Mittwoch, 25. Juni 2014

Leuchtturm der Bildungsrepublik


Der spanische Lehrer Pablo Pineda ist der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Hochschulabschluss hat. Bekannt geworden ist er auch wegen seines schauspielerischen und komischen Talents durch den biografischen Film 'Mee too – wer will schon normal sein?', in dem er selbst die Hauptrolle spielte.

Nun gibt es Menschen, denen die Vorstellung, auch ihr Nachwuchs könnte eines Tages von einem Behinderten unterrichtet werden, ganz und gar nicht behagt. Einer von ihnen ist Thomas Hartung, pardon, so viel Zeit muss sein: Doktor Thomas Hartung (52), Diplom-Pädagoge, Dozent für Journalistik und Medienproduktion an der TU Dresden und rein zufällig noch Vizevorsitzender der sächsischen AfD, jener chronisch missverstandenen politischen Vereinigung, die schließlich nichts für ihre Anhänger und Sympathisanten kann. Via Twitter wrang Hartung zum Fall Pineda sich folgende Verlautbarungen aus der Runkel:

"Was sagt uns das: Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu. (...) Wo soll das hinführen, wenn es als normal gezeigt wird???"

"Wollt ihr von jemanden 'belehrt' werden, der weniger weiß als ihr?", und:

"Ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab, in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen, und gebe kund, dass ich als Nichtbehinderter von einem solchen nicht unterrichtet werden möchte."

Ja, vielen Dank auch, mein Held. Endlich sagt's mal einer! Man könnte eine Menge anmerken zu diesem dünkelhaften, herzenskalten, von keiner Höflichkeitsfloskel mehr verbrämten Gequargel. Zu dem furzbequemen Schubladendenken, mit dem er mal eben 'so einem' von vornherein Dummheit und jede Befähigung zum Unterrichten abspricht. (Übrigens wäre es interessant zu erfahren, wie Hartung wohl reagieren würde, wenn er Vater eines behinderten, doch äußerst begabten Kindes wie Pineda wäre und ein Schuldirektor ihm so eine Ansage vor den Latz knallen würde. Jede Wette, der Typ würde auf der Stelle den Wutbürger in sich entdecken.)

Ferner könnte man den armen, nur um unseren Bildungsstandort besorgten Mann damit trösten, dass in unserem, von Geistesgranaten wie ihm bevölkerten Superdeutschland auf absehbare Zeit niemand damit rechnen muss, von einem Menschen mit Down-Syndrom unterrichtet zu werden, sondern vorerst nur die buckligen, defizitären Spanier. Das alles und noch mehr könnte man tun. Muss man aber nicht. Haben schon andere getan, denn in den sozialen Netzwerken sah er sich bald dem ausgesetzt, was man einen Shitstorm nennt. Konnte er als Dozent für Medienproduktion auch wirklich nicht ahnen. Kann ja mal passieren.

Schön, Hartungs Äußerungen entsprechen in so ziemlich jeder Hinsicht dem, was für mich unter die Kategorie Verrohte Bürgerlichkeit fällt und mein Mitleid für ihn hält sich daher in Grenzen. Trotzdem mag ich diese Scheißestürme nicht, so verständlich zuweilen die Motivation erscheinen mag, sich daran zu beteiligen. Abgesehen davon, dass niemand dadurch irgendwie schlauer wird und meist bloß atavistisches Rudelverhalten sich austobt wie bei einer Schulhofkeilerei, geht einfach zu vieles verloren. Halten wir doch kurz inne und schauen wir noch einmal genauer hin:

"Was sagt uns das: Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu."

Kaum jemandem, weder den wackeren Fäkalinis noch jenem Kommentarpöbel, der Hartung im Zentralorgan der deutschen Gegenaufklärung eifrig für seine mutige Tat applaudiert hat, scheint die luzide Selbstironie aufgefallen zu sein, die in diesen Worten liegt. Lässt sich das doch auch problemlos auf jene unterhaltsame kleine politische Veranstaltung übertragen, der er angehört.

Auch dass er als Journalistikdozent, als homme de lettres also, selbst einfachere Interpunktionsregeln nicht beherrscht bzw. nicht beherrschen will (eine rhetorische Frage wie "Was sagt uns das?" wird meines Wissens nach mit einem Fragezeichen versehen, nicht mit einem Doppelpunkt), das zeugt doch von einem eher entspannten Verhältnis zu eigenen Fehlern und Schwächen, oder?

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P.S.: Ich weiß, dass im Deutschen die wörtliche Rede mit Anführungsstrichen unten als eingeleitet und mit Anführungsstrichen oben als beendet gekennzeichnet wird. Leider lässt der Google-Editor, wie die alten Schreibmaschinen früher, nur die angelsächsische Variante zu.



