Donnerstag, 29. Mai 2014

Ein Luxusproblem?


Leser der Nachdenkseiten werden es zur Kenntnis genommen haben: Laut statistischem Bundesamt verzichtete 2012 zirka jeder fünfte Deutsche auf Urlaubsreisen, etwa ein Drittel musste größere Anschaffungen, wie etwa eine neue Wachmaschine, verschieben, weil das nötige Geld nicht da war. Nun kann man einwenden: Hey, wir haben schließlich Kapitalismus, pardon, marktkonforme Demokratie. Da kann halt nicht jeder gewinnen. Alles toll und normal. Es gibt eben kein Menschenrecht auf Luxus und damit auch nicht darauf, in Urlaub fahren zu können. Es ist doch nicht Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, nicht wahr?

Denn die "... Demokratie versprach die Freiheit durch die Politik. […] Eine 'marktkonforme Demokratie' ist das Projekt der Verschiebung der Freiheit von der Politik auf die Ökonomie, der Umwandlung von Politik in Anti-Politik.", meinte jüngst der wie immer scharfsichtige Georg Seeßlen anlässlich der Europawahlen. Menschen sind durchaus bereit zu verzichten und zu darben, solange sie einen Sinn darin sehen, man ihnen glaubhaft machen kann, wozu das auf lange Sicht gut sein soll. Daran aber hapert es ein wenig in unserer marktkonformen Demokratie. Sie ist längst zum Selbstzweck geworden.

Natürlich gibt es kein Menschenrecht darauf, in Urlaub fahren zu können. So wie es kein Menschenrecht gibt auf eine funktionierende oder gar neue Waschmaschine. Auch nicht auf ein Auto (flexibel und mobil sollte man freilich schon sein). Erst recht gibt es kein Menschenrecht auf eine bezahlbare Wohnung in Stadtlage. Und schon mal gar nicht auf eine zusätzliche private Altersvorsorge (obwohl die doch die zweite Säule unseres Rentensystems sein soll). Von Luxusgegenständen wie etwa Zahnersatz, der halbwegs dem Stand der Technik entspricht und dem, was machbar ist, wollen wir gar nicht reden.

Sollen halt nicht so jammern, die Leute. Weniger Handys und Flachbildschirme und schon kackt das Pferd. Außerdem hat doch jeder schon mal einen Hartz-IV-Empfänger neben sich im Flugzeug gehabt, der nach Malle geflogen ist, nicht wahr? Jammern auf hohem Niveau eben.

Man kann das schier endlos weitertreiben. Wieso soll es ein Menschenrecht auf vernünftiges Brot vom Bäcker geben, wo man doch selber backen kann? Oder darauf, mal ins Restaurant zu gehen? Steht im Grundgesetz vielleicht was von Gemüse aus dem Supermarkt, wenn man doch selbst welches anbauen kann? Oder von einer geheizten Wohnung? Es gibt schließlich Wollpullover.

Sicher mag der Verzicht auf Urlaub ein Luxusproblem sein. Das Dumme am Kapitalismus ist nun aber, dass er dieses Glücksversprechen enthält. Wenn du dich anstrengst, einen ordentlichen Job hast und immer schön arbeiten gehst, dann kannst du dir auch was leisten. Unter anderem Urlaub. Und sich was leisten zu können, darum geht’s schließlich. Je mehr das Gefühl haben, durch eigene Arbeit zu einem gewissen Wohlstand kommen zu können, desto besser für ein kapitalistisches System. Je weniger sich dieses Versprechen einhalten lässt, je mehr von diesem Versprechen abgekoppelt sind, desto grummeliger wird das Volk.

Man sollte das vielleicht nicht unterschätzen. So war es damals ja nicht so, dass Urlaub machen verboten gewesen wäre im Arbeiter- und Bauernstaat DDR, nur war das eben reglementiert und weitestgehend beschränkt auf Destinationen im Inland und in sozialistischen Bruderländern. Neben einigem anderen, war der Frust darüber, im Gegensatz zu den reichen Brüdern und Schwestern im Westen, nicht dort Urlaub machen zu können, wo man wollte, eine der zentraleren Triebfedern für die kollektive Unzufriedenheit, die die Massen in der DDR gegen Ende der Achtziger befiel.



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