Samstag, 15. März 2014

In der Vinylgeisterbahn


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Vor vielen Jahren bin ich einmal bei einem dieser Shoppingsender hängen geblieben. Es lief gerade eine Sendung*, in der ein gewisser Günther Winter auf seine ganz eigene Weise diese gruseligen 'Künstlerpuppen' feilbot. Ich erinnere mich noch gut an meine Reaktion, die sich am ehesten beschreiben lässt als äußerst schwer zu definierende Mischung aus Heiterkeit, Unglauben, Befremdetsein und Reihernwollen. Von Zeit zu Zeit, da kommt es auch vor, dass man auch über eine dieser Werbeanzeigen stolpert, in denen die Teile angepriesen werden. Vor allem bei der Lektüre der Begleittexte muss zu größter Vorsicht geraten werden. Kann leicht passieren, dass man hinterher zur Pediküre muss, weil sich einem die Zehennägel nach oben gekräuselt haben. Lässt sich dann in der Regel nur mit schwerem Gerät wieder beheben.

Die Tage las ich in dem hier schon erwähnten, verdienstvollen Blog 'Topfvollgold' einen Eintrag, in dem es um diese spezielle Form der Freizeitgestaltung geht (Puppen, nicht Zehennägel flexen natürlich). Ist auch folgerichtig, findet sich doch die meiste Werbung für diese so lebensechten Kind-Imitate genau in den Blättern, deren Arbeit dort seziert wird. Für alle, die sich immer schon gefragt haben, was für Leute das eigentlich sind, die das kaufen, ist freundlicherweise auch eine kurze, etwas 25 Minuten lange Reportage* eingebettet, die sich mit dieser Szene beschäftigt.

Mei, goldig! (via topfvollgold.de)
Es ist einfach, da zu urteilen. Sehr einfach. Auch meine erste Reaktion bewegte sich zwischen: "Boah ey, Geisterbahn!", und: "Das ist so abgefahren, dass das einfach ein Fake sein muss!" Auch ist es fast schon zu einfach, die eifrige Puppenmutti, die, so das wirklich kein Fake ist, in der Tat manchmal schon reichlich schräg rüberkommt, in eine psychologische Schublade zu stecken ("Unerfüllter Kinderwunsch, klar! Sieht doch ein Blinder mit dem Krückstock."). Noch ein wenig unheimlicher fand ich, nebenbei bemerkt, den Ehemann, so auch der kein Fake ist. Bei ihm bin ich mir nicht sicher, ob er die coolste Sau nördlich der Alpen ist oder die mit Abstand größte Milchsemmel. Auch beim Rest der Reborn-Szene, der da zu sehen ist, fragte ich mich zwischendurch, ob der Pfleger mit der Spritze schon da war oder ob deren Wirkung gerade nachließ. Am wenigsten verpeilt erscheinen noch die, die unumwunden einräumen, dass das ein verdammt gutes Geschäft ist.

Andererseits: Diese Menschen schaden augenscheinlich niemandem und tun auch niemandem weh. Außer vielleicht sich selbst, wenn sie sich für den sauteuren Kram ruinieren sollten. Vermutlich wären Leute wie Anasha, Michael und ihr Vinylnachwuchs sogar ganz angenehme Nachbarn. So lange man nicht zu lange ihr beinahe esoterisches Geschwurbel ertragen oder sich längere Zeit in ihrem Haus aufhalten müsste, versteht sich. Sicher kann man die Vorliebe der beiden, in einer pastellfarbenen Schmusehölle von Eigenheim zu leben, in der es teilweise aussieht wie in Barbies Laufstall, befremdlich finden. Letztlich ist das aber Geschmackssache und damit deren Baustelle. So lange mich niemand dazu zwingen will, mich so einzurichten, soll's mir egal sein. So viel Altersmilde muss sein.

Ist es vielmehr nicht so, dass kaum jemand ein Problem hat, wenn erwachsene Männer im fortgeschrittenen Alter wieder anfangen bzw. nie damit aufgehört haben, mit geradezu kindlicher Leidenschaft Sachen zu treiben, die man sonst eher Kindern und Jugendlichen zuschreibt? Die Welt ist voll von Typen, die Modellflugzeuge bauen, Playmobil, Ü-Ei-Figuren oder Lego sammeln, Carrerabahn fahren und ähnliches tun. (Von verwandten Phänomenen wie Mittelaltermärkten, der Rollenspielszene oder Reenactment ganz zu schweigen. Nur sind das sind meistens keine reinen Männerdinge.) I am not a feminist, but: Die meisten nehmen es achselzuckend bis leicht mitleidig hin, wenn Männer auf solche Weise ihr sprichwörtliches Kind im Manne ausleben, sind aber schnell geneigt, Frauen, die streng genommen nichts anderes machen, einen ausgewachsenen psychischen Knacks zu unterstellen. So viel Fairness muss sein.

Vielleicht sind Frauen ja einfach nur klüger. Wissen sie doch, dass ein dergestalt regredierender Lebenspartner nur mit geringer Wahrscheinlichkeit dem Alkohol anheimfällt oder fremdgeht. Außerdem haben sie im Haus ihre Ruhe und können jenseits des Hobbyraums nach Belieben schalten und walten. Wer hingegen allen Ernstes bereit ist, mehrere hundert Euronen für diese* liebenswerten* Gesellen* auf den Tisch des Hauses zu blättern, mag auch ich mir lieber nicht ausmalen. Da bin ich ganz bei Schönauer und Tschernak.


1 Kommentar :

  1. Wenn sich ein Mann mit "Spielzeug" beschäftigt, dann ist das infantil, Kinderkram und wird gerne als dümmlicher Unsinn hingestellt. Wenn sich Frauen mit Nippes eindecken, haufenweise Schuhe und Kleider kaufen, sich mit sinnbefreiten Liebeschnulzen filmischer oder literarischer Art die Nächte um die Ohren schlagen zeugt das von weiblicher Überlegenheit und Reife. Die Logik soll mir einer erklären. Das klingt nach dem neofeministischen Motto: "Alles Männliche ist des Teufels, alles Weibliche rettet die Menschheit."

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