Sonntag, 30. März 2014

Alle nur neidisch


Die sind doch nur neidisch! - so pflegen neureiche Deppeneltern ihre verzogenen Bratzen zu trösten, wenn die mal wieder mit verbeulter Visage aus der Schule kommen, weil sie mit Mamas und Papas dickem Geldbeutel angegeben haben. Ohhh, mein armer Prinz! Schau mal, die anderen Kinder sind doch nur neidisch auf dich, weil die nicht so dicke Häuser und Autos haben und nicht so tolle Urlaube machen. Das kommt alles nur daher, weil Mama und Papa so irre viel arbeiten. Wir sind nämlich Leistungsträger, weißt du? Und die Mamas und Papas von den anderen sind eben faul und können sich nicht so schöne Sachen leisten. Das sind die selbst schuld. Und jetzt melden wir dich an dieser teuren Privatschule an, da passiert dir so was bestimmt nicht mehr.

Wem man schon als Kind derart ins Hirn geschissen hat, der läuft Gefahr, solche Verhaltensmuster auch im Erwachsenenalter beizubehalten. Wenn einem also linke Steuererhöher und Planwirtschaftsfanatiker mal wieder so richtig auf den Senkel gehen, man so recht keine Argumente hat und auch Mama und Papa nicht mehr da sind um einen zu trösten, dann holt man sich eben professionelle Hilfe. Als notorischer Richtigmacher und Wertvollmensch sucht man sich aber nicht etwa einen Therapeuten, der auf narzisstische Persönlichkeitsstörungen spezialisiert ist, sondern geht zur Zeitung. Natürlich nicht zu einem popeligen Lokalblatt, sondern zum Beispiel zu einer, die nicht immer zu Recht von sich behauptet, es steckten kluge Köpfe hinter ihr. Die aber vor allem von ganz vielen gelesen wird, die nicht rot werden, wenn sie von sich als Elite schwallern und die sofort "Neiddebatte!" kreischen, wenn sie irgendwo "Steuererhöhung" hören.

Da ist dann ein freundlicher Redakteur, der ganz, ganz viel Verständnis für einen hat und verspricht, diesem Minderleister-Kroppzeug mal so richtig zu zeigen, wo der Hammer hängt. Besonders viel Verständnis hat er übrigens, wenn man noch eine kleine finanzielle Extrazuwendung in Aussicht stellt. Vielleicht setzt er sich selbst an die Tastatur oder er gibt den Auftrag an einen Freien weiter, der so dringend Geld braucht, dass er sich vor nichts ekelt, das ein paar Scheine bringt. Ist das Machwerk fertig und online, werden noch flugs ein paar Jubelperser per Mail oder Fressenkladde benachrichtigt. Die machen dann, ehrenamtlich oder bezahlt, mit Parolen wie: "Mutiger Artikel! Jeder kann es schaffen und wer es nicht schafft, hat sich eben nicht genug Mühe gegeben - so funktioniert die Welt nun einmal, obs den Linken passt oder nicht.", und ähnlichem die Kommentarspalte voll.

Fertig ist ein weiterer marktgläubiger Durchhalteartikel. Ein weiteres Gruselpanorama jener sozialdarwinistischen Niedertracht und jenes neoliberalen Herrenmenschentums, deren Protagonisten für sich in Anspruch nehmen, als einzige zu wissen, was gut für alle ist. Mag sein, dass mein Weltbild eher schlicht ist, aber so ungefähr stelle ich mir die Entstehungsgeschichte eines Elaborates wie dem hier vor.


Noch etwas: Weil grad Sonntag ist


Ich bin genauso wenig ein glühender Fan von Ken Jebsen alias KenFM wie ich einer von Wladimir Putin bin (gut, von Putin etwas weniger). Sein Interview mit Willy Wimmer (CDU) ist jedoch unbedingt sehenswert, auch wenn es knapp achtzig Minuten dauert. Aber es ist später Sonntagnachmittag, das Wetter eher durchwachsen und der 'Tatort' verspricht auch kein Highlight zu werden.

Wimmer war von 1976 bis 2009 Mitglied des Bundestages, von 1985 bis 1988 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Verteidigungspolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und von 1988 bis 1992 Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Von 1994 bis 2000 war er Vizepräsident der parlamentarischen Versammlung der OSZE und ist nach wie vor Stellvertretender Leiter der Delegation des Deutschen Bundestages bei der Parlamentarischen Versammlung der OSZE. Man darf dem Mann also unterstellen, in etwa zu wissen, wovon er so spricht.


(Der Vollständigkeit halber sollte ich noch erwähnen, dass Herr Wimmer nicht unumstritten ist. Inoffiziell wird sogar gemunkelt, er gelte in Unionskreisen als Spinner. Eine entsprechende Suche per Google ergab zwar keine handfesten Belege dafür, aber vorstellen kann ich's mir schon.)



Kommentare :

  1. In Unionskreisen als Spinner tituliert zu werden, kommt wohl eher einer Adelung gleich.
    Herrn Wimmers Stellungnahmen in diesem Interview vermitteln Authentizität und Evidenz.

    AntwortenLöschen
  2. Die "Neiddebatte" und die "Leistungsträger-Ideologie" sind die Totschlag- und Standard-Argumente der Reichen zur Rechtfertigung ihres Vermögens. Wenn ich sage (und das auch ernst meine), dass ich gar icht reich sein will, weil ich dann auch so ein egoistisches, skrupelloses und geldzerfressenes Arschloch werden würde - dann wird mir nicht geglaubt. Nicht nur, weil die oben genannten "Argumente" dann völlig ins Leere laufen würden, sondern einfach weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Jeder will doch reich sein!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Sledgehammer: Das ist wohl so (mit den Unionskreisen und dem Spinner)
      @epikur: Besonders nett auch immer wieder die Unterstellung, es würden alle Steuern hinterziehen, wenn sie ordentlich Kohle hätten (so geschehen im Fall Hoeneß). Der Witz ist ja, dass offenbar nur wenige Leute wirklich reich werden wollen. Die allermeisten, die ich so kenne, wollen eigentlich nur fair für ihre Arbeit bezahlt werden und halbwegs kommod leben davon - back to the Eighties eben...

      Löschen