Dienstag, 29. April 2014

Speis' nicht mit dem Schmuddelrussen!


Sicher, Gerhard Schröder hat Deutschland damals nicht aus dem Irakkrieg herausgehalten, wie die populäre Fama es gern darstellt. Dafür stellte man viel zu viel an Logistik, Überflugrechten und anderen Hilfsdiensten zur Verfügung. Es ging um etwas ganz anderes. Schröder wagte etwas, was bis dahin noch niemand in dieser Offenheit gewagt hatte: Dem Großen Bruder USA, der man doch ewig dankbar zu sein und daher unbedingte Waffenbrüderschaft zu leisten hatte, offen die Gefolgschaft zu verweigern. Abgesehen davon, dass wahlkampftaktische Überlegungen eine Rolle gespielt haben mögen, war er sich sicher, dass dieser Krieg mit einer mehr als großen Mehrheit der Deutschen nicht zu machen sein würde. Außerdem hielt er das ganze Unterfangen für kompletten Wahnsinn. Er sollte Recht behalten.

Angela Merkel, damals CDU-Vorsitzende, tat etwas anderes. Anstatt sich in Fragen von Krieg und Frieden hinter ihre Bundesregierung zu stellen oder das zumindest nicht weiter zu kommentieren, fiel sie dem Kanzler in den Rücken, indem sie demonstrativ nach Washington reiste, um George W. Bush ihrer und der Loyalität ihrer Partei zu versichern. Sie tat damit genau das, was vor allem die Union nun den Ex-Kanzler vorwirft, weil der als Privatperson seinen 70. Geburtstag in St. Petersburg feierte, dazu auch seinen alten Kumpel und Geschäftspartner Wladimir Putin einlud - was, nebenbei bemerkt, erlaubt ist - und es wagte, sich öffentlich in freundschaftlicher Pose mit ihm zu zeigen.

Diese Geste bedeutet natürlich einiges mehr, als dass sich hier einfach nur zwei befreundete Großkopferte trafen. Es wäre mehr als naiv, anzunehmen, dass Schröder und Putin sich der Außenwirkung dieser wahrscheinlich wohl überlegten Bilder nicht bewusst gewesen wären. Zum einen hieß das: Wir lassen uns von politischen Turbulenzen unsere Freundschaft nicht vermiesen. Ein wohl genüsslich zelebrierter Affront gegen das leisetreterische, jede klare Haltung vermeidende Lavieren, das die deutsche Politik seit Wochen liefert. Eine klare Haltung aber, und sei sie noch so abseitig, ist eine Basis, mit der man arbeiten kann. Vielleicht auch eine Retourkutsche in Richtung Angela Merkel, die so etwas noch nie zustande gebracht hat.

In den teils erschreckenden Reaktionen aus Regierungskreisen und in fast allen Medien aber offenbart sich die ganze Aufgehetztheit, Verlogenheit und Schwarzweißmalerei des hiesigen poltischen Diskurses. Als vorläufige Höhepunkte können die winterhilfswerkmäßige Injurie des CDU-Generalsekretärs Scheuer ("Unsere Jungs leiden bei Wasser und Brot im Verlies, Schröder feiert mit Schampus und Kaviar im Festsaal.") sowie jene Bildunterschrift der FAZ gelten, wo es allen Ernstes hieß: "Feiern zum Schaden Deutschlands". Warum nicht gleich: "Sie feiern, damit Deutschland untergehe."? Sogar die taz hat sich rekrutieren lassen und fordert, man solle gleich auch Schröders Konten sperren, sei der doch ein "politischer Triebtäter, dem inzwischen jegliche ethische politische Grundfesten abhanden gekommen sind."

Abgesehen davon, dass so einiges dazugehört, sich eine Formel wie "ethische politische Grundfesten" zusammenzukaspern, sollte man nach denjenigen des Westens wohl lieber nicht fragen. Denn der Westen richtet sein politisches Handeln bekanntlich immer und überall ausschließlich an ethisch-moralischen Grundsätzen aus, nicht etwa an machttaktischen oder gar wirtschaftlichen. Gott bewahre! Wie weit es gekommen ist mit der deutschen Qualitätsjournaille, mag die Tatsache illustrieren, dass plötzlich die ZEIT geradezu erfrischend wirkt.

Selbstverständlich kann man moralinsauer darüber diskutieren, ob so eine Feier sich für einen Ex-Kanzler nun ziemt oder nicht. Man kann aber auch daran erinnern, dass der allseits so verehrte Altkanzler Schmidt eine jahrzehntelange persönliche Freundschaft mit dem völkerrechtlich gleichfalls nicht gerade unumstrittenen Henry Kissinger pflegt, ohne sich davon groß beeindrucken zu lassen. Man kann auch das verwerflich finden, aber in solch turbulenten Zeiten, in denen immer öfter von Krieg geredet wird, können Kontakte wie dieser vieles verhindern helfen.

Natürlich kann man den Agendakanzler Gerhard Schröder diskutabel finden und muss auch kein Anhänger von Putin sein, der selbstverständlich einiges Undemokratische auf dem Kerbholz hat. Doch ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass ein kleines informelles Gespräch unter Freunden in der Causa Ukraine mehr bewegt hat als sämtliche offiziellen diplomatischen Verrenkungen der letzten Wochen zusammen. Zu hoffen wäre es. Was mich angeht, heiligt der Zweck eh so ziemlich jedes Mittel, wenn es gilt, Kriegstreibern in den Arm zu fallen und ihnen die Tour zu vermasseln.

Übrigens: Auch ein gewisser Herr Mißfelder, außenpolitischer Sprecher der CDU im Bundestag, war auf der inkriminierten Feier zugegen. Nur für den Fall, dass jemand es noch nicht mitbekommen hat.


Kommentare :

  1. Die ewige Dankbarkeit und unbedingte Waffenbrüderschaft zum Großen Bruder USA stellt mich vor gewisse Probleme. Das ist ja de facto dasselbe, was Angela Merkel mit ihrer "unverbrüchlichen Freundschaft" zum Ausdruck gebracht hat.

    Das stellt mich - stellvertretend für alle ehemaligen DDR-Bürger - vor ein Dilemma. Unverbrüchlich bezeichnet etwas Immerwährendes, ständig Fortdauerndes. Gehe ich nun jedoch einmal gedanklich 30 Jahre zurück, gelingt es mir einfach nicht, diese "unverbrüchliche Freundschaft zur USA" mit den realen Umständen in Einklang zu bringen. Da wurde den DDR-Bürgern vielmehr die "unverbrüchliche Freundschaft" zur Sowjetunion eingepaukt. Übrigens vor allem von solchen Sprechblasenproduzenten wie genau Angela Merkel aus dem Agitationsbereich. Eine Sprechblase also, die sie ganz unverblümt nach 30 Jahren wieder aus der Mottenkiste zaubert, nun jedoch nur mit den genau umgekehrten Vorzeichen. Ganz im Sinne von Orwells "1984", wo Ozeanien schon immer mit Eurasien im Krieg lag. Bis zum Zeitpunkt der vollständigen "Umprogrammierung", ab dem Ozeanien schon immer gegen Ostasien gekämpft hat.

    Der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinmann sagte einmal: "Ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau." In diesem Sinne ist maximal die Freundschaft zu meiner Familie "unverbrüchlich". Jede andere Freundschaft muss sich täglich immer wieder aufs Neue beweisen.

    Bezeichnend ist allerdings, dass auch diese Merkelsche Sprechblase völlig unwidersprochen und nicht hinterfragt durch alle Medien waberte. Krieg ist Frieden.

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    1. Gut, ich gebe zu, das sind Konflikte, die man als alter Wessi nicht so kennt. Auch der Georg Doppel-U musste ja ein wenig ins Schleudern kommen, wo ihm doch 'Schnitzel' Schröder noch zwei Jahre zuvor "uneingeschränkte Solidarität" zugesagt hatte.

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  2. Gab es wenigstens auch gut was für die Nase? So aus Kolumbien oder so?

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