Montag, 17. März 2014

Langer Marsch in die Irrelevanz


Nachdem es im letzten Beitrag gelungen ist, den Schleier wenigstens einen Spalt breit zu lüften von dem Mysterium, wer zum Teufel eigentlich diese so gespenstischen wie teuren Künstlerpuppen kauft, wenden wir uns heute einer weiteren großen Frage der Gegenwart zu. Zunehmend frage ich mich, wer eigentlich noch die Grünen wählt. Beziehungsweise, warum sie überhaupt noch jemand wählen sollte. Ich gebe zu, das hat ein wenig was von einer enttäuschten Liebe, denn sie waren mir früher einmal wirklich sympathisch. Vielleicht auch, weil sie ein bisschen anti Establishment waren. Man muss es ja sagen: Daran, dass diese Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten bunter, freier und toleranter geworden ist, haben sie einen gewissen Anteil. Mittlerweile aber scheinen sie auf direktem Weg in die Bedeutungslosigkeit, wenn nicht ein Wunder passiert.

Ach ja, die Grünen! Sie waren einmal relevant, sogar so etwas wie Avantgarde. Sie setzten Themen, und es gab Zeiten, in denen gut beraten war, sie zu wählen, wer wollte, dass es gesellschaftlich irgendwie voran geht. Vor 15, 20 Jahren wären mir auf die Frage, warum man grün wählen sollte, auf der Stelle jede Menge guter Gründe eingefallen: Ihre manchmal anstrengende, manchmal unfreiwillig komische, immer aber ehrenwerte Basisdemokratie. Ihren damals noch weitgehend kompromisslosen Pazifismus. Ihr offenes Ohr für die abgefahrensten Standpunkte, die gehört wurden und ihren Platz hatten. Eintreten für Multikulturaliät, Umweltschutz, für Ökosteuer, Recycling, erneuerbare Energien und das, was heute nachhaltiges Wirtschaften genannt wird und einiges mehr. Kurz: Man konnte die Grünen mögen oder nicht, aber sie hatten so was wie Haltungen.

Inzwischen aber sind sie erwachsen geworden, heißt es. Konkret bedeutet das: Sie haben alle alten Ideale erfolgreich verraten, sich bequem eingerichtet und der nachfolgenden Generation die Strickleitern eingezogen. Die SPD hat dafür, legt man einmal die Zeitspanne zwischen dem Amtsantritt Helmut Schmidts 1974 und Schröders Agenda 2010 zugrunde, noch knapp dreißig Jahre gebraucht. Die Grünen haben es in der halben Zeit geschafft. Glückwunsch!

Wer sich nun fragt, warum die Grünen so dröhnend schweigen zu den Kriegsdrohungen des Westens, muss sich klarmachen, wer die noch wählt. Weiß ich zwar nicht genau, aber ich hätte da eine Idee: Abgesehen von ein paar Aktivisten der ersten Stunde vor allem das Bionade-Biedermeier. Zwar ist die Zusammensetzung der Parteimitglieder nicht unbedingt deckungsgleich mit derjenigen der Wähler, kann aber wichtige Anhaltspunkte liefern. Zwei Drittel haben einen Hochschulabschluss, mehr als die Hälfte sind Beamte, Angestellte und Freiberufler. Viel öffentlicher Dienst, mittleres bis fortgeschrittenes Alter. Menschen also, die weitgehend in geordneten Verhältnissen leben und das mit einem guten Gefühl tun wollen.

Das Dumme ist: Ich gehöre nicht dazu. Gut, ich habe studiert und bin nicht mehr der Jüngste, ansonsten habe ich aber weder Kinder noch Eigenheim und auch keine schicke, renovierte Citywohnung. Weil das Haus, in dem ich wohne, zum Glück noch nicht energetisch oder luxussaniert ist, kann ich mir die Miete in Stadtnähe überhaupt ohne Nebenjob leisten. Einkaufen im Bioladen oder direkt beim Bauern kriege ich nur gelegentlich auf die Reihe. Vegetarisch esse ich gern, lasse mich aber nicht dazu zwingen. Vegan essen passiert mir eher zufällig. Mein Auto ist eine alte Spritschleuder, weil aber Carsharing in meinem Sprengel, höflich ausgedrückt, immer noch in den Kinderschuhen steckt, brauche ich die Karre eben manchmal. Eine neue, am besten noch hybrid, sitzt so wenig drin wie der Aufbau einer Altersvorsorge, die diesen Namen verdient oder gar der Kauf einer Immobilie.

