Sonntag, 9. Februar 2014

Sotschi, Putin und unsere Arroganz


Und, merken Sie schon was? Wir wurden gestern erlöst. Wir alle. Deutschland wurde erlöst. Vom Rodler Felix Loch. Im Olympischen Eiskanal. Ein paar Stunden zuvor hatte bereits ein weithin unbekannter junger Mann namens Matthias Mayer Österreich erlöst. Bleiben nur noch die drängenden Fragen, ob die beiden Sportler auch übers Wasser gehen können und was genau man geraucht haben muss, um so ein quasireligiöses Hallelujageschwummse allen Ernstes als Nachrichten zu verkaufen, ohne sich dabei in einer Tour schlapp zu lachen. Zurück in die Sendezentrale.

Mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Heiterkeit begleiten westliche Berichterstatter Putins Lieblingsprojekt, die Olympischen Winterspiele im potemkinschen Superdorf Sotschi. Und wo Zar Waldimir I. und seine Oligarchen hobeln, da fallen massig Späne. Downsizing ist nicht so ihres, und so wurden Tausende Bewohner umgesiedelt für die Wahnsinnsidee, Winterspiele in einem subtropischen Ort zu veranstalten. Die Kosten für das gigantomanische Vorhaben sind ebenfalls völlig aus dem Ruder gelaufen, woran etliche korrupte Funktionäre und Gewinnler sich goldene oder platinene Nasen verdient haben. Mal sehen, wie lange es dauert, bis der erste Ölscheich in Dubai oder Abu Dhabi auf die Idee kommt, so eine Sprungschanze in der Wüste könnte doch ganz schick sein.

Dass irgendeiner der Beteiligten sich dem ganzen Größenwahnsinn außer dem mehr oder minder heimlichen Tragen der Regenbogenfarben irgendwie verweigert, ist unwahrscheinlich. Wo Medaillen winken und anschließende Sponsorenverträge, wo Milliarden umgewälzt werden, da hat die Moral Pause.

So sehr die Kritik an den Megaspielen von Sotschi berechtigt ist, so unangenehm stößt der teils arrogante Unterton einiger hiesiger Medien auf, wenn sie über die Neubauten berichten. Hihi, guck mal da, die blöden Russen kriegen noch nicht mal einen Heizkörper richtig eingebaut. In einem Land, in dem man sich mit Bauten wie einem Flughafen oder einem überflüssigen Konzertsaal derart mit Ruhm bekleckert wie bei uns, sollte man diesbezüglich vielleicht ein wenig dezenter auftreten und sich nicht die Oberschenkel zertrümmern vor Schadenfreude, bloß weil jemand im Olympischen Dorf vergessen hat, auf irgendeinem von zigtausend Lokussen eine Trennwand einzuziehen oder ein Radiator versehentlich unter die Decke montiert wurde. Aber was soll man erwarten von einer Sportberichterstattung, die gern mal findet, dass anderen gedopt sind, während unsere, fast allesamt auf der Gehaltsliste der Polizei oder der Bundeswehr stehenden Sportsoldaten sich und ihr Material mit nichts anderem als Müsli, Waldlauf und Bastelei im Hobbykeller auf Höchstleistung trimmen.

Schließlich heißt es, Putin sei ein Autokrat, ein Diktator im demokratischen Gewand, der sich alle paar Jahre pro forma per Stimmzettel im Amt bestätigen lässt. Wirds ihm zu schwul, dann erlässt er ein entsprechendes Gesetz. Wer sonstwie aufmuckt, geht nach einem Schauprozess ab nach Sibirien und das Volk mag ihn mehrheitlich. Warum wird man das ungute Gefühl nicht los, dass da bei einigen unterschwellig wieder der alte Wehrmachtsoffizier durchkommt: So ist er halt, der Russe. Lässt sich gern schurigeln und muss gelegentlich mal die Knute schmecken. Steckt ihm halt in den Genen.

Dass es in Putins Riesenreich mit den Bürgerrechten nicht zu Besten steht, ist zwar völlig richtig, aber mitnichten eine exklusiv russische Spezialität. Längst nicht nur in ehemaligen Ostblock-Ländern sind mittlerweile Postdemokraten am Ruder, denen das mit der Freiheit und der Pluralität ziemlich auf den Senkel geht und die mit mehr oder minder stillschweigender Zustimmung einer vorwiegend passiven Mehrheit daran gehen, Freiheiten wieder zu beschneiden.

Auch in unseren Breiten gibt es genug, die sehr wohl der Ansicht sind, gewisse gesellschaftliche Gruppen, die ihrer Meinung nach am allgemeinen Niedergang schuld sind, könnten ruhig mal etwas härter angefasst werden. Dass Hartz-IV-Empfängern seit Jahren elementare verfassungsmäßige Rechte glatt verweigert werden, regt - machen wir uns nichts vor - nur eine Minderheit auf. Der Rest meint: Sollen halt arbeiten gehen. Auch vom fast ausschließlich positiven Echo auf das Bekenntnis Thomas Hitzlspergers sollte man sich nicht blenden lassen. Es gibt genug, die finden, dass diese Schwulen sich mal lieber etwas bedeckter halten sollten.

Zivilisation ist ein dünner Firnis. Kein angenehmer Gedanke, aber vieles spricht dafür, dass wir uns längst mitten in einem Backlash befinden, in dessen Rahmen mühsam erkämpfte Rechte per Federstrich wieder kassiert werden. Sei es um der gefühlten Sicherheit willen oder im Namen eines rückwärtsgewandten Verständnisses von nationaler Identität. Für Arroganz jedenfalls, dafür, sich gegenüber Russland als Hort des Fortschritts und der Freiheit aufzuspielen, besteht wenig Anlass.



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