Mittwoch, 2. April 2014

Der schiefe Elfenbeinturm von PISA


Wehe, wehe, die totale Bildungskatastrophe steht wieder einmal vor der Tür! Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Die neueste Runde des PISA-Tests hat nämlich unter anderem ergeben, dass ein Fünftel von Deutschlands Jugendlichen es nicht auf die Kette kriegt, Herausforderungen zu meistern wie die, ein Bahnticket zu kaufen oder eine Klimaanlage zu bedienen, deren Regler nicht beschriftet sind. Typisch, die Jugend von heute mal wieder! Zu blöd zum Milchholen, fällt hin und verbiegt das Kleingeld. Wahrlich, es steht schlimm um die Nation, und das, wo der Koreaner bekanntlich nicht schläft, niemals! Was finden die bloß als nächstes raus und wie sehen wohl die nächsten Schlagzeilen aus?

Jeder zehnte deutsche Schüler zu doof zum Kacken?
Jeder sechste deutsche Schüler zu dumm, einen Eimer Wasser umzukippen?
Jeder vierte deutsche Schüler lässt kochendes Wasser anbrennen?
Jeder dritte deutsche Schüler hat einen überteuerten Handyvertrag?
Jeder zweite deutsche Schüler nicht der Lage, den Kategorischen Imperativ zu erklären?

Man könnte vieles sagen über die größtenteils unbegründete Empörung, die darüber mal wieder ausbricht - man erteile 100 Erwachsenem den Auftrag, unter Zeitdruck an einem beliebigen deutschen Hauptbahnhof das günstigste Ticket für eine Verbindung zu kaufen und schaue sich an, wie viel Prozent dieser Erwachsenen daran scheitern. Überhaupt könnte man das Problematische dieser ganzen PISA-Testerei diskutieren. Man kann es aber auch kurz machen:

"[Weil] jede ältere Generation neu darin ist, alt zu sein, denkt jede von ihnen, als sei es das erste Mal: Mit der Jugend geht's echt abwärts." So drückte es Matthias Lohre mal aus. Man könnte auch sagen, es gehöre zu den Lieblingsbeschäftigungen des Spießers, über die verlotterte Jugend zu schimpfen und sich dabei selbstzufrieden über den Lachs zu streichen. Normalerweise wird das aber vornehmer verpackt.

Nach wie vor werden Debatten über Schule fast immer von mehreren falschen Grundannahmen beherrscht. Erstens: Die eigene Schulzeit wird idealisiert und die eigenen Erfahrungen werden verabsolutiert. Dabei wird, zweitens, zumeist konsequent ignoriert, wie sehr die Welt sich seit dem eigenen Schulbesuch weiter gedreht hat. Drittens: Weil jeder eine Schule besucht hat, hält sich fast jeder für einen Experten und glaubt, Substanzielles zu sagen zu haben. Viertens: Schule wird einseitig als bloße Vorbereitungsanstalt für das Berufsleben begriffen und nicht unmittelbar verwertbares Wissen als irrelevant abgetan. Und fünftens haben viele einen höchst eindimensionalen Input-Output-Begriff vom Lernen.

Weil das deutsche Schulsystem zwar theoretisch sehr durchlässig ist, in der Praxis aber keineswegs, entscheidet hierzulande immer noch weit mehr die soziale Herkunft darüber, welcher Abschluss am Ende herauskommt als anderswo. Wenn es nach einer einflussreichen und gut vernetzten Minderheit der Bevölkerung geht, soll das auch um Himmels Willen so bleiben.

Große Teile des Bildungsbürgertums und der Mittelschicht haben absolut kein Interesse an einem allzu egalitären Schulsystem, verteidigen ihre heilige Kuh, das Gymnasium, mit allen Mitteln und meinen, wo kämen wir denn da hin, wenn plötzlich jeder dahergelaufene Honk Abitur machen und gar noch studieren darf? Es muss doch schließlich auch noch Indianer geben, nicht nur Häuptlinge. Warum sollten Leute, die so denken, ein Problem haben mit mittelmäßigen PISA-Ergebnissen, so lange Elitenförderung und Exzellenzinitiativen für den eigenen Nachwuchs weiter laufen?

Ferner kann man es, anstatt sofort in rankinghöriges Skandalisieren auszubrechen, auch so sehen: Seit 2000 ist PISA, neben der Bologna-Reform des Studiums und der flächendeckenden Ausweitung der Berufswahlvorbereitung in die Mittelstufe, ein probates Mittel, permanenten Reformdruck auf das Bildungssystem auszüüben. Unter dem vermeintlichen Druck, unbedingt im internationalen Vergleich besser abschneiden zu müssen, werden Schülern und Studenten Freiräume und Umwege, die ihnen früher selbstverständlich zugestanden wurden, wieder genommen, um sie - das Leben ist kein Ponyhof! - möglichst früh im Leben zu ökonomisch verwertbarer Masse zu kneten.