Kommentare :

  1. Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur sagen, dass die Gesellschaft wieder intolleranter wird. Ich bin Stotterer Jahrgang 1963. Aus der Schulzeit könnte ich wirklich böse Geschichten erzählen. Uni und Berufsstart waren aber kein Problem. Ich habe auf der Uni als studentische Hilfskraft gearbeitet und sogar Übungen abgehalten. Trotz Bedenken hat man es einfach ausprobiert. Die Studenten wurden gefragt, ob sie damit klarkommen. Es gab Antworten wie "ob man stottert oder einen schwäbischen Akzent hat, das ist doch egal". Im Job hat es die ersten Jahren ebenfalls niemanden interessiert. Ich wurde an Kunden vermittelt und wurde nie abgelehnt, ich habe Mitarbeiterschulungen gemacht, etc.
    Heute ist alles wieder ganz anders. Inzwischen höre ich mir von Vorgesetzten an, dass man mich der Kundschaft nicht zumuten kann. Bestätigt wird das auch noch von "Freuden und Bekannten", die mittlerweile wieder der Meinung sind, dass ich für Publikumsverkehr ungeeignet bin.
    Ich sehne mich nach den 80er und 90er Jahren zurück.

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    1. Ich glaube, Fassade wird in den letzten Jahren immer wichtiger. Alles muss bis ins Letzte durchgestylt und optimiert sein, gut aussehen, toll klingen, die jeweilige Corporate Identity perfekt abbilden. Macken egal welcher Art passen da nicht rein. Tatsächliche Befähigung wird zunehmend zweitrangig, hauptsache die Fassade stimmt.

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  2. Oh Scheiße, was für ein Griff in die Gülle!

    Wollt ihr von jemanden 'belehrt' werden, der weniger weiß als ihr?
    Woher weiß denn der Herr Hartung, was Pablo Pineda so alles weiß? Der hat immerhin einen akademischen Abschluss, und den wird er nicht ehrenhalber für seinen Film bekommen haben. Außerdem arbeitet Pineda seit Jahren teils in sehr sichtbaren Positionen, da wäre es bestimmt aufgefallen, wenn er zu blöd für die Jobs wäre.

    Ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab, in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen
    Herr Hartung ist Fachmann für Lehrerqualifikation? Kann ein Dozent für Medienproduktion wirklich beurteilen, wer zum Lehrer befähigt ist und wer nicht? Und dass Pineda seine Befähigung nicht nur durch Bestehen der Abschlussprüfungen seiner Universität unter Beweis gestellt hat, sondern das im Alltag als Lehrer wohl täglich neu zeigt, übergeht man am besten großzügig.

    und gebe kund, dass ich als Nichtbehinderter von einem solchen nicht unterrichtet werden möchte.
    Tja nun, das ist Geschmackssache. Wer will schon von einem sabbernden, lallenden Idioten unterrichtet werden, der mit Mühe links und rechts auseinanderhält, nicht wahr, Herr Hartung? ("Idiot" war bis vor ein paar Jahrzehnten übrigens der Fachausdruck für geistig Behinderte.) Wir wissen ja alle, wie diese Mongos so drauf sind, nicht wahr, Herr Hartung?

    Ich finde es immer gut, wenn Politiker ihre Meinung so richtig glasklar in die Welt blasen. Dann weiß man wenigstens, woran man ist. Nicht, dass ich am Überlegen gewesen wäre, ob die Alternative wählbar ist. Spätestens jetzt wären die Überlegungen zuende gewesen. Vielen Dank, Herr Hartung, für die offenen Worte.

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    1. Ich sollte daran erinnern, dass der gute Mann von Haus aus Diplom-Pädagoge ist. Man darf wohl spekulieren, womit der das Studium so rumgebracht hat.
      @Anonym, 21:56h: Diese Beobachtungen kann ich auch als weitgehend nicht Betroffener nur bestätigen. Besonders hart, wenn die 'Freunde und Bekannten' nach voll auf diese oberflächliche Linie einschwenken...

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    2. Ok, den Satz meines Kommentars muss ich also zurücknehmen Dann redet er wenigstens über etwas, über das er formal einigermaßen bescheidweiß. Dabei kennt er Pineda selbst wohl nicht und pauschalisiert unzulässig. Schon das ist peinlich. Und das entkräftet nicht die Beobachtung, dass Pineda als Lehrer offensichtlich funktioniert. Unterm Strich bleibt es ein Griff in die Jauchegrube.

      Und von wegen der wachsenden Intoleranz: Da spielt sicher auch die Neigung mit, auf der richtigen Seite stehen zu wollen; sich selbst nicht dadurch ausgrenzen zu wollen, dass man sich mit den Falschen solidarisiert; die Probleme anderer Leute die Probleme anderer Leute sein zu lassen. Schade, dass es sich in diese Richtung entwickelt. Solche Tendenzen zur Entsolidarisierung sind aber in allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu beobachten.

