Samstag, 24. Mai 2014

Ach, Europa!


Eigentlich gibt es in Europa vieles, das es zu einem sehr lebenswerten Fleckchen Erde machen könnte. Schöne Gegenden, eine Menge meist durchaus ansehnliches altes Gerümpel, Kunst, Musik, Literatur, Geschichte, gute Küche und in einigen Gegenden einen höchst sympathischen Hang zum guten Leben nebst einer grundsätzlichen Aufgeschlossenheit für all diese schönen Dinge. Es könnte also alles so nett sein, wenn man in Europa nicht zunehmend in alte Gewohnheiten zurückfallen würde. Eines nämlich war dieses Europa nur ganz selten: Jene Insel des Friedens und der Humanität, zu dem es im Moment wieder einmal besonders heftig beschworen wird.

Über Jahrhunderte, ja, Jahrtausende ist es stets guter europäischer Brauch gewesen, sich und anderen nach allen Regeln der Kunst und in allen Farben, Formen und Größen auf die Omme zu geben. Krieg führen, erobern, verwüsten, plündern, rauben, morden, brandschatzen und vergewaltigen, das alles gehörte bis ins 20. Jahrhundert zu den Lieblingsbeschäftigungen nicht weniger Europäer. Vor allem, wenn sie eine Krone auf dem Haupte trugen oder sonstwie mit Befehlsgewalt ausgestattet waren. Klar, woanders auf der Welt war man auch nie zimperlich miteinander und manchmal meinte man in Europa auch, sich verteidigen zu müssen, was dann immer ein besonders großes Hallo war. Aber was das Hölleheißmachen angeht, ist man auf unserer kleinen asiatischen Halbinsel immer sehr gut ohne Hilfe von außen zurecht gekommen.

Irgendwann hatte man herausgefunden, dass Religion eine 1a-Rechtfertigung ist, zu den Waffen zu greifen. Also verfiel man auf die Idee, mit diesem Geschäftsmodell ins Ausland zu gehen. Zunächst nach Nahost, ins so genannte Heilige Land. Leider wehrten die dort ansässigen Gläubischen sich unerwartet heftig und so mussten die wackeren Kreuzfahrer mit zerbeulter Rüstung und blauen Augen wieder zurück ins öde Europa, wo alle die gleiche Messe gelesen bekamen. Blöd gelaufen, das. Bald darauf entwickelte man in unseren Gefilden eine neue Variante des allein selig machenden Glaubens. Das würde sicher ein wenig Leben in die Bude bringen und für ein paar weitere Jahrhunderte Mord und Totschlag reichen, dachte man. Mit Recht. Nicht nur führte man fröhlich Religionskriege gegeneinander, nein, man folterte auch im Akkord Hexen, Heiden und Häretiker, um sie danach auf großer Flamme zu toasten. Vermutlich ein Grund, warum in unseren Breiten so viele noch heute ganz versessen sind aufs Grillen.

Vollends zur Landplage wurden die Europäer, als sie erneut daran gingen, ihr Hobby via Schiff weltweit zu praktizieren, diesmal mit moderneren Mitteln. Weil in fernen Ländern Menschen mit anderer Hautfarbe, lustiger Kleidung, seltsamen Sprachen oder Religionen leben, mussten diese, so schloss man messerscharf, von minderer Qualität und daher vom Allerhöchsten extra fürs Umbringen, Unterdrücken, Ausplündern, Versklaven und Misshandeln vorgesehen sein. Es gibt Leute, die dem noch heute nachtrauern.

Auch in Europa selbst verfeinerte man seine Methoden. Erst taten sich unter dem Etikett 'Industrialisierung' völlig neue Wege auf, die Massen zu knechten und auszubeuten, dann kam man auf den Trichter, dass 'Rasse' und 'Nation' der neueste, heißeste Scheiß von allen sei. Nachdem man im Namen von Rasse und Nation und mithilfe der Industrie das professionelle Abmurksen zu höchster Vollendung getrieben hatte (unter maßgeblicher deutscher Beteiligung übrigens), fand der Rest der Welt, jetzt sei langsam mal Schluss mit lustig und zog eine Grenze. Und zwar mitten durch den streitsüchtigen Kontinent und mitten durch das Land, in dem die größten Krawallschachteln sich tummelten. Nolens volens, gaben die Eurofighter endlich ein paar Jahrzehnte lang Ruhe. Aber nur, weil sie befürchten mussten, eins mit der H-Bombe zu kriegen, wenn sie nicht die Füße still hielten. Ein bisschen Armee spielen durften sie auch, damit sie sich nicht langweilten.

