Sonntag, 18. Mai 2014

Machen Sie doch mal ein Praktikum


Es ist klar, dass es nicht ohne Folgen bleibt, wenn man mehreren Generationen von Jugendlichen über verschiedene Kanäle diverse Perfidien ins Hirn pflanzt. Zum Beispiel die, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben. Oder dass Erwerbsarbeit nicht etwa ein notwendiges Übel ist, das man halt auf sich nimmt, um an die nötigen Flocken für seinen Lebensunterhalt und eventuell ein paar Extras zu kommen, sondern eine Gnade, ein veritabler Lebensinhalt gar, für den man sich bis zum Anschlag zu verbiegen hat oder noch ein bisschen mehr. Oder dass Arbeitgeber nicht etwa Menschen sind, die mithilfe der Arbeit ihrer Angestellten Gewinne machen, sondern vielmehr große Wohltäter, die zu Nutz und Segen aller den Menschen 'Arbeit geben' und denen man deswegen jeden noch so absurden Wunsch zu erfüllen hat.

Ein weiteres Ergebnis dieser Gehirnwäsche ist die so genannte 'Generation Praktikum'. Junge und nicht mehr ganz junge Erwachsene, die sich von einem gering oder gar nicht bezahlten Praktikum zum nächsten hangeln, in der Hoffung, jene Möhre namens Festanstellung, die man ihnen vor die Nase hält, irgendwann einmal zu fassen zu bekommen.

Ich erinnere mich noch, wie ich einmal mit Anfang dreißig eine Karriereberatung an einer Uni in Anspruch genommen habe. Der Berater meinte, ich müsse unbedingt ein Praktikum machen, am besten ein halbes oder ein ganzes Jahr lang. Auf meine Frage, wovon ich in der Zeit denn bitte leben sollte, meinte er, dann müssten meine Eltern eben für mich einspringen. (Der Typ machte übrigens die ganze Zeit über den Eindruck, dass Geld zu haben noch nie ein Problem für ihn gewesen ist.) Auf meinen Einwand, die würden mir was husten, wenn ich noch mit über dreißig mit so einem Ansinnen um die Ecke käme, meinte Doktor Blitzgescheit bloß, ich hätte da wohl die falsche Einstellung, ich müsse eben mal in meine Zukunft investieren. An diesem Tag habe ich übrigens eine wichtige Entscheidung getroffen: Mich von Stund' an niemals wieder in die Finger eines jener Wegelagerer zu begeben, die großspurig 'Karriereberater' oder semantisch Verwandtes auf dem Türschild stehen haben.

Immer noch gelten Praktika als Königsweg zum Berufseinstieg. Meist aber ist das bloß Arbeit auf Kredit: Man arbeitet umsonst oder für ein paar Kröten, geht also quasi in Vorleistung in der Erwartung, später vielleicht eine gut bezahlte Festanstellung zu ergattern, deren Einkommen diese Investition sich dann rentieren ließe. Wenn das so sein sollte, kein Problem. Leider scheinen aber inzwischen nicht wenige Firmen die Gratisarbeitskräfte, die ihnen unter anderem im Rahmen von durch Arbeitsagentur und/oder Jobcenter veranstalteten Qualifizierungsmaßnahmen, deren Teilnehmer keine Wahl haben, in Kohortenstärke angedient werden, fest in ihre Kalkulationen einzupreisen.

Das Gebaren des alerten Beraters offenbart auch die soziale Selektionsfunktion, die unentgeltliche Praktika akademischer Nachwuchskräfte nebenbei noch erfüllen. Sie begünstigen einseitig brave, angepasste Sprösslinge aus gutem Hause, deren Eltern willens und in der Lage sind, ihre Praktika machenden Söhne und Töchter auch mit Mitte, Ende zwanzig oder noch älter finanziell zu unterstüzten. Gleichaltrige ohne diesen Hintergrund können sich das in der Regel nicht leisten. Aber auch wer sich das leisten kann, sollte möglichst nicht zu sehr aus der Reihe tanzen, damit die Erzeuger den Geldhahn nicht wieder zudrehen.

Nun gehören zum Tango tanzen immer zwei, sagt ein altes Sprichwort. Den Arbeitgebern kann man noch nicht einmal einen Vorwurf machen, denn sie handeln völlig rational und nachvollziehbar. Eigentlich tun sie nichts anderes als das, was sie schon immer gemacht haben: Den Freiraum, den Gesellschaft und Politik ihnen einräumen, konsequent nutzen. Ich weiß nicht, wie ich handeln würde, wenn ich in entsprechender Position wäre und auf dem Besucherstühlchen meines Geschäftsführerbüros andauernd Prachtexemplare der Generation Schleim & Selbstausbeut säßen, die mir offen anböten, sogar noch Geld dafür zu bezahlen, achtzig Stunden pro Woche schaffen zu dürfen. Sagen wir so: Auch ich bin kein Heiliger.