Apropos Ponyhof: Wie gut das inzwischen gefruchtet hat, zeigen Artikel wie der der Studentin Marisa Kurz. Die hat zunächst einen Bachelor in Chemie, dann einen Master in Biochemie gemacht und setzt nun ein Bachelorstudium in Philosophie drauf. Und was macht sie? Sie fühlt sich unterfordert. Zu wenig Leistungsanforderungen, zu wenig und zu leichte Klausuren und Prüfungen. Leistungsgesellschaft, harrr!

Man möchte die Tussi packen, schütteln und sie fragen: Mensch Mädchen, siehst du eigentlich nicht, was du für ein Privileg hast? Das Philosophiestudium gibt dir den Raum, tage- und nächtelang zu lesen, zu diskutieren, zu streiten und nachzudenken, weil die davon ausgehen, dass du erwachsen bist und Bock hast auf Philosophie. Statt dessen jammerst du stromlinienförmig über Unterforderung, begehrst mehr Stress und willst an die Kandare genommen werden. Hast du irgendwas kapiert von dem, was deine Profs dir beibringen wollen? Zum Beispiel, erst einmal alles infrage zu stellen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln? Oder musst du da erst noch eine Klausur drüber schreiben? Wie autoritätshörig bist du eigentlich?

Und schließlich: Wieso muss es unbedingt ein Problem sein, wenn 20 Prozent der deutschen Jugendlichen an vermeintlich einfachen Alltagsaufgaben scheitern? Vor Jahren schon meinte Georg Schramm, einer Gesellschaft, zu deren wichtigsten Säulen möglichst massenhafter Konsum gehört, könne es doch nur recht sein, wenn ein gewisser Prozentsatz nicht allzuviel auf der Pfanne habe. Wenn alle plötzlich anfingen, Sinnfragen zu stellen oder sich gar ihrer Rechte und ihrer Möglichkeiten bewusst zu werden, dann wäre das doch eine Katastrophe. Mündigen Leuten lassen sich seltener Schrott andrehen oder alle zwei Jahre das neueste Handy. Also bildet PISA auch in diesem Sinne doch nur den Idealzustand einer modernen Konsumgesellschaft ab und es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.

Übrigens: Verbraucherschützer haben herausgefunden, dass viele (erwachsene) Deutsche sich zu teure und zudem überflüssige Versicherungen aufschwatzen lassen. Aber das ist natürlich was ganz anderes. Überhaupt kann man sich auch mal entspannen.


1 Kommentar :

  1. Es ist schon krass zu sehen und zu hören, wie kirre die Menschen mit dieser ganzen Bildungsparanoia gemacht werden. Auch dieser ganze Leistungswahn (was auch immer hier als Leistung angesehen wird) geht mir auch tierisch auf die Eier. Vor allem stört es mich, dass es ein angebliches Gefälle zwischen den einzelnen Wissensgebieten geben soll. Jedenfalls wird es einem überall um die Ohren gehauen. Die Naturwissenschaften sind toll, das studieren nur die wirklich schlauen und leistungsfähigen; die Geisteswissenschaften sind doof, das studieren die faulen und die späteren Taxifahrer (was ja doch wohl auch ne Leistung ist, Taxi zu fahren, oder nicht?). Das ist in meinen Augen so ein riesengroßer Bullshit. Als ob man Wissen gegeneinander aufwiegen könnte und sagen könnte, was wichtiger ist. Wissen ist Wissen. Alles Wissen ist wichtig. Ich habe schon mehrere Ingenieure kennengelernt, die man auch Fachidioten nennen könnte und die über ihr spezielles Fachwissen auch nicht viel anderes auf dem Kasten hatten. Das kann man doch nicht gut finden. Genauso nicht, wie Fachidioten aus anderen Bereichen. Jeder kann von jedem lernen, das ist doch viel besser, als sich gegeneinander madig zu machen. Warum sollte man was studieren, wozu man keinen wirklichen Bezug hat. Wenn ich mich für Technik interessiere, studiere ich was mit Technik. Wenn nicht, dann halt was anderes. Wo ist das Problem? Oder ich mache ne Ausbildung in einem anderen Bereich. Ich lebe ja nicht für die Wirtschaft oder für das "Kollektiv". Ich lebe für mich. Und deswegen entscheide ich selber über mein Leben oder meinen Beruf. Es ist schon schlimm zu sehen, wie weit das alles gekommen ist.

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