Sonntag, 4. Mai 2014

Zweischneidige Schwerter


Die überraschende Karriere der Jack Monroe

In diesem Land gäbe es keine Armut, heißt es. Kochbücher oder Rezeptsammlungen im Netz, die zeigen, wie man sich auch mit sehr wenig Geld, schlimmstenfalls dem Hartz-IV-Regelsatz, gesund und ausgewogen ernähren kann, können daher ein überaus zweischneidiges Schwert sein. Auf der einen Seite vermögen sie wirklich Ideen zu liefern, um Geld zu sparen. Es wird in der Tat zu vieles verschwendet und oft wird unnötig teuer eingekauft. Jede Hilfe ist da willkommen. Auf der anderen Seite bescheren sie denjenigen, die alles streng materiell sehen und meinen, Armut gäbe es überhaupt nicht und wenn doch, dann sei sie eben selbst verschuldet, einen gern genommenen Vorwand, um sagen zu können: Na siehste, geht doch. Niemand muss hungern, alles eine Frage von Köpfchen und etwas gutem Willen zur Sparsamkeit.

Möchte man einen Blick in die Zukunft werfen und mal sehen, was uns im so reichen Deutschland in puncto Armut und sozialer Kälte noch so alles blühen kann, dann sollte man beizeiten einen Blick nach Großbritannien riskieren. Dort ist die Selbsttäuschung der Bessergestellten, Armut sei, so es sie überhaupt gäbe, allein auf individuelles Versagen zurückzuführen, schon in ganz andere Sphären vorgedrungen. Immerhin, eines muss man den Insulanern lassen: Sind es bei uns meist Angehörige von Eliten, die sich berufen fühlen, dem arbeitsscheuen Pöbel zu erklären, wie man ordentlich haushält, übernehmen das dort wenigstens Leute, die wirklich wissen, wovon sie reden, weil sie selbst betroffen sind. Eine ist die 25jährige Jack Monroe aus Southend bei London.

Nachdem sie die Schule abgebrochen hatte, arbeitete sie in einem Call Center der örtlichen Feuerwehr, verdiente 27.000 Pfund im Jahr und führte das, was man gemeinhin ein gediegenes Mittelschichtleben nennt. Als ihr Sohn zur Welt kam und ihr Arbeitgeber ablehnte, ihre Arbeitszeit flexibler zu gestalten, verlor sie den Job und musste Sozialleistungen beantragen. Weil die Behörden das Wohngeld öfters zu spät überwiesen, kamen noch Mietrückstande und Schulden oben drauf, hunderte von Bewerbungen scheiterten. Nach Abzug aller Kosten blieben für sie und ihren Sohn gerade 10 Pfund pro Woche für Essen, also etwa 12 Euro. Aus Verzweiflung begann sie zu bloggen.

Liest man den Eintrag (seinerzeit mangels Laptop oder PC mühsam auf einem alten Nokia-Communicator getippt), der sie letztlich bekannt machte, packt einen die kalte Wut. Man kommt sich vor, als sei Charles Dickens noch nicht knapp 150 Jahre unter der Erde. Man muss es so sagen: Diese Frau musste nicht einfach nur sehen, wie sie rumkam, sondern hat wirklich gehungert. Wie ist das, wenn auch im Winter die Heizung ausbleiben und man nachts irgendwie zusehen muss, dass man im Haus nicht erfriert? Wenn der kleine Sohn, der zum Frühstück den letzten eingeweichten Weetabix bekommt, seine Mutter fragt, ob sie nicht auch frühstücken wolle und die ihn mit knurrendem Magen anlügt, sie habe schon vorher was gegessen? Wie fühlt sich das an, wenn man liebgewonnene Habseligkeiten verscherbeln muss, weil das Amt den Mietzuschuss mal wieder nicht gezahlt hat? Oder wenn man sich im Haus nur noch so bewegt, dass es aussieht, als sei niemand zu Hause, damit die Krediteintreiber nicht vor der Tür stehen? (Damit keine Missverständnisse aufkommen: Auch wir sind da auf gutem Wege.)