Wer das für übertrieben hält, möge sich bitteschön folgende nette Episode aus der NDR-Sendung 'extra 3' ansehen. Dort schlüpft Moderator Tobi Schlegl in einer 'Berufsmesse' genannten Geisterbahn in die Rolle eines Praktikumsvermittlers und kobert potenzielle Praktikanten an:


Klar, man kann einwenden, das alles sei vermutlich gestellt gewesen, aber allein, dass man's für glaubwürdig hält, zeigt schon, wie weit es inzwischen gekommen ist.


P.S.: Glück gehabt

Was für ein Glück, dass der FC Bayern den von ihnen selbst noch vor Jahren als Loserwettbewerb bezeichneten DFB-Pokal gewonnen hat! Man stelle sich vor, es wäre umgekehrt verlaufen: Man hätte ihnen - IHNEN! - ein reguläres Tor verweigert, einem BVB-Spieler eine fällige gelb-rote Karte nicht gegeben und die Borussen hätten in ähnlicher Frequenz gelbe Karten gesammelt wie die Guardiola-Truppe. Das Rumgegreine, das Protestieren, Jammern und Anklagen, das Hadern mit Schiedsrichtern, dem Verband und allen, die es nicht ertragen können, wenn Erfolgreiche Erfolg haben, das darauf gefolgt wäre, es wäre nicht zum Aushalten gewesen. So mussten wir nur eine Frühlingsnacht die Feierei der Siegesabonnenten von hinter dem Weißwurstäquator ertragen und a Ruah is'.



Kommentare :

  1. Wir bräuchten das Bedingungslose Grundeinkommen. Dann könnte jeder, der will, soviele Praktika machen, wie er kriegen kann. Die Firmen hätten noch weniger Druck, Praktikanten zu bezahlen, und alle wären glücklich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hm ja, das Bedingungslose Grundeinkommen - obwohl ich den Gedanken grundsätzlich sympathisch finde, sehe ich da doch einige Probleme.

      Löschen
    2. War auch nicht ganz ernst gemeint. Mir ist die Idee zwar sympathisch, ich bin mir aber nicht sicher, inwieweit das überhaupt praktikabel ist. Aber hier gibt es ein Argument, stramm neoliberale Leute für die Idee zu gewinnen. Ganze Belegschaften aus qualifizierten, aber umsonstenen Praktikanten bilden zu können lässt doch das Herz jedes rechten Kapitalisten höher schlagen..

      Löschen
  2. Guter Artikel! Wichtiges Thema!

    Den Freiraum, den Gesellschaft und Politik ihnen einräumen, konsequent nutzen. Ich weiß nicht, wie ich handeln würde, wenn ich in entsprechender Position wäre und auf dem Besucherstühlchen meines Geschäftsführerbüros andauernd Prachtexemplare der Generation Schleim & Selbstausbeut säßen, die mir offen anböten, sogar noch Geld dafür zu bezahlen, achtzig Stunden pro Woche schaffen zu dürfen. Sagen wir so: Auch ich bin kein Heiliger.

    Wenn wir unser Handeln stets nur an dem "Freiraum", den uns Politik, Wirtschaft und Gesetze vorgeben, orientieren würden, wären wir konformistische Roboter. Charakter und ethisches Handeln zeigen sich doch genau dort, wo man eben nicht alles und jeden für den eigenen Vorteil ausnutzt - auch und gerade, wenn man es leicht könnte.

    Also nein, ich würde weder Praktikanten, noch Hungerlöhner einstellen, wenn ich selbstständig wäre oder es einfach machen könnte. Mein Gewissen würde mich quälen, Menschen zu beschäftigen, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Genauso sehe ich das beim Jammern über den Mindestlohn. Wer seine Firma nur dadurch aufrecht erhalten kann, indem er Praktikanten und Niedriglöhner einstellt, hat es nicht verdient auf dem "Markt" zu sein und darf gerne auch pleite gehen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Besten Dank. Ich habe ja auch nicht behauptet, dass ich solche Leute alle mit Kusshand nehmen würde - vielleicht würde ich sie auch nach Hause schicken und sie dürften erst wiederkommen, wenn sie etwas vom Leben begriffen hätten... ;-)

      Löschen