Samstag, 10. Mai 2014

¡Vamos, Conchita!


"It's now very common to hear people say, 'I'm rather offended by that.', as if that gives them certain rights. It's no more than a whine. It has no meaning; it has no purpose; it has no reason to be respected as a phrase. 'I'm offended by that.' Well, so fucking what?" (Stephen Fry)

Obwohl mir die Idee, einen ganzen Kontinent einen Abend lang in einem friedlichen musikalischen Wettstreit zu vereinen, grundsätzlich nicht unsympathisch ist, geht der Eurovision Song Contest mir normalerweise irgendwo vorbei. Das, was da mehrheitlich auf der Bühne veranstaltet wird, ist musikalisch nicht so meins. Sich an gröligem Partypatriotismus zu besaufen, bekanntlich noch weniger. Dennoch habe ich mich den letzten Jahren dann und wann überreden lassen, im Garten einer lieben Freundin an ESC-Grillpartys teilzunehmen. Habe da keine Berührungsängste. Außerdem wirkten die vorhandenen Speisen und Getränke eventuell aufkeimender Langeweile immer sehr effektiv entgegen. Dieses Jahr wird’s wohl nichts damit - das Wetter!

Auch ist das was Conchita Wurst für Österreich präsentieren wird, nach allem, was ich so mitbekommen habe, nicht wirklich mein Ding (man könnte auch sagen: Ist mir Wurst, höhö!), die Wahrscheinlichkeit, dass ich einem Fanclub beitrete oder mir ihr Oeuvre bzw. Teile davon in irgendeiner Form für die heimische Sammlung zulegen werde, dementsprechend gering. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass jemand von mir erwartet, das großartig zu finden. Ist mir bislang nirgends aufgefallen. Ich wüsste auch nicht, wer das mit welchem Recht ernsthaft von mir verlangen könnte. Es gehört wohl eine gewisse Paranoia dazu.

Was Leute, die sich dazu aufgefordert fühlen, nicht kapieren (und leider wohl auch nicht werden, denn sie wollen's überhaupt nicht), ist, dass Toleranz etwas anderes ist als Tollfinden. Man muss Schwule, Lesben Transgender etcetera für das, was sie sind und tun, nicht lieben. Man darf - schockschwerenot! - auch offen sagen, dass man von bestimmten, konkreten Verhaltensweisen hier und da genervt ist. Kein Problem. Tu ich auch gelegentlich. Das ist aber etwas anderes als zu fordern, die Uhr wieder zurück zu drehen und 'so was' gefälligst aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Es geht nur um Respekt, nicht mehr und nicht weniger. Was Conchita Wurst für Musik macht ist, wie gesagt, nicht meine Welt und mir daher ziemlich wumpe. Es heißt, ihr Auftritt im Halbfinale sei großes Kino gewesen. Möglicherweise wirklich ein/e begabte/r Künstler/in. Kann man respektieren als einigermaßen entspannter Hetero und muss nicht gleich den Untergang des christlichen Abendlandes herbeiorakeln.

In West- und Mitteleuropa ist während der letzten Jahrzehnte, wenn auch nicht immer und überall, öffentliche Präsenz von Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Lebensentwürfen mehr und mehr zum selbstverständlichen Teil des Alltags geworden und es wird immer weniger Gewese darum gemacht. Zum Glück sieht es auch so aus, als müssten die Betreffenden auch immer weniger Hohn, Spott oder Schlimmeres befürchten. Das ist ein Zivilisationsgewinn, hinter den ich im Leben nicht mehr zurück möchte.

Unter Rechten und Rechtspopulisten ist es Mode geworden, den Eurovision Song Contest als schwul und dekadent zu verachten und sich entsprechend öffentlich zu empören. Huch, Abendland, ist ja wie im alten Rom! Jetzt müsste doch langsam mal Schluss sein damit, jallern sie rum, denn sonst unterwanderten die uns am Ende  noch mit ihrer Agenda, wie die Muselmanen. Aber nicht nur ganz rechts hätte man's gern piefig jägerumzäunt und besteht lautstark darauf, Homophobie pflegen zu dürfen, ohne sich im Klaren zu sein, dass das eigentlich eine alles andere als gesunde Aufwallung ist, die überdies meist tief blicken lässt.

In Teilen Osteuropas übrigens hatte man in den letzten Jahren kein Problem, hübsche junge Frauen in äußerst knapper Bekleidung zum Wettsingen zu entsenden und zu bejubeln. Das war dann nicht dekadent, sondern ein nationales Ereignis, auf das man mächtig stolz war. Selbstverständlich ist nicht ganz Osteuropa ein Abgrund an Homophobie, doch zeigt sich dort, was passieren kann, wenn solche Tendenzen staatlicherseits zumindest stillschweigend geduldet werden. Aus Ablehnung aber wird schnell Hass, Hass führt schnell zu Forderungen nach Verbot, Knast und Lager. Jede physische Gewalt beginnt mit verbaler Gewalt, immer und überall.

Man soll Musik und Showbusiness nicht unnötig politisieren, doch wäre ein Sieg bzw. eine sehr gute Platzierung von Conchita Wurst vielleicht ein netter kleiner Nadelstich für all jene, die mit aufgeblasenen Backen auf ihrem gottverdammten Menschenrecht bestehen, öffentlich gegen alles hetzen zu dürfen, was irgendwie anders ist als sie. Daher denke ich, dass ich Conchita Wurst die Daumen drücken werde. Jetzt erst recht. Man muss, so weit ich weiß, übrigens auch keine Angst haben, selbst schwul zu werden, wenn man das tut. In diesem Sinne: ¡Vamos, Conchita! ¡No pasarán!



Kommentare :

  1. Es gelingt mir nicht nachzuvollziehen, was dieser alberne Mummenschanz mit Respekt & Toleranz (gegenüber Schwulen oder sonstwas auch immer) zu tun haben soll. Warum wird einer, bloß weil er sich einen Bart aufs Gesicht malt und in Frauenkleidern herumläuft, deswegen in den Medien zum "Travestiekünstler" hochgejubelt - was soll an dieser halblustigen Kostümierungs-Juxnummer bitteschön eine Kunst sein?

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    1. Eigentlich gings mir nur darum, dass jetzt die ganzen Rückwärtsgewandten ein wenig begossen dastehen. Sogar Herr Strache fühlte sich ja bemüßigt, einen pflichtschuldigen Glückwunsch rauszugeben.

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