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    3. "Hartungs Äußerungen entsprechen in so ziemlich jeder Hinsicht dem, was für mich unter die Kategorie Verrohte Bürgerlichkeit fällt"

      Sehe ich auch so. Dabei lassen wir kein soziales Feld aus und offensichtlich gibt es kein Halten mehr. Kann mich an Zeiten erinnern, da wäre ein virtueller Shitstorm das geringste Problem ob solcher in der Öffentlichkeit gemachten Äußerungen dieses Politikers gewesen. Was passiert denn in der Regel nach einem Shitstrom? Richtig, nichts bzw. wird u.U. einfach ein Gegen-Shitstrom imitiert. Das verläuft sich doch in der virtuellen Welt.

      Alles Symptome einer Wiederauflage von verrohter Bürgerlichkeit, deren Verrohungsgrad bekanntlich grenzenlos werden kann. Hier ein Artikel dazu auf Telepolis: http://www.heise.de/tp/artikel/40/40798/1.html

      Wir werden in Zukunft mehr und mehr davon zu hören bekommen. M.E. ist dieser Entwicklungsprozess nicht mehr aufzuhalten, wenn er einmal erfolgreich in Gang gesetzt wurde. Höchstwahrscheinlich wird der Bogen überspannt werden, in Blut und Elend münden, bevor ein erneutes Umdenken in greifbare Nähe rückt. Wir können doch heute schon wieder Fromms anschauliches Werk: "Anatomie der menschlichen Destruktivität" wieder als aktuell hervor kramen.

      Hier hat bspw. Holdger Platta auf Fromm zurückgegriffen, im Bezug darauf, wie die rohen Bürgerlichen in ihrer Verehrung von Tod und Leid ihre Gegner einfach pathologisieren.

      Verrohung ist kein ungewöhnlicher Prozess in Krisenzeiten. Doch eigentlich bin ich davon ausgegangen, Menschheit hätte in der Zwischenzeit etwas dazugelernt. Zumindest in solchen Regionen, wo sich schon infolge besserer Zeiten mannigfaltig Gelegenheit dafür geboten hat.

      Aber mittlerweile beginne ich daran ernsthaft zu zweifeln und überlege, ob ein Don M. Tingly (beim Duderich anlässlich eines Artikels über die Äußerungen unseres BP ) nicht doch am Ende Recht behält (wenngleich ich das nicht auf Deutschland bzw. die Deutschen begrenzen würde, eher als ein globales Problem sehe):

      " trifft leider genau den ton, den die deutschen nunmal so gern hören: schmerzlos, hirnlos, bodenlos"

      Als Humanist, der die These vertritt, die Menschheit hätte enorme soziale und kulturelle Entwicklungsmöglichkeiten, fällt es mir in diesen Zeiten immer schwerer meinen Standpunkt zu verteidigen (auch vor mir selbst).

      Es ist jetzt schon unerträglich, zumindest empfinde ich das so. Ob Gauck, Oppermann oder Hartung .. wie sie alle heißen .... Jeden Tag aufs Neue reißt mindestens einer (eigentlich ein Konsortium im Dauerfeuer) dieser verrohten Bürgerlichen die Luke auf und entlädt seine innere Brühe auf das Volk. Und mir stehen eindeutig zu viele mit aufgerissen Münder davor, die die Flüssigkeit bereitwillig schlucken, es für Milch und Honig halten.

      In der Tat, da mag man sich nach vergangenen Zeiten sehnen ... Wenn auch dort nicht alles in Butter war und es sich letztlich doch nur um eine ziemlich kurze Zeitspanne - entstanden durch einen Schockzustand - gehandelt haben mag. Also mehr oberflächlich als Fassade, denn als gesetzte und verinnerlichte Sozialkultur.

      Wahrscheinlich sind wird längst in eine Phase eingetreten, in man sich schon befreit fühlt, solche Fassaden mehr und mehr abzustreifen ("endlich spricht es mal wieder jemand aus ... "), nicht mehr aufrecht halten zu müssen. Je roher und je hirnloser, desto mehr Zuspruch.

      Gehe davon aus, uns steht eine Zeit bevor, in der die verrohten bürgerlichen Volksteile ihren rohen, lauten und tumben Bürgerlichen wieder vermehrt zustreben und das werden Massen sein. Jene, die sich dagegen stellen, werden wie dazumal einfach von der Masse überrannt werden ... Wir lernen es halt nicht ... wir wollen es offensichtlich nicht lernen.

      Gruss
      Rosi

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  3. In meiner Berufsschulzeit gab es einen nicht behinderten Lehrer, der weniger wusste als die Schüler. und Nu,Herr Hartung?einem Lehrer aufgrund einer Behinderung pauschal die Befähigung abzusprechen,halte ich für einen sozialdarwinistischen Ansatz.Und beklagen die sich noch,das sie in die Rechte Ecke gestellt werden.Im Gegenteil,das tun sie mit solchen Äußerungen schon ganz allein. Ich schließe mich hier gnaddrig an ,ein absoluter Griff ins Klo und ein sehr gutes Argument nicht AFD zu wählen.

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