debatten anzustoßen, die für nichts weniger als das Überleben des deutschen Volkes von essenzieller Bedeutung sind. Es sind die Worte eines Menschen, der komplett unfähig bzw. unwillig ist, auf seine Kritiker irgendwie anders einzugehen als sich permanent persönlich von ihnen angegriffen und missverstanden zu fühlen und jetzt noch einmal mit dem Fuß aufstampft.

Man führe sich das einmal vor Augen: Seit nunmehr vier Jahren wird mit Unterbrechungen über die Ergüsse dieses selbsternannten Universalgelehrten, der nicht nur von sich glaubt, zu so ziemlich allem Substanzielles zu sagen zu haben, sondern absurderweise auch, mundtot gemacht und ausgestoßen zu sein, reichlich kontrovers diskutiert. Und alles, was ihm dazu einfällt, ist, seinen Sermon zu wiederholen und zu behaupten: Ihr werdet schon sehen, wie recht ich habe. Das ist kein Diskutieren, sondern an Narzissmus grenzende Rechthaberei. Klar, was sind schon die Einwände irgendwelcher verkackten Experten, wenn so jemand eine Meinung haben mit immer Recht haben verwechselt? Mit welchem Recht begehrt so einer, noch ernst genommen zu werden?

Was soll es noch mit Debatte zu tun haben, wenn jemand jedes Gegenargument mit der Unterstellung abbürstet, der es vorbringe, sei eh verblendet und von den linken Tugendterroristen gehirngewaschen und somit nicht satisfaktionsfähig? Es will so einiges heißen, dass sogar Jan Fleischhauer sich mittlerweile darüber lustig macht. Das alles wäre auch nicht weiter problematisch, wenn, ja wenn.

Wenn es nicht eine neuerliche Bettlektüre wäre für den rundum verrohten Kleinbürger, der, von Abstiegsangst und panischem Sicherheitsbedürfnis getrieben um sich haut, aber nicht den rechten Mut hat, seinen herzenskalten, durchökonomisierten, sozialdarwinistschen Hirnunrat in aller Öffentlichkeit herauszurotzen. Er hat wieder einen Pappkameraden, hinter dem er sich, "Sarrazin hat recht! Lies gefälligst das Buch!" krähend, verstecken kann.

Eine pseudowissenschaftlich verbrämte Legitimationsschrift, mit deren Hilfe der hässliche deutsche Herrenmensch nach einem Jahrhundert der Demütigungen und des als Vergangenheitsbewältigung bemäntelten Selbsthasses den Stiernacken erheben und anderen endlich, endlich wieder jenes deutsche Wesen beibiegen dürfen kann, an dem die Welt genesen soll. Denn eigentlich ist er ja das Opfer, der Deutsche. Immer. Und immer wird er missverstanden und falsch zitiert. So wie schon Wilhelm Zwo den ihm aufgezwungenen Weltkrieg nicht wollte und sowieso doch immer nur das beste. Menno!

Apropos Opfer: Es fällt sehr wohl auch unter Meinungsfreiheit, wenn man meint, die Bombardierung Dresdens 1945 sei eine zwar äußerst tragische, aber letztendlich unter den gegebenen, unschönen Umständen noch zu rechtfertigende Aktion gewesen. Man muss diese Meinung selbstverständlich nicht teilen, aber Teile der Historikerzunft zum Beispiel tun das, und das durchaus begründet.

Wenn aber so eine Piratentussi daherkommt und, gemeinsam mit einer Gleichgesinnten, mit entblößter Brust die Femen-Ikonographie zitierend, es wagt, diese Meinung in einer etwas drastischeren Variante zu äußern, dann ist aber zappenduster. Denn inzwischen hat der Deutsche unter anderem von Guido Knopp gelernt, dass die Altvorderen mitnichten nur Täter waren, sondern ein Stück weit immer auch Opfer. Und er gleich mit. Da wird so ein Episödchen, das in diskursiv entspannteren Zeiten eine bessere Schnurre gewesen wäre, zum ausgewachsenen #Bombergate der eh schon rettungslos verlorenen Piratenpartei aufgeblasen. Hey, Sarrazin, da ist Meinungsfreiheit in Gefahr! Wo sind Sie eigentlich, wenn man Sie mal braucht?

All jenen aber, die die Opfer von Dresden dazu missbrauchen, ihren revisionistischen Dreck zu verbreiten, wenn sie sich nicht selbst gleich als Mitopfer spreizen, denen möchte man im schönsten Schulhofdeutsch zurufen: Halt die Fresse, Opfer, isch hab Meinungsfreiheit!


Kommentare :

  1. http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/leute/In-seinen-Ohren-klingt-Vaters-Sozialkritik-wie-ein-Hohn/story/28324524?track

    Wohin persönlich empfundener Schmerz führen kann ... Der enttäuschte Vater, der enttäuschte Politiker, vll. spielt die eigene Rückschau auf die (unklare bzw. verschleierte) Familiengeschichte eine Rolle:
    http://studiengruppe.blogspot.ch/2013/01/von-gutsnachbarn-zu-geistesnachbarn.html
    (Einige der Kommentare sind ganz interessant, seine Frau scheint auch nicht so ohne zu sein.)

    Täter neigen dazu, sich selbst zum missverstandenen Opfer zu stilisieren. Dabei kann auch die Vererbung eine Rolle spielen (Vererbung im Sinne der Weitergabe von Einstellungen an die nächste Generation). Ob sie, oder die Vorfahren dabei jemals Opfer gewesen sind, ist allerdings nicht Voraussetzung und eine Familien-Opfer-Lüge kann sich Generationen weiter tragen (und wird dadurch für die Familie immer wahrer; bei Gesellschaften funktioniert das ähnlich).

