Dienstag, 4. März 2014

Wir Gelähmten


Ben Carson hat es geschafft. Er ist ein international renommierter Neurochirurg und dazu noch Millionär. Und alles nur, weil seine Mutter sich damals geweigert hat, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. Erst das Aufwachsen in bitterster Armut habe Carson mit jenem Willen ausgestattet, reich und berühmt zu werden. Moral von der Geschicht': Nur Armut macht am Ende reich, Sozialleistungen lassen die Armen arm bleiben. So jedenfalls wenn man Torsten Krauel glaubt, der uns mithilfe dieses gewiss repräsentativen Beispiels vor Augen führen will, wie sehr Deutschland mit seinen Verständnis von Sozialleistungen am Arsch ist.

Mann muss großzügig sein. So vergisst Krauel leider zu erwähnen, wie man auch in den USA allein durch die Arbeit als Neurochirurg zum Millionär wird (ist es nicht eher die Aufgabe eines Neurochirurgen, Kranke zu behandeln, anstatt Millionen zu scheffeln?). Ferner geht ein wenig unter, dass es so was wie die von ihm inkriminierte 'Sozialhilfe' nur noch für vergleichsweise wenige komplett Erwerbsunfähige gibt. Aber auch wenn man über diese kleinen Schwächen hinwegsieht, dann ist das dem zugrunde liegende Weltbild immer noch von einer derart gut durchgebratenen Schlichtheit, dass es noch nicht einmal mehr für einen morgendlichen Brechreiz reicht.

Wenn Krauels Analyse stimmt, dann müssten doch, wie schon bei endless.good.news richtig angemerkt, Länder wie Bangladesh, Haiti und viele afrikanische Länder zu den reichsten der Welt gehören. Deutsche Hartz-IV-Empfänger freilich zählen nicht, denn die sind nach den Vorstellungen der Krauels dieser Welt schließlich nicht arm, sondern komplett überversorgt und deswegen ganzkörpergelähmt. Denn:

"Not war die Bedingung für die Entstehung des deutschen Mittelstands, und dieser die Voraussetzung für Deutschlands Aufstieg zur Exportmacht. Der Aufstieg gelang nur, weil es damals noch keine Politik gab, die angefangen hätte, Vermögen umzuverteilen. Das wäre auch fruchtlos gewesen, denn es waren anfangs keine Vermögen da. Sie mussten erst durch beharrliche Leistung geschaffen werden." - klar, so wie damals im Elternhaus von Ben Carson eben.

Also: Setzen wir einmal "damals" mit 'nach 1945' gleich. Ist eine pure Vermutung, denn Krauel selbst sagt ja nicht, welches 'damals' genau er meint. Es gab also damals kein Vermögen in Deutschland? Echt, absolut keins? Gut, große Geldvermögen, die ihre Inhaber nicht rechtzeitig in Sachwerte umgewandelt oder in Devisen getauscht hatten, wurden durch die Währungsreform entwertet, aber sonst? Kein Grundbesitz, keine Fabriken, die stehen geblieben sind, keine Firmenvermögen und ausländischen Beteiligungen, nichts? Ah, das alte Märchen von der Stunde null, in der wir alle gleich waren und uns nur allein harte Arbeit ins Wirtschaftswunder gerackert haben. Das war damals schon falsch und ist es heute immer noch.

Nebenbei bemerkt: Es ist noch gar nicht lange her, dass man auch bei uns an einer Form der aktivierenden Sozialhilfe versucht hat. Man wollte verborgene kreative Potenziale freisetzen, indem man Arbeitslosen erleichterte, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Das Ganze nannte sich 'Ich-AG' und ist 2006 quasi wieder abgeschafft worden. Wegen des durchschlagenden Erfolges. Vermutlich waren die betreffenden Neu-Unternehmer aber einfach immer noch zu bequem und hatten nicht genug Dreck gefressen.

Überhaupt, könnte es sein, dass die im Deutschland der Nachkriegszeit entstandenen Vermögen nicht allein auf Leistung und Kreativität beruhten, sondern vor allem auf günstigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen? Und dass es vor allem auch bis in die 1970er genügend Jobs gab für all die Massen, die eben keine kreativen Unternehmerpersönlichkeiten waren und auch nicht daran dachten, reich werden zu wollen, sondern lediglich von ihrem Arbeitslohn auskömmlich leben und vielleicht etwas ansparen wollten? Fragen über Fragen.

Man könnte noch eine Menge mehr sagen über dieses mehr als schlecht getarnte Propagandapamphlet zur weiteren Verrohung des heillos um sich schlagenden Ego-Kleinbürgertums. Dann müsste man aber auch auf die Kommentare unter dem Artikel eingehen, und dann wird’s ganz düster.

Vielleicht sollte man Krauels Vorschlag tatsächlich einmal ausprobieren, und zwar an ihm selbst. Enteignen wir ihn, komplett. Denn nur aus Armut entsteht bekanntlich Vermögen. Das müsste ihn doch freuen. Und wenn er dann kurze Zeit später absolut nicht mehr weiß, wie er über die Runden kommen soll, dann wächst vielleicht auch in ihm vielleicht die nötige Kreativität, nicht mehr so einen hanebüchenen Stuss zu verzapfen.

Überhaupt, was schweift er auch so in die Ferne? Schließlich gibt es doch auch bei uns Beispiele für Menschen, die aus kleinsten Verhältnissen kommend, glänzende Karrieren hingelegt haben. Meistens haben sie einen Migrationshintergrund und wurden erfolgreich, indem sie teils höchst aggressive Texte in Mikrofone rappten. Warum singt er nicht deren Loblied?



1 Kommentar :

  1. Es gibt Leute , die im falschen Flugzeug sitzen , abstürzen und trotzdem überleben.
    Daraus folgt , daß man alle Sicherheitsmaßnahmen abschaffen muß , um die Zahl der Überlebenden aller Flüge zu erhöhen.

    .

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