Dienstag, 8. April 2014

Lob der kleinen Form


edition-tiamat.de
Man kann sich vielleicht denken, dass mir Menschen, die gern und viel lesen, grundsätzlich sympathisch sind. Leider gibt es aber auch unter solchen Leuten welche, die das Leistungsprinzip so über alles zu stellen scheinen, dass sie es auch auf so schöne Dinge des Lebens wie das Lesen anwenden. Sie können einfach nicht anders. Ein Buch unter 500 Seiten würden sie gar nicht erst anpacken, denn nur dicke Schmöker, papierene Briketts sind für sie das Wahre, alles andere bloß Heftchen. Fliegen sie in Urlaub, dann müssen sie jedesmal teure Aufschläge fürs Zusatzgepäck berappen, denn unter 1.500 Seiten Lektüre pro Woche machen sie's nicht. Ein e-book-Reader käme ihnen nie ins Haus, weil sie das Haptische eines Buches brauchen, wie sie betonen.

Das muss weiß Gott nichts Schlechtes sein. Es gibt schlimmere Spleens und Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Wenn's denn der Entspannung dient, bitte sehr. Ich mag auch nicht neidisch sein auf Leute, die schneller lesen als ich und sich vielleicht auch besser fokussieren können (obwohl mein Lesetempo schon recht hoch ist, denke ich). Wenn nur einige dieser belletristischen Hochleistungssportler nicht die fiese Angewohnheit hätten, mit ihrem Lesepensum anzugeben wie ein Sack Seife. "Ah, am Wochenende hab ich mir noch mal die ganze 'Eragon'-Saga gegeben, Samstag waren wir mit den Kindern im Phantasialand und am Sonntag bei meinen Eltern eingeladen. Ich hab jetzt mal wieder die Narnia-Chroniken rausgekramt. Geil, sag ich dir! Und du so?" - "Hm, weiß nicht, Fantasy ist jetzt nicht so meins." - "Also, ich könnte ja gar nicht ohne." - Ja, danke, du mich auch.

In Vergessenheit gerät bei solcher Seitenschinderei leicht, dass auch die kurze Form immer noch ihre Daseinsberechtigung hat. Viele Autoren waren Meister der Glosse, der Novelle, der Kurzgeschichte oder sie bekamen es hin, in einem Roman auf hundertzwanzig Seiten Substanzielleres zu sagen als andere auf fünfhundert. Passt eigentlich viel besser in diese Zeiten als eskapistische Riesenschinken.

Es ist kein Geheimnis, dass der hier häufiger zitierte Wiglaf Droste zu meinen Lieblingsautoren gehört. Zudem ist er, unverkennbar mit Tucholsky sozialisiert, einer dieser altmodischen Meister der kleinen Form. Fast alle seine Bücher sind Sammlungen anregender, kluger, scharfsinniger Kolumnen und Glossen. Viele davon sind im Feuilleton der 'jungen Welt' erschienen, einige in der zur Zeit eingestellten Sendung 'Doktor Drostes Sprachsprechstunde' auf MDR Figaro. Bei seinem neuen Buch 'Schalldämpfer' handelt es sich nicht um eine Sammlung kurzer Texte, sondern um eine zusammen hängende Geschichte.

Der Ich-Erzähler hat mit ein paar Gleichgesinnten das Kommando Leise Welt, gegründet "[...] eine Organisation zur Rettung des menschlichen Trommelfells und der innen angrenzenden Organe. Lärmbolde, Schreihälse und Rollkofferbrüllwürfelhintersichherzieher" sollen "einen eindeutigen Wink mit der Wumme" bekommen. Mit Schalldämpfer natürlich. Obwohl die Aggressionen, die einige der potenziellen Opfer bei einigen der Vereinigung hervorrufen, diese am liebsten zur Abgesägten greifen ließen.

So macht die Truppe, zu der Typen wie Klaus, der Fluchtautofahrer, der schweigsame Nikolaus, der gemütliche Schwabe Vince sowie die Kettenraucher Jan und Ralle gehören, macht sich in einem E-Van (macht keinen Lärm) sich auf den Weg, den Krawallmachern Mores zu lehren. (Ähnlichkeiten mit dem Maler und Illustrator Nikolaus Heidelbach, dem Koch und Musiker Vincent Klink, dem Verleger Klaus Bittermann, dem Autor und taz-Irland-Korrespondenten Ralf Sotscheck sowie dem Zeichner Jan-Michael Richter alias Jamiri sind übrigens rein zufällig).

Das mit dem Untertitel 'Eine Revue' versehene Bändchen will kein Roman sein, ist dafür aber ein vergnüglicher, seitenhiebreicher Streifzug durch die Merkelsche Republik des Jahres 2013. Viele unangenehme Zeitgenossen kriegen sprachmächtig ihr Fett weg, zwischendurch wird immer wieder gut gegessen, gute, den Trommelfellen schmeichelnde Musik gehört und geistvoll darüber geplaudert. Vor allem aber: Es ist kurz. Und es enthält in aller Kürze mehr Geistreiches als viele, viele dickere Wälzer zusammen. Mit der reinen Quantität dieses Lesevergnügens lässt sich also nicht unbedingt angeben.

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Wiglaf Droste: Schalldämpfer. Eine Revue. Berlin: Edition Tiamat 2014. 128 S., 14,99 €



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