Samstag, 29. März 2014

Embattled Democracy


"There is, let me assure you, nothing in nature more egocentric than embattled democracy. It soon becomes the victim of its own propaganda. It then tends to attach to its own cause an absolute value which distorts its own vision [...] Its enemy becomes the embodiment of all evil. Its own side is the centre of all virtue." (George F. Kennan)

Was im neoliberal gefärbten, wirtschaftsnahen Lager immer wieder fasziniert, ist die komplette Blauäugigkeit, in die etliche dort verfallen, sobald jemand fette Geschäfte in Aussicht stellt. Nehmen wir als Beispiel die ukrainische Jeanne d'Arc und Wannabe-Präsidentin Julia Timoschenko.  Dass ihre Inhaftierung unter dem Regime des Ex-Präsidenten Janukowitsch zu verurteilen ist, darüber sollte man nicht diskutieren müssen. Nur macht das nicht automatisch zu einer Heiligen. Der Ausgewogenheit halber kann man zum Beispiel auch darauf hinweisen, dass seine mutige Tat, die Spioniererei von NSA und GCHQ aufzudecken, Edward Snowden nicht zu einem Messias macht. Der Mann ist und bleibt ein libertärer Republikaner und Waffennarr mit einem nicht unproblematischen politischen Weltbild. Aber zurück zu Timoschenko.

Dass die kunstblonde Prinzessin Leia mit dem landmädeligen Hefezopf auf der Rübe nicht etwa eine hilflose, geschundene Damsel in Distress, sondern eine skrupellose, raffgierige Oligarchin mit höchst zwielichtiger Vergangenheit ist, die die Macht der Bilder virtuos für sich zu nutzen versteht und dass ihr Kampf für Freedom and Democracy nie dem Wohle des ukrainischen Volkes, sondern zuvörderst dem Mehren der eigenen Macht und des eigenen Reichtums dient - das alles konnte man seit Jahren wissen, wenn man denn wollte. Ob sie wirklich so größenwahnsinnig und brutal ist, wie jenes berüchtigte Telefongespräch zu offenbaren scheint, kann man dahingestellt sein lassen. Vielleicht hatte sie auf der Wiedersehensparty nach der Entlassung aus dem Knast ein paar Wodka zu viel erwischt. Zutrauen tu ich der Tante jedenfalls so einiges an Schlechtigkeiten.

Wie gesagt, man konnte das alles wissen. Wer's aber wusste und das zu äußern wagte, der bekam es in der Regel mit der geballten propagandistischen Macht des Westens zu tun. Nein, ihr Verräter! Das ist doch eine von uns, die kämpft schließlich für die - Tusch! - Freiheit. Immerhin scheint jetzt sogar einigen Konservativen die Erkenntnis zu dämmern, dass es auf dem Feld der internationalen Beziehungen kaum je schwarz und weiß gibt, sondern nur eine unendliche Palette von Grautönen und dass diese Grautöne sich im Zweifel schnell ändern können.

Eine intellektuelle Leistung, die die diesbezüglichen Kapazitäten des durchschnittlichen QualitätsjournalistenTM offenbar bei weitem übersteigt. Apropos Konservative: Zu meinen Schulzeiten gingen mir, Naivling, der ich war, konservative Lehrer und Junge-Union-Fuzzis andauernd mit ihrem Gejammer vom kommunistisch dominierten öffentlichen Dienst auf die Klötze. Ohne entsprechendes Parteibuch, so hieß es, würde man nicht einmal Friedhofsgärtner bei der Stadt. Vor allem aber stöhnten sie in einer Tour über die allesamt dunkelrot unterwanderten Medien, die nichts als Propaganda verbreiteten.

Rückblickend muss man sagen, dass schon damals viel Phantasie dazugehörte, den seinerzeit noch von Augstein senior zusammengefriemelten SPIEGEL für eine Art Fünfte Kolonne Moskaus zu halten. In der Tat haben Naivlinge wie ich früher immer gedacht, die vornehmste Aufgabe des Journalisten sei Aufklärung, seine wichtigsten Eigenschaften seien Unbestechlichkeit plus die Fähigkeit zu recherchieren, zu reflektieren und zu schreiben. Sieht man sich das Schaffen nicht weniger Spitzenexemplare zur aktuellen Krimkrise an, dann beschleicht einen, von Ausnahmen einmal abgesehen (wieder einmal ist hier Frank Schirrmacher zu loben), der Gedanke, dass die Konservativen damals im Kern nicht ganz unrecht hatten in Bezug auf den Journalismus.

Weil die Mehrheit der Deutschen nämlich nicht recht spuren will, sich vielmehr den Luxus einer eigenen Meinung in Zeiten der GlobalisierungTM leistet, gar Verständnis hat für Putins Vorgehen zeigt, wird eben die grobe Kelle rausgeholt. Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Neben Klaus Kleber, der anhand des Siemens-Chefs Kaeser schon einmal gezeigt hat, wie man medial mit Russen-Verstehern umgeht, gebührt vor allem Moritz Schuller die vorläufige Goldmedaille für antirussische Propaganda. Der verquargelte im 'Cicero' allen Ernstes die These, die Deutschen hätten sich in ihrer latenten Sehnsucht nach einem starken Führer von Putin verführen lassen.

Man könnte eine Menge sagen dazu. Man könnte etwa einwenden, dass es in einer Demokratie doch eher ein gutes Zeichen sei, wenn Kontroverse herrsche anstatt Gleichschritt. Man könnte auch... Nein, stopp, ich kann nicht mehr! Das ist einfach zu schwer zu toppen.
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"Es gibt, seien Sie versichert, auf der Welt nichts Egozentrischeres als eine Demokratie, die sich bedroht fühlt. Sie wird bald zum Opfer ihrer eigenen Propaganda. Sie neigt dann dazu, ihre eigenen Interessen für absolute Werte zu halten, was ihre Sicht auf die Dinge trübt. [...] Der Feind wird zum Inbegriff alles Bösen. Man selbst zum Zentrum aller Tugend"



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