Mittwoch, 14. Mai 2014

Opfer der Globalisierung


Wenn der türkische Premier Erdogan angesichts der Katastrophe im Kohlebergwerk von Soma, bei der bislang über 200 Kumpel ihr Leben verloren haben, meint, solche Unglücke hätte es auch im 19. Jahrhundert in England gegeben, dann handelt es sich damit zwar um das steindümmste Nichtargument aller Dumpfkonservativen, aber der Mann hat im Prinzip recht. (Übrigens war das nicht nur England so, sondern überall, wo in Europa zu der Zeit Kohle abgebaut wurde. Das am Rande.) Was er verschweigt: Wenngleich es in einem nach wie vor gefährlichen Branche wie dem Bergbau niemals einhundertprozentige Sicherheit geben kann, müsste so was heute nicht mehr sein, wenn man auf moderne Technik setzt. Die aber kostet Geld. Und hebt damit den Preis für die Tonne Kohle. Wir haben schließlich Globalisierung.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann man im Ruhrgebiet, Kohle aus größeren Tiefen als 500 Metern zu fördern. Menschenleben zählten da wenig, Todesopfer waren an der Tagesordnung. Es gab Zeiten, da warteten an besonders berüchtigten Gruben die Frauen jeden Tag am Tor auf ihre Männer und ein fünfzigjähriger Bergmann ohne Staublunge und kaputte Knochen war eine echte Seltenheit. Reich mit dem schwarzen Gold wurden nur wenige. Dank technischem Fortschritt, Solidarität, Montanmitbestimmung und Gewerkschaftsarbeit stieg seit dem zweiten Weltkrieg nicht nur die Lebenserwartung der Kumpel immer weiter, sondern sie bekamen auch nach und nach etwas ab von dem Reichtum, den sie erwirtschafteten. Tempi passati. Zu teuer.

Trotz Energiewende wird Strom aus Kohle noch eine Zeitlang gebraucht werden. Für Stromerzeuger ist es üblich, die günstigste Kohle einzukaufen, um die Kosten gering zu halten. Kohle von hier ist da einfach zu teuer, nicht zuletzt weil der Faktor Transport immer billiger geworden ist und weil Sicherheit kostet. Trotzdem sollte man es sich vielleicht zwei mal überlegen, dem Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet hinterherzutrauern. Die Sache hat sich wohl erledigt, denn die meisten Kohlevorkommen, die sich noch einigermaßen gut maschinell abbauen lassen, sind erschöpft und neue liegen nur noch in Tiefen ab 1.500 Metern. Möglicherweise ist es auch ein Fehler, den deutschen Steinkohlebergbau komplett abzuschaffen, denn deutsche Bergbautechnik ist immer noch weltweit führend. Die meisten Herstellerfirmen sind aber inzwischen verkauft.

Die Kohlesubventionen sind natürlich ein Argument, aber nach wie vor wird auch in anderen Industrien auf freie Marktwirtschaft geschissen und üppig kassiert, ohne dass das jemanden groß aufregen würde. Und wer es doch wagt, dagegen etwas zu sagen, der gefährdet den Standort Deutschland. Auch im Energiesektor hat man wenig Hemmungen, ohne rot zu werden bei Vater Staat die Kralle aufhalten zu wollen. 

Vielleicht hatte man an der Ruhr ja auch einfach eine Menge Glück in den letzten zwanzig Jahren. Sicher, die Fördermenge geht seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück und damit der Personaleinsatz. Aber man verweist mit einem gewissen Stolz darauf, dass seit 1992 kein Bergmann mehr tödlich verunglückt ist. Schlagwetter- und daraus resultierende Kohlestaubexplosionen hat man dank Technik (längst ist unter Tage alles, was irgendwie möglich ist, automatisiert) und konsequenten Schutzmaßnahmen weitestgehend im Griff.

Hiesige Bergleute reagieren daher immer ein wenig säuerlich, wenn sie darauf angesprochen werden, dass ihre Kohle eben nicht konkurrenzfähig sei auf dem Weltmarkt. Sie pflegen dann zu sagen, sicher, unsere Kohle ist teurer, dafür klebt aber auch kein Blut an ihr. Auch ohne Kenntnis technischer Details, kann man durchaus vermuten, dass das Unglück von Soma angesichts dessen, was heute möglich ist, vielleicht nicht hätte passieren müssen oder wenigstens glimpflicher abgegangen wäre. Die Toten wären damit Opfer von Globalisierung und Kostendruck. Friede ihrem Angedenken.


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