Mittwoch, 4. Juni 2014

Venedig sehen - nö!


Die Urlaubszeit dräut mal wieder, aber unabhängig von meinen finanziellen Möglichkeiten, steht für mich eines fest: Nach Venedig will ich nicht. Stimmt eigentlich nicht ganz, denn neugierig bin ich schon. Soll ja eine sehr schöne Stadt sein. Eine der schönsten überhaupt, sagt man. La Serenissima, Venedig sehen und sterben und so. Gut, das ist Geschmackssache, Mehrheitsmeinung. Außerdem würde ich gern noch ein wenig weiter leben. Aber was man so auf Bildern sehen kann, sieht schon recht reizvoll aus. Trotzdem mag ich nicht hin. Unter anderem, weil die Venezianer mir leid tun. Und weil ich im Urlaub besseres zu tun habe als mich durch Menschenmassen zu quälen.

Für eine Großstadt, eine Metropole gar, sind Touristenhorden zwar nervig, aber zu verschmerzen. Das verläuft sich irgendwie. Das historische Zentrum Venedigs aber ist eine Kleinstadt mit gerade mal 60.000 Einwohnern. Das wird Tag für Tag von zigtausend Touristen heimgesucht. 30 Millionen waren es 2011. 1.700 Kreuzfahrtschiffe haben 2012 in der Lagunenstadt angelegt. Die meisten Touristen bleiben daher nur kurz. Die schweren Lustkreuzer löschen ihre Menschenfracht am Kai, die wird durch einen Kurzrundgang gehetzt, bekommt ein Stündchen Zeit zum Souvenirs kaufen, isst vielleicht noch was zum Mittag und dann geht’s schon wieder zurück an Bord, die nächste Destination zu behelligen.

Aber man muss doch auch an den Wohlstand denken, den die ganzen Touristen in die Stadt bringen, heißt es gern. Bullshit. Diese Art Tourismus bringt niemandem Wohlstand oder gar Reichtum, außer den Reedern und einer Handvoll skrupelloser Gierlappen. Ramschhändler zum Beispiel, die ihre überteuerten Hässlichkeiten an naive Städteabklapperer verticken. Oder als Gastronomen sich tarnende Nepperschlepperbauernfänger, die einen Deal mit den Kreuzfahrtlinien haben. Die lotsen ihnen jene Kohorten ins Haus, denen sie dann ohne rot zu werden 9 Euro für einen lumpigen Cappuccino und 13 Euro für ein Croissant mit Schinken auf den Bon schreiben (und noch Trinkgeld erwarten). Die paar Superreichen, die vielleicht ein Luxusappartement am Ort besitzen, machen den Kohl mit ihren paar Tagen Aufenthalt im Jahr auch nicht fett.

Nun kann man sagen, hey, Venedig ist eben ein begehrtes Reiseziel, es gilt schließlich das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Außerdem: Willst du den Leuten etwa ihr sauer verdientes Urlaubsvergnügen nