Mittwoch, 7. Mai 2014

1982 - der Sündenfall


Anfang der Achtziger war eine Mehrheit der europäischen Öffentlichkeit sich einig darüber, dass Krieg als Mittel der Politik ausgedient hatte. Die Friedensbewegung dominierte große Teile des politischen Diskurses. In Deutschland kamen die Grünen erstmals in den Bundestag, Kanzler Schmidt stürzte am Ende über den NATO-Doppelbeschluss. Es schien klar, dass der nächste Krieg im Zeitalter des aberwitzigen Rüstungswettlaufs der Supermächte und des nuklearen Overkills ein totaler und entgrenzter werden könnte, der das Ende der Menschheit bedeutet hätte. Überdies trugen die Amerikaner noch an ihrem Vietnam-Trauma, das sie zurückschrecken ließ, ihre Truppen in Kampfeinsätze zu schicken.

Seit dem Aufkommen des Nationalstaates im Zuge der Französischen Revolution waren Kriege aber auch zum Mittel für unter Druck geratene Regierungen geworden, per Aggression nach außen Stabilität nach innen zu erzeugen. Kann man dem Volk erfolgreich weismachen, die Nation sei in Gefahr und man müsse losschlagen, gelingt es dann noch, einen patriotischen Furor zu entfachen, dann ist auch ein murrendes Volk bereit, sich mehrheitlich hinter die Regierenden zu stellen. Möglich, dass die innenpolitisch angeschlagene britische Premierministerin Thatcher sich im März 1982 daran erinnerte.

Da hatte die damalige argentinische Militärregierung die britischen Falklandinseln besetzt, in Argentinien Islas Malvinas genannt. Für Großbritannien war die Inselgruppe weder in wirtschaftlicher noch strategischer Hinsicht von Bedeutung. Einer der letzten Überreste weltumspannender imperialer Herrlichkeit eben. Obwohl fast die gesamte britische Regierung gegen einen Krieg und für eine diplomatische Lösung war, fegte Thatcher alle Bedenken beiseite, bestand auf den Besitzansprüchen und setzte eine Invasionsflotte in Marsch. Dreieinhalb Monate später waren die abgelegenen Eilande zurückerobert. Bilanz: Auf britischer Seite 258 Tote, 775 Verwundete und 115 Gefangene; auf argentinischer Seite 649 Tote, 1.657 Verwundete und 11.313 Gefangene.

Ein Vabanquespiel, dessen Ausgang keineswegs so sicher war, wie er rückblickend erscheinen mag. Militärhistoriker wissen längst, dass es mehrmals sehr knapp war und dass das ganze Unterfangen im Prinzip haarsträubend gewagt war. Wie die Royal Navy mangels eigener Ressourcen für den Truppentransport Fähr- und Kreuzfahrtschiffe requiriert hatte. Oder die groteske Operation Black Buck: Eine Armada aus Tankflugzeugen und Bombern, die sich nach einem ausgeklügelten Plan gegenseitig betanken mussten, wurde mehrfach auf einen 13.000 Meilen langen Flug geschickt, nur damit am Ende eine einzige Maschine das Flugfeld von Port Stanley bombardieren konnte. Von den Tausenden, die aus reinen Prestigegründen für ein paar gottverlassene Inseln ihr Leben verloren, verwundet wurden oder seither für immer gezeichnet sind, ganz zu schweigen.

Mochte das geostrategische Ergebnis dieses Krieges nicht der Rede wert gewesen sein, für Margaret Thatcher war er politisch ein voller Erfolg: 1983 fuhr sie bei den Unterhauswahlen den höchsten Wahlsieg für die Tories seit 1945 ein. Aber auch für die zukünftige Außenpolitik des Westens war die Kampagne von zentraler Bedeutung. Der Falklandkrieg war der Dammbruch für die Remilitarisierung der Außenpolitik. Politiker und Militärs hatten nämlich genau hingesehen und ihre Schlüsse gezogen:

  • Kriege sind grundsätzlich führbar und begrenzbar.
  • Ein begrenzter Krieg kann dem Staatsoberhaupt bzw. dem Regierungschef, der ihn führt, auch bei pazifistisch-kriegsmüder Grundstimmung im Land erhöhte Beliebtheitswerte oder sogar die Wiederwahl sichern.
  • Zahlenmäßige Verhältnisse sind nicht entscheidend, so lange man über die modernere Technik verfügt und anstatt Massenheere aus Wehrpflichtigen Eliteeinheiten aus gut ausgebildeten Berufssoldaten einsetzt.
  • Berufssoldaten haben zudem den Vorteil, dass Verluste besser begründbar sind, weil sich immer sagen lässt, das Risiko, im Kampf zu sterben, verwundet oder verstümmelt zu werden, sei nun einmal Teil ihres Berufes.
  • Auch mit einem vergleichsweise kleinen Krieg lässt sich unter gewissen Umständen ein unliebsames Regime stürzen. Die argentinische Junta konnte sich nach der Niederlage nicht mehr halten.

