Mittwoch, 12. März 2014

Hoeneß ist unschuldig - noch*


Wer weiß, vielleicht werde ich diese Petition ja auch zeichnen, die dazu aufruft, Uli Hoeneß aus seinem Amt als Präsident des FC Bayern zu entfernen. Sinnvoll finde ich sie schon. Nur werde einen Teufel tun, sie jetzt schon zu zeichnen. Wieso? Weil das ein Gebot der Fairness und der Rechtsstaatlichkeit ist. Und weil ich es nicht leiden kann, wenn Leute, die die Moral auf ihrer Seite wähnen, glauben, das Recht nach ihrem Gusto auslegen zu können. Ich mag das auch dann nicht, wenn es Leute praktizieren, die ansonsten fast immer meine volle Sympathie haben. Leider passiert gerade genau so etwas in Form der erwähnten Petition auf den NachDenkSeiten.

Angenommen, dieselben NachDenkSeiten hätten vor ein paar Wochen zum Zeichnen einer Online-Petition aufgerufen namens "Edathy raus aus der SPD, den Anstand retten!" Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was dann los gewesen wäre: "Hetze, Lynchjustiz, Protest!" - "Es gilt die Unschuldsvermutung!" - "Der Mann ist nicht rechtskräftig verurteilt!" Und so weiter. Wenn so etwas geschehen wäre, dann völlig zu Recht und ich wäre ganz vorn dabei gewesen.

Nur: Wenn das so ist, dann muss aber im selben Maße für Uli Hoeneß gelten, was für Sebastian Edathy zu gelten hätte. Es gilt die Unschuldsvermutung, unabhängig von den Umständen, der Art oder der Schwere des Tatverdachts. Sogar wenn jemand verhaftet würde mit einer qualmenden, warmen Pistole in der Hand, in deren Magazin eine Kugel fehlte, die sich wiederum zufällig im Körper der Leiche auf dem Boden befände, alle ballistischen Befunde für die Schuld dieses jemand sprächen und so weiter - kurz: Selbst wenn alles, wirklich alles auf ihn als Täter hindeutete, so wäre dieser jemand erst dann ein Mörder, wenn als solcher verurteilt würde. Bis zu diesem Moment wäre und bliebe er lediglich ein Tatverdächtiger und somit unschuldig. Auch wenn es einem hundertmal nicht passt.

Man kann Hoeneß unsympathisch finden wie nur was, so wie man auch sein ganzes Gebaren schon ohne Urteil anrüchig finden kann. Sicher liegt man auch als juristischer Laie wohl nicht ganz falsch, wenn man seine Verurteilung für reine Formsache hält und nur noch die Höhe der Strafe für fraglich. Formell aber ist er trotz Schuldeingeständnis so lange unschuldig, bis seine Schuld zweifelsfrei erwiesen und er rechtskräftig verurteilt wurde, keine Minute eher. Dann, und erst dann, ist es legitim, dazu aufrufen, ihn als verurteilten Steuerhinterzieher im Sinne des Anstands seines Amtes zu entheben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch ich dürfte keine Chance haben, in diesem Leben im Vorstand eines Uli-Hoeneß-Fanclubs zu landen. Es liegt mir fern, den Mann weißwaschen zu wollen und ich gestehe, eine gewisse Schadenfreude nicht völlig im Zaume halten zu können. Zurückhaltung bis zu einem Urteil aber gebietet jener Anstand, den man von anderen einfordert bzw. den man zu retten antritt. Alles andere ist schlechter Stil und in dieser plakativen Form, pardon, schlicht Doppelmoral. Die wird nicht besser, wenn sie von links kommt. Sorry, liebe NachDenkSeiten, bei allem gebotenen Respekt, aber auch ihr haut mal daneben.

Dass die versammelten Hoeneß-Fans, -Verteidiger und -Unterstützer mit ihren kritiklosen Kampagnen ein weit übelkeiterregenderes Bild abgeben, bleibt natürlich unbenommen. Ihr juristisch irrelevantes Herumreiten darauf, was für ein guter Mensch er immer gewesen sei und ihre unverschämten Unterstellungen, es würden schließlich eh alle Steuern hinterziehen, wenn sie nur in ähnlicher Position wären, sind dadurch keinen Deut minder unappetitlich.

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* UPDATE, 14.3.2014: nicht mehr.

Kommentare :

  1. Herr Hoeness hat zugegeben Steuern hinterzogen zu haben faktisch ist er also schuldig

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    1. Aufgabe des Gerichts ist es auch, die Umstände eines Schuldeingeständnisses oder einer Selbstanzeige zu beurteilen. War es wirklich freiwillig? Wurde er von wem auch immer dazu gezwungen?
      Deshalb gilt auch in diesem Fall die "Unschuldsvermutung"!

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  2. Nein, ist er nicht. Ich kann alles mögliche zugeben, die Schüsse auf Papst Johannes Paul, das Berliner Flughafendebakel oder die Käsefüße meines Arbeitskollegen. Ob das tatsächlich so ist, stellt in diesem Land ein Gericht fest und nicht Blogger und ihre Kommentatoren. Aber mit dieser Tatsache haben auch die etablierten Medien ihre Probleme, never mind.

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  3. Er ist schuldig und unschuldig.

    Eindeutig schuldig, weil er die Steuerhinterziehung ja zugegeben hat. Egal, ob ein Gericht drauf anspringt oder er ungeschoren davonkommt, er ist offensichtlich schuldig.

    Eindeutig unschuldig im juristischen Sinn, weil er eben noch nicht verurteilt ist. Bis ein Gerichtsurteil ergeht, das ihn schuldig spricht, ist er formal unschuldig und in dieser Sache nicht vorbestraft.

    Man muss hier, glaube ich, zwischen der echten Welt und der Welt des Gesetzes unterscheiden. Letztere hinkt der ersteren immer ein wenig hinterher und ist auch deutlich grobkörniger.

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