Sonntag, 27. April 2014

Sender sucht Quote


Autoerotiker dürfen sich freuen. Demnächst wird bei RTL ein neues Sendeformat namens 'Adam sucht Eva - gestrandet im Paradies' starten. Worum geht’s? Nun, jeweils ein Singlemann und eine Singlefrau werden auf einer einsamen Insel ausgesetzt (einsam, wenn man das ebenfalls anwesende Kamerateam mal außen vor lässt), aufeinander losgelassen und dann schaut man mal, was so geht. Der Clou der ganzen Sache ist, die Betreffenden sind komplett nackt. Man kann es durchaus bezeichnend finden, dass man das exakt bei dem Sender, der uns vor 25 Jahren 'Tutti Frutti' bescherte und mutig die deutsche Erstausstrahlung filmischer Meilensteine riskierte wie 'Lass' jucken, Kumpel!', 'Schulmädchen-Report' und 'Auf der Alm, da wird genudelt', im Jahr 2014 offenbar für ebenso krea- wie innovativ hält.

Gefilmt werden soll das übrigens so, dass durch "zurückhaltende Kameraführung" "sensibel mit der Nacktheit" umgegangen wird (was immer das im einzelnen heißt). Och menno, ich hatte mich schon so gefreut! Und wie um jeglichen Fragen, was die Ferkelei eigentlich solle, zuvor zu kommen, erklärt man senderseits, es handele sich keineswegs um platten Voyeurismus, iwo!, sondern, Achtung!, selbstverständlich um ein "Soziales Experiment". Wie herzig! Und wie edel. Im Zweifel hat die Privatfernsehbande noch jede kalkulierte Geschmacklosigkeit und jede Zumutung zum "sozialen Experiment" aufgeblasen. Vielen Dank auch für den unermüdlichen Einsatz im Dienste der Wissenschaft. Soziologen freuen sich sicher jetzt schon.

Liebe Privatfernsehfuzzis, ich glaube, wir sollten mal reden. Für Experimente, vulgo: Studien, gelten normalerweise gewisse empirische Standards. Unter anderem heißt das, für ein Panel an Testpersonen zu sorgen, das groß genug ist, um überhaupt statistisch haltbare Daten zu liefern. Ferner legt man den Versuchsaufbau fest, dokumentiert die Durchführung des Experiments und evaluiert hinterher die Ergebnisse nach Methoden, die man zuvor definiert hat, alles andere ist Pfusch. Ein paar gecastete Leute sich nackig machen lassen, Kamera draufhalten und gaffen, wie sie, hihi, mit der Situation wohl umgehen, ist demnach vielleicht so einiges, aber definitiv kein Experiment und auch keine Studie.

"Das Paarungsverhalten der zivilisierten Welt basiert auf einer sehr schlichten, aber nicht unsinnigen Regel: Man geht langsam vom angezogenen in den unausgezogenen Zustand über, und sobald der Zustand bei Paaren erreicht ist, an dem sie sich immerzu nackt sehen (am Küchentisch, auf der Terrasse, bei der Morgenhygiene im Bad), sind die Begehrlichkeiten längst versiegt." (Adam Soboczynski)

Warum nicht einfach mal ehrlich sein und das Kind beim Namen nennen? Es geht darum, Quote zu machen, indem man sich der Neugierde von Menschen bedient, wie die zum Beispiel die nette Bäckereiverkäuferin von nebenan wohl ohne ihre schmucke Montur aussieht und vorgibt, Tabus zu brechen, an denen es in Zeiten des Internet längst nichts mehr zu brechen gibt.

Aber was soll's mal wieder? Man kann der Sache auch Positives abgewinnen. So kann man sich damit trösten, dass die Schnurre aller Wahrscheinlichkeit keine lange Halbwertszeit haben wird. Wer schon einmal eine öffentliche Sauna besucht hat, weiß, dass Nacktheit allein nicht zwingend etwas mit Erotik zu tun haben muss. Oder dass diesmal wenigstens nicht Angehörige anderer Ethnien in ekelhaft neokolonialer Manier vorgeführt werden, sondern wohl ausschließlich Europäer sich zum Horst machen werden. Eine der letzten, verzweifelten Zuckungen des klassischen privaten Krawallfernsehens. Es gibt eben immer eine gute Nachricht.


Kommentare :

  1. Interessant , die Parallelen zu früheren Vorkriegszeiten. Warum nicht konsequent , und gleich Leute im Zoo ausstellen?
    Wobei so mancher Mitmensch halt auch wirklich alles tut , um bestenfalls als frühe Vorform des homo sapiens eingestuft werden zu können.

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  2. Sich über das hirnlose Zeugs zu echauffieren ist billig und wer das Elend der deutschen Medienlandschaft auch nur zur Kenntnis nimmt auch.

    Er hat in meinen Augen nichts anderes als die darauf folgende Verblödung verdient.

    RTL kenne ich nur als Radio Luxemburg auf Mittelwelle und dabei wird es auch bleiben. Wer das elitär findet tut mir nur Leid

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  3. @anonym 20.53 Uhr - Ich stelle sie mir gerade nackig vor. Das ist nicht nur billig, sondern auch kostenlos. RTL Radio Luxemburg als Hort leidender Anti-Modernisten ? Von mir aus, viel Spaß.

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  4. RTL Radio Luxemburg ... kenn ich gar nicht? Gibt es das schon länger?

    Ansonsten, wundern tue ich mich in der Unterhaltungsbranche über nix mehr ...

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    1. Das gabs mit als erstes. RTL Radio, ehemals Radio Luxemburg, bestrahlte schon in den Siebzigern den nördlichen Teil D-Lands mit Radio. Müsste heute über Kabel/Sat überall zu empfangen sein. Ewig nicht mehr gehört, war damals aber wegen der Musikauswahl und der Moderatoren schwer angesagt, gerade unter Jugendlichen.

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    2. Ich bin mir nach wie vor sehr unsicher, wer denn wohl für diese Art von Gehirnwäsche verantwortlich ist. Denn irgend welche Trottel müssen das ja gucken, sonst würde es nicht funktionieren. Es ist ein bischen wie bei den Wirtschafts-Fuzzies, die einem vorbeten die Nachfrage bestimme das Angebot - wobei ich mir sicher bin, dass es sich genau umgekehrt verhält. Was allerdings den Medienkonsum - wohlbemerkt des Mainstream - angeht, so könnte ich mir vorstellen, dass tatsächlich eine gewisse Nachfrage diese "Angebot" bestimmt. Was war also zuerst da? Henne oder Ei? Privatfernsehen oder Spacken? Ich meine wo kommen denn all die Verrückten her, die sich so etwas FREIWILLIG reintun...?

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