Dass die Einkommensverhältnisse übrigens so sind wie sie sind, daran haben die Grünen damals, gemeinsam mit der SPD, fleißig mitgewirkt. Dadurch, dass sie sich jahrzehntelang als quasi natürlicher Partner der Sozis ausgegeben haben, ist der falsche Eindruck entstanden, auch sie wären so was wie eine Partei der kleinen Leute. Sind sie aber nicht. Waren sie nie. Sie waren immer die Partei der gut versorgten Bildungsbürgerkinder. Spätestens nachdem Joschka den Laden endgültig übernommen hatte, zählt nur noch: Macht. Ups! Würden sie natürlich nie so sagen. Sie nennen das: Regierungsbeteiligung. Sie sind ja nett.

Der Pazifismus des Bionadebiedermeiers erschöpft sich weitgehend darin, die diversen Kriegseinsätze, ups! die humanitären Friedenseinsätze, die die Grünen mitverantworten, schon irgendwie scheiße zu finden, ein Stück weit. Auf die Barrikaden gehen diese Leute nur noch, wenn es in dem Stadtteil, in dem sie wohnen, nicht aussieht wie in Bullerbü, das schicke Kuschelcafé keine Sojamilch hat, das Restaurant um die Ecke kein veganes Essen, an der Bushaltestelle jemand raucht und die Kita, in die sie ihre Anna-Lenas, Mias, Torbens und Maximilians karren, wegen ein paar Habenichtsen mittags etwas anderes als Biorohkost aufzutischen wagt. Klischees? Von mir aus.

So bräsig rückgratlos und nur noch an der Optimierung des unmittelbaren Lebensumfeldes interessiert dieses Völkchen ist, so auch die Partei. Hätte man mir vor zwanzig Jahren gesagt, die Grünen würden einmal gehässige Kampagnen fahren gegen welche, die sich für Frieden einsetzen und nicht einmal eine Diskussion führen über Alternativen, ich hätte den psychiatrischen Notdienst gerufen. Weil sie sich, wie gesagt, auch alle anderen Themen, die sie einmal groß gemacht haben, ohne Gegenwehr von Merkels CDU haben abluchsen lassen, sind sie beleidigt, dass keiner mehr sie lieb haben mag und keilen um sich. Auf die Idee, dass das mit ihrer Außenwirkung und ihrer kompletten Politikverweigerung zu tun haben könnte, scheint niemand zu kommen.

Mag ja sein, dass parteiintern fleißig diskutiert wird. Allein, keiner merkt's. Für Außenstehende geben die Grünen daher das Bild einer Partei ab, die einfach keinen Bock mehr hat auf Haltungen, Anecken oder politisches Klein-klein und die sich daher nur noch mit sich selbst beschäftigt. Deren größte Sorge es offenbar ist, dass in Kantinen auch vegetarisches Essen angeboten wird und es ja niemand mehr wagt, sich noch irgendwo eine anzustecken - außer, die Fluppe enthält Gras, da ist man tolerant. Allein dem rüstigen Fossil Hans-Christian Ströbele haben sie es zu verdanken, dass in der Causa Snowden überhaupt jemand Notiz von ihnen genommen hat.