Aus Monroes teils erschütternden Aufzeichungen wird auch klar, was das Reden über Armut oft so schwierig macht. Das Mittelschichtsmärchen von der nicht existierenden Armut beruht unter anderem auf dem Wahrnehmungsproblem einer Gesellschaft, die immer stärker dazu neigt, Menschen nach rein oberflächlichen Kriterien zu beurteilen. Fragte man 100 Leute, woran man arme Menschen erkennt, dann sähe man sich vermutlich schnell von lauter Experten umgeben. Jeder weiß doch, wie Armut aussieht, nicht wahr? Arme sind ungewaschen, ungepflegt, stinken, haben morgens schon die Kanne am Hals und die Alditüte mit Pfandflaschen im Anschlag. Blödsinn. Meistens jedenfalls.

Ein jeder möge sich selbst fragen, wie das wäre, wenn er ein ernstes Problem hätte. Drückende Schulden, schwere Depressionen oder etwas in der Art. Wie hoch wäre wohl die Wahrscheinlichkeit, dass man wildfremden Leuten, die einen fragten, wie es einem so geht, eine ehrliche Antwort gäbe? Mein Tipp: Nicht eben hoch. Die meisten würden vermutlich sagen, die Dinge gingen so lala ihren Gang, alles in Ordnung. Kaum jemand gesteht gern etwas ein, von dem er befürchten muss, dass es mit Scheitern und Versagen in Verbindung gebracht würde, wie abwegig das auch immer sein mag.

So sagen, auch wenn sie es tun sollten, möglicherweise nur wenige Empfänger von Sozialleistungen, wie schlimm es wirklich um sie steht. Fragt ein Kamerateam, wie man denn so auskommt mit den üppigen Transferleistungen, dann wird die Antwort meist lauten: Na ja, ist nicht immer ganz einfach, aber geht schon irgendwie. Muss ja, nöch? - Na also, alles in Butter, denkt sich der in jeder Hinsicht gemeine Propagandaverzapfer. Die schlimme Wahrheit kommt meist nur ans Licht, wenn Journalisten ihren Job ernst nehmen und anfangen, hinter die Fassaden zu blicken.

Daher springt einem auch Armut nicht immer direkt ins Gesicht. Von Extremfällen abgesehen, neigt Armut dazu, sich zu verstecken so lange es geht. Wer arm ist, wird in der Regel alles Erdenkliche tun, um nach außen hin eine möglichst normale Fassade aufrecht zu erhalten. Da wird die eine verbliebene vorzeigbare Jeans oder das eine Paar nicht durchgelatschter Schuhe gehegt und gepflegt und nur stundenweise in der Öffentlichkeit angezogen, damit niemand auf falsche Gedanken kommt. Da wird der karge Einkauf zuvor minutiös auf den letzten Penny geplant. Im Supermarkt fällt das keinem groß auf.

Für Jack Monroe ist die Sache so weit gut ausgegangen. Als Hobbyköchin hatte sie eine echte Meisterschaft entwickelt, sich und ihren Sohn tatsächlich mit 10 Pfund pro Woche mit von ihr erfundenen, kreativen Rezepten halbwegs satt zu bekommen. Die stellte sie auf ihrem Blog ein und bald wurden Medien auf sie aufmerksam. Im Februar ist ihr Kochbuch mit 100 Rezepten für den kleinen und kleinsten Geldbeutel erschienen. Sie schreibt eine monatliche Kolumne im Guardian und betätigt sich als Aktivistin für soziale Organisationen. Reich geworden ist sie übrigens nicht damit, wie sie betont. Sie konnte ihre Schulden abtragen und kommt gut durch den Monat, lebt aber immer noch in einem Haus, das sie sich mit fünf anderen Leuten teilt.

Trotz alledem, in Zeiten wie diesen bleibt ein schaler Nachgeschmack. Natürlich ist jedes einzelne Pfund, das Ms. Monroe mit ihrer Arbeit einnimmt, ihr von ganzem Herzen zu gönnen. Andererseits sind Schicksale wie ihres für dekadente Armutsexperten ein weiterer, gern genommener Vorwand, um sagen zu können: Na siehste, geht also doch. Nur nicht aufgeben! Vielleicht musste sie ja erst ganz unten ankommen. Angefeindet wird sie zuweilen auch heftig. Der bei weitem harmloseste Vorwurf lautet, sie sei eine Art Jamie Oliver für Arme, ihre Rezepte bloß Futter für zu Tode gelangweilte Sozialromantiker, die sich einen wohligen Schauer verschaffen, indem sie sich dem Poverty Chic hingäben. Ein zweischneidiges Schwert also auch das.



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