Wenn vor diesem Hintergrund so genannte Europapolitiker mit erhobenem Zeigefinger jetzt trompeten, dieses Europa ohne Grenzen sei ein wahrer Leuchtturm des Friedens und der Freiheit, weil wir schließlich aus unserer blutigen Vergangenheit gelernt hätten, dann ist das schlicht Blödsinn. Ein wenig Demut stünde denen gut zu Gesicht. Wie wahnsinnig viel wir nämlich gelernt haben, das lässt sich sehr schön studieren, wenn man sich ansieht, was passiert ist, nachdem besagte Grenze weg war.

Vermutlich, weil die Sieger des zweiten Weltkriegs, zu denen übrigens auch ein besonders gelehriger ehemaliger Außenposten gehört, das ewige Genöle von der willkürlichen Trennung und von Freiheit nicht mehr hören konnten, hatten sie ein Einsehen und gestatteten den Europäern, den Eisernen Vorhang zu lüften. Kaum war das geschehen, da hob man hierzulande schon wieder keck das Ärmchen und griff zum Baseballschläger, um fremdrassigem Asylantenpack mal zu zeigen, was ein friedliebender, kultivierter Europäer ist. Besonders eindrucksvoll bewies man auch auf dem Balkan, wie wenig man verlernt hat in all den Jahren.

Auch sonst ist man wieder recht kreativ gewesen in letzter Zeit. Weil Krieg führen neuerdings 'friedensstiftende Maßnahme' heißt bzw. 'international Verantwortung übernehmen' und die neueste Entschuldigung für Massenverelendung 'Globalisierung' bzw. 'Finanzkrise', ist man in den Disziplinen Massakrieren und Ausbeuten wieder auf gutem Wege, an alte Traditionen anzuknüpfen.

Moral von der Geschicht: Europäer konnten mit Frieden und Freiheit noch nie besonders gut umgehen. Überlässt man sie sich selbst und setzt man ihnen nicht von außen klare Grenzen, wird ihnen schnell fad und sie kommen auf dumme Ideen. Weil das so ist und immer mehr ihr ungewaschenes Haupt erheben, die die Rückkehr zu den alten Rezepten besonders heftig propagieren, werde ich morgen, allen Vorbehalten und berechtigten Einwänden zum Trotze, etwas ganz Verrücktes tun und zur Wahl gehen.

Ja ich weiß, ich bin naiv und vergeude meine Zeit, denn wenn Wahlen etwas verändern würden, dann wären sie verboten. Schon klar. Natürlich hat diese Europäische Union etliche schwere Webfehler, die sie zu jener armseligen, kleingeistigen Austeritäts- und Raffgierveranstaltung gemacht haben, die sie ist. Ich kann lesen. Ich sehe aber keinen vernünftigen Grund, nicht wenigstens jenen politischen Kräften mein möglicherweise lächerliches Kreuz zu geben, für die Frieden, interkulturelles Miteinander und soziale Gerechtigkeit keine historischen Verirrungen sind, sondern echte Errungenschaften, für die es lohnt, einzustehen. Dass auch darunter einige Nasen sind, die mir ums Verrecken nicht passen, nehme ich in Kauf. Und von bloggenden Salonrevolutionären dafür mitleidig belächelt zu werden, erst recht.

Zumal wir Deutsche doch eine echte Alternative haben.




1 Kommentar :

  1. Jahaaahaaa; und der Satiregott Sonneborn erweist sich tatsächlich als "Furunkel am A****"
    https://www.youtube.com/watch?v=4EAAPP6HCl0

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