Auch der mit Thatcher freundschaftlich verbundene US-Präsident Reagan dürfte ganz genau hingesehen haben damals. Er war angetreten, den verzagten Fellow Americans ihren Nationalstolz wiederzugeben. Also setzte er ein Jahr später die Marines in Marsch, um im Karibikstaat Grenada eine unliebsame kommunistische Revolutionsregierung aus dem Weg zu räumen. Zwar war die damals noch nicht desensibilisierte Weltöffentlichkeit entsetzt und sogar die gewiss nicht pazifistische Thatcher fand das zu heikel, aber Reagans Kalkül ging auf. Es folgte eine Reihe begrenzter Militärschläge, bevor das Ende des Kalten Krieges 1991 den Weg frei machte für seinen Nachfolger George Bush, einen ausgewachsenen Krieg im Irak anzuzetteln.

Was das alles mit 2014 zu tun hat? Wenn Politiker und Journalisten heute, keine 100 Jahre nach Ausbruch des zweitverheerendsten Krieges aller Zeiten, wieder mit einer Leichtfertigkeit, die man längst erledigt glaubte, Kriegsrhetorik im Munde führen, dann ist das der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die in jenem Frühsommer 1982 ihren Anfang genommen hat. Bereits gut zehn Jahre später standen, in den Achtzigern undenkbar, erstmals wieder deutsche Soldaten im Ausland. Das Ende des Kalten Krieges hat der Remilitarisierung der Politik noch einmal einen Schub verliehen. Trotzdem: Die entscheidende rote Linie war bereits lange zuvor überschritten worden.


Kommentare :

  1. Die Argentinier haben es den Engländern aber auch leicht gemacht , hätten sie eine friedliche Rückgabe angestrebt , wäre den Engländern kaum etwas übriggeblieben , als irgendwann klein beizugeben.
    Es stellt sich sogar die Frage , ob Thatcher überhaupt etwas Anderes übrigblieb , hätten sie nicht geantwortet , wäre das umgekehrt ein Freibrief gewesen für alle möglichen Staaten , irgendwo einzufallen , ein schein-legitimer Grund dafür findet sich dann schon.
    Daß solche Vorgänge dann immer gleich im Pathos enden müssen , ist leider so , und zum Teil auch dem sozialdemokratischen Teil der Linken zuzuschreiben , der dann gerne nationalistischer wird als die Nationalisten selber , anstatt manchen Einsatz vielleicht mit zu befürworten , dabei aber pragmatisch zu bleiben und ihn als üble Notwendigkeit zu begreifen.

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    1. Stimmt schon, die Argentinier lieferten einen willkommenen Anlass und Maggie hat einfach zugegriffen. Auch, weil Junta 1982 politisch weitgehend erledigt war und sich doppelt verspekuliert hat: Erstens, weil sie glaubten, diue Briten würden nichts unternehmen und zweitens, weil sie dachten, die Rückeroberung der Inseln würde sie innenpolitisch retten. Die Niederlage hat den Sturz dann nur beschleunigt.
      Trotzdem denke ich, dass Thatcher mit dem Falklandkrieg die Blaupause für die folgende, meist blutige Interventionspolitik des Westens, vor allem der USA, aber auch Großbritanniens, das meist brav mitdackelt, geliefert hat.

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    2. Ich bin sicher, dass es so oder so in dieselbe Richtung gegangen wäre. Das Falkland-Abenteuer hat die Entwicklung allenfalls beschleunigt wenn schon nicht angestoßen. Jedenfalls war es, wie Du schreibst, der perfekte Präzedenzfall: Ein hübscher, kleiner Konflikt, mit überschaubarem Einsatz an Soldaten und Material quasi chirurgisch über die Bühne gebracht. Keine Eskalation, keine sich lange hinziehenden Guerilla-Aktivitäten. Klappe zu, Affe tot. Alle konnten sehen, dass das so zumindest grundsätzlich möglich ist. Und wenn man so ein schönes Instrument im Schrank hat, dann fängt man natürlich an, das mit einzukalkulieren.

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  2. Präzedenzfall trifft es gut , ohne ihn hätte es einen anderen gegeben. Vielleicht hätte ihn der Westen selber geliefert , so wurde es ihm erleichtert.
    Deutschland sollte allerdings nicht der Versuchung erliegen , den hierzulande stark gewordenen Pazifismus allzu sehr vor sich herzutragen (nicht auf hier stehende Aussagen bezogen) , an der ein oder anderen Stelle entsteht dieser Eindruck , diese neue Kriegs-Skepsis ist schließlich nicht zuletzt eine Gegenreaktion auf den früheren , heftigen Militarismus und dessen Folgen.

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