    Alles was sie tun, alles was sie denken, jede Ideologie, die sie darum herum kleiden, dient eigentlich nur diesem einen Zweck: Eine rationale Rechtfertigung für die eigenen Entscheidungen, geboren aus dem inneren Gefühl der Verletzung, rund um das eigene Opfertum zu kreieren. Wenn man sich seinen Emotionen und Entscheidungen nicht stellen , bzw. nach Herzenslust Täter bleiben möchte, ist der einfachste Weg, den seinigen zum alternativlosen und somit zum einzig richtigen zu erklären. Je mehr Anhänger das unterstützen, desto glaubwürdiger wird das, auch für den Täter.

    Meinungsfreiheit spielt insoweit also im doppelten Sinne eher keine Rolle. So erklärte sich auch das «Dauerbeleidigtsein» und «Lernresistenz». Würde er seine Thesen selbst infrage stellen, käme für ihn ein emotionaler Rattenschwanz hinterher, den man beinahe schon als Nahtoderfahrung einschätzen könnte. In gewisser Weise sind ihm seine Ergüsse in der Tat von essenzieller Bedeutung und er deklariert sie auch als die einzige Wahrheit. Das ist ziemlich klassisch, man benutzt die Spiegelungstaktik (Projektion). Dadurch wird die Lüge zur Wahrheit, der Täter schlüpft in die Rolle des Opfer. Die Opfer werden dagegen zu Tätern deklariert, wie die Fakten zur Lüge.

    Ignorieren sollte man das nicht, ich halte ihn sogar für gefährlich, für einen Soziopathen. Es ist nahezu eine Kausalität, dass solche Täter hinter sich einen Rattenschwanz an Zerstörung anrichten, im Kleinen, wie im Großen. Das tun sie stets im Rahmen ihres Aktionskreises, sprich: im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Wie groß ein solcher Kreis wird, entscheiden das Umfeld und die Umstände, sprich: passt Zeit und Text bzw. Autor zusammen..

    Jens Berger hat heute einen schönen Artikel veröffentlicht, der meinen aufgeführten Aspekt mit der aktuellen politischen Situation verbinden kann. Ignoranz spielt dem rechten Rand von jeher in die Hände, weil kritisches Denken darin erst gar nicht vorkommt, bzw. sich nicht als Gegengewicht äußert:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=20881
    Am Ende seines Textes schreibt JB:
    "So ist zu vermuten, dass die Rechtspopulisten die eigentlichen Profiteure der nie ernsthaft geführten Debatten sind. ...Wer kritisches Denken unterbinden will, stärkt damit meist diejenigen, die ohnehin ein gestörtes Verhältnis zum Nachdenken haben. "
    Dagegen ist m.E. nicht zu widersprechen. Und es sind Populisten wie Sarrazin, die sowohl die Brücke, als auch die Argumentation für solche Entscheidungen liefern.

    Eine Gesellschaft schleppt immer einen Anteil von Soziopathen mit sich herum. Das spielt für die Gesellschaft solange keine Rolle, bis die Gefahr besteht, dass ein größerer Anteil der Gesellschaft das Gedankengut aufgreift (die Leserzahlen lassen übles erahnen, die Entwicklung in Europa auch). Es ist nicht einmal nötig, dass Gesellschaft das zu 100 % macht, 20% bis 40% halte ich schon für sehr gefährlich. Das ist in etwa so, wie die Geschichte mit dem faulen Apfel in der Kiste.

    Ohne ihm diesbezüglich persönlich auf die Füße treten zu wollen, er wäre ein höchstwahrscheinlich ein spannender Fall für die Analyse.

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  2. Nachsatz:

    Soziopathen fehlt natürlich, neben dem Unrechtsbewusstsein, ein Risikobewusstsein. Sie zocken recht gerne leichtfertig (wie passend). Insbesondere mit dem Kapital anderer, wenn sie sich sicher sein können, dafür niemals persönlich in Haftung genommen zu werden. Fremdkapital hat für sie keinerlei Bedeutung, egal wie viele Nullen auch dahinter stehen mögen und so geben sie sich keine Mühe mit angemessenen Risikobewertung oder gar detaillierter Prüfung. Sie kennen keine Skrupel und kein schlechtes Gewissen, wenn es schief gegangen ist, eine Beteiligung an der Schadensbegrenzung ist ihnen völlig fremd:

    http://www.berliner-kurier.de/kiez-stadt/berliner-steuer-euro-sarrazin--150-mio-in-4-minuten-verzockt,7169128,26327848.html

    Insoweit versteht sich von alleine, dass es ihm nicht der Sinn danach steht, sich die Mühe zu machen, vor Gericht als Zeuge wenigstens im Nachhinein dafür Sorge zu tragen, dass die beklagte BVG nicht von vornherein derart chancenlos ist.

    Wie ich schon formulierte, an Rattenschwanz an Zerstörung ... ohne auch nur mit der Wimper zu zucken oder deswegen schlechter zu schlafen.

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  3. Da ich schon im intensiven Selbstgespräch bin ;);

    http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/german-rechthaberei

    "Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben, das so kalt und weinerlich ist, dass es einem graust. Nicht einmal die eigene Bosheit kann es genießen"

    Lesenswert, m.E.

    Gruss
    Rosi

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    1. Stimmt, der Artikel ist wirklich lesenswert - besten Dank!

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