Freitag, 16. Mai 2014

Unter Säufern


Da haben wir's wieder einmal! Schwarz auf weiß. Die Deutschen sind unverbesserliche Saufnasen. Mehr als 11 Liter reinen Alkohols oder 500 Flaschen Bier kippt der mittelwertige Michel sich Jahr für Jahr hinter die Binde und damit doppelt so viel wie der weltweite Durchschnitt. So heißt es in einem im 'Stern'  wiedergegebenen Bericht der WHO. Es steht also wieder einmal schlimm um Deutschland.

Zunächst zum Offensichtlichen. Den weltweiten Durchschnitt als Referenzgröße anzugeben, ist nicht nur willkürlich, sondern auch ziemlich sinnlos. Schließlich gibt es bekanntlich ganze Teile der Welt, in denen große Teile der Bevölkerung, meist aus religiösen Gründen, kaum oder gar keinen Alkohol trinken. Und wenn doch, dann geschieht das meist heimlich. Überhaupt: Wie sind die Zahlen erhoben worden? Es ist ein Unterschied, ob man medizinische Daten auswertet oder ob man einfach nur die Leute fragt. Ärzte wissen, dass bei kaum etwas so dreist gelogen wird wie bei der Frage, wie viel man so trönke. Vermutlich wird im WHO-Report auf solche methodischen Frage eingegangen, in den Medien wird gern darauf verzichtet.

Auch ist es sicher kein Zufall, dass das Äquivalent erst einmal in Bierflaschen angegeben wird. Allen gegenteiligen Bemühungen der Brauer zum Trotze, gilt Bier immer noch als Getränk der Arbeiterklasse und der Unterschicht. Entsprechend die Zuschreibungen: Gilt die braune Buddel gemeinhin als unverzichtbares Accessoire von Prolls und Hartz-IV-Empfängern, so steht zum Beispiel Weingenuss im Rufe, Ausweis feiner Zunge und gehobener Lebensart zu sein und wird zudem deutlich seltener mit unmäßigem Trinken, mit Alkoholismus gar, in Verbindung gebracht.

Das ist natürlich Quatsch. Wer einmal das eine oder andere belgische Bier (am besten das, was die braven Trappistenbrüder so brauen) oder diverse Craft Beers verkostet hat, weiß, dass Bier eine ungemein komplexe, genussreiche Angelegenheit sein kann und dass es jenseits öder Massenplörre faszinierende Welten zu entdecken gibt, die sich hinter der des Weines nicht verstecken müssen. Umgekehrt ist zum Beispiel ein staubtrockener, schnörkelloser Grüner Veltliner aus der Literflasche für ein wenige Euros, 1:1 mit Mineralwasser versetzt, zwar ein gottvolles Sommergetränk, aber weiß Gott nichts, um das man irgendeinen überflüssiges Tamtam machen müsste.

Aber zurück zum Alkoholkonsum. Der Studie der WHO zufolge, pfeift der Durchschnittsdeutsche sich im Laufe eines Jahres also fast 500 Jollen Bier hinein. Das entspricht 11,8 Litern reinen Alkohols. Der deutsche Mann im Schnitt 16,8 Liter, die deutsche Frau immer noch sieben. Schockschwerenot! Aber greifen wir doch mal zum Taschenrechner spielen wir das Spielchen einfach mit und sehen, wie heftig man saufen muss, um auf den Durchschnittswert zu gelangen.

Eine Flasche gewöhnliches Bier enthält zwischen 4,5 und 5,5 Volumenprozent Alkohol, im Schnitt also 5. In einer Flasche (500 ml) stecken demnach ca. 25 ml reiner Alkohol. Teilt man nun die 11.800 ml jährlichen Durchschnittskonsums durch 25, so erhält man als Ergebnis 475, also tatsächlich fast 500 Flaschen pro Jahr. Die Rechnung stimmt also halbwegs (mit einer Abweichung von 5 Prozent). Teilt man die 475 dann durch 365 Tage, so ergäbe das einen täglichen Verbrauch von 1,3 Flaschen. Ein gestandener Bayer würde fragen, wann es endlich was zum trinken gibt.

Für die, die 1,3 Kannen Bier pro Tag schockierend viel finden, ein kultivierteres Beispiel: Angenommen, ein Mann und eine Frau genehmigen sich des Abends gern eine Flasche Wein zum Essen. Sie befolgen streng die Regel: Zwei Gläser für sie (250 ml), für ihn den Rest der Flasche (500 ml). Wein enthält normalerweise 12-13 Volumenprozent Alkohol. Nehmen wir auch hier den Mittelwert (12,5%), dann sind in einer Flasche (750 ml) 93,75 ml reiner Äthanol drinne. Davon nimmt der Mann 62,5, die Frau 31,25 ml zu sich. Um nun auf die deutschen Durchschnittswerte zu gelangen, muss der Mann für seine 16,9 Liter Alk an 269 Tagen des Jahres zwei Viertelchen Wein trinken, die Frau für ihre sieben Liter an 224 Tagen ein Viertel. Kriegt man gut hin, ohne dass die berufliche Karriere deswegen gleich dem Saufteufel zum Opfer fällt.

Man kann es auch anders sagen. Wer das Jahr über nur äußerst maßvoll trinkt und es nur im Urlaub mal krachen lässt, erreicht solche Mengen problemlos.

Nun will ich Alkoholismus nicht verharmlosen. Die Frage ist nur, ob so ein Geschwurbel etwas zur Prävention beiträgt. Es ist zwar richtig, darauf hinzuweisen, dass solche Durchschnittswerte über den Konsum einzelner rein gar nichts aussagen. Es gibt auch innerhalb Deutschland Menschen, die aus verschiedenen Gründen keinen oder so gut wie keinen Alkohol trinken, wodurch die übrigen umso mehr zu sich nehmen, klar. Nur: Wenn diese Werte kaum aussagekräftig sind, wieso wird dann mit ihnen hantiert?

Weil es mittlerweile guter Brauch ist, bei Themen, die irgendwas mit Gesundheit zu tun haben, nicht etwa Aufklärung zu betreiben, was wünschenswert und sinnvoll wäre, sondern in jeder Hinsicht maßlose, komplett hysterische Panikmache, die am Ende niemandem nützt, weil sie irgendwann kein mit Restvernuft ausgestatteter Mensch mehr ernst nehmen kann. Denn wer glaubt, Menschen mittels Angst beeinflussen zu müssen - Sie lernen's halt nicht anders! -, spricht ihnen jede Fähigkeit zur Einsicht und jede Vernunft ab.

Sind die Schlagzeilen vorbei und die Aufmerksamkeit generiert, dann erst werden, der Redlichkeit, halber, erst die Zahlen geliefert, auf die das Ganze sich stützt. Dort stellt sich in der Regel heraus: Halb so schlimm. So auch im zitierten Artikel. Heißt es zu Beginn noch, der Alkoholkonsum der Deutschen sei zwar im weltweiten Vergleich "unverändert hoch", so lernt der geneigte Leser gegen Ende, er sei seit Jahrzehnten immer weiter rückläufig. Aha.

Schon gehört? Zucker wirkt auf den Körper wie Heroin.



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