Schon immer auf den Docht gegangen ist mir dieser autoritäre, verbiesterte Zug, den nicht wenige der Ökospießer am Leibe hatten. Aus ihrem Bewusstsein, in einem moralisch höheren Orbit zu kreisen, leiteten sie für sich das Recht ab, andere erziehen und ihnen andauernd alles mögliche verbieten zu dürfen. Solchen Leuten kommt natürlich nicht in den Sinn, dass es die vermutlich dümmste Idee der demokratisch regierten Welt ist, für jemanden, mit dem sie einmal koaliert haben und der Dinge sagt, die ihnen zwar nicht passen, aber legitim sind, allen Ernstes ein Redeverbot zu fordern. Gut, nicht alle haben mitgemacht. Aber Frau Harms, die das aufs Tapet gebracht hat, konnte das offenbar ohne großen Widerspruch tun.

Also, warum sollte man noch grün wählen? Um der Simone, dem Cem, der Claudia, der Renate, dem Toni, der Karin, der Rebecca und wie sie alle heißen mögen, weiterhin Jobs und Einkommen zu sichern? Wäre mir als Begründung doch ein wenig dünne. Und dafür ist mir meine zunehmend wertlosere Wählerstimme immer noch zu schade.


Kommentare :

  1. Besser kann man es nicht schreiben. Respekt!!!!!!!!!!

    AntwortenLöschen
  2. Genau richtig.
    Warum wird noch grün gewählt?Weil es auch dort Wähler gibt,die ihr Gehirn nicht mehr nutzen.Mich hat Grün verloren,als sie ernsthaft in der Wahlphase diesen Veggisch....ß einführen wollten.Ich esse Bio,ich esse auch gerne fleischlos,aber ich bin kein Fanatiker,der andere zum "Heil" zwingen will!!
    Ok es kamen noch andere Gründe dazu.Z.B.Fr. Roth´s Betroffenheitssermon,dass auch Grüne sich gerne zu Lobbiisten machen,sich auch gerne rechtswidrig(zumindestens moralisch)verhalten.So sind leider auch die Grünen da angekommen,wo alle Parteien ankommen.
    Orson Wells "Farm der Tiere" läßt grüßen.

    AntwortenLöschen
  3. Auf Bundes- und weitgehend auch Landesebene gebe ich Dir völlig recht. Auf Kommunalebene kann es anders aussehen, da hängt es eher an Einzelpersonen, und auch bei den Grünen gibt es fähige Leute.

    Aber die überhandnehmende Neigung zur Bevormundung der Bevölkerung, der unbedingte Wille, bis in Details der persönlichen Lebensführung hineinzuregieren, macht die Partei mittlerweile praktisch unwählbar.

    Ein weiterer Grund, die Leute nicht (mehr) zu wählen, ist die zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit. Da werden in Niedersachsen Projekte abgesägt, in denen Schülern die Möglichkeit gegeben wird, Biologie und Gentechnik im Labor auszuprobieren. In Nordrhein-Westfalen macht die grüne Gesundheitsministerin de facto Lobyarbeit für die Homöopathie, in Baden-Württemberg gibt es Überlegungen, Biologie, Chemie und Physik zu einem Kofferfach zusammenzufassen, was die Unterrichtsqualität sicher nicht verbessern wird.

    Die Grünen scheinen zunehmend die wichtigen Themen zu verfehlen und immer öfter den Schuss nicht zu hören. Schade drum.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Stimmt schon, auf kommunaler Ebene wird ja auch mit den Linken zusammen gearbeitet, wenn auch oft mangels Alternativen Da läuft vieles auf persönlicher Ebene ab und die Bundeszentrale ist im Zweifel weit weg. Nur wird da eben das große Rad gedreht und die werden die Themen gesetzt und das sind die Grünen inzwischen ein Totalausfall...
      @Rittick: *Klugscheißermodus an* "Farm der Tiere" ist von George Orwell *Klugscheißermodus aus* ;-)

      Löschen
    2. Stimmt,Asche auf mein Haupt.Kommt davon,wenn man noch eben einen guten Schluß braucht und nicht Korrektur liest^^
      Zur kommunalen Ebene kann ich nur sagen....leider sind es bei uns die gleichen Deppen,wie auf Landes bzw Bundesebene.Aber es stimmt schon,es gibt in allen Parteien einige kluge Köpfe.Nur werden die gerne abgesägt,wenn sie ihr "Köpfchen" zu weit rausstrecken.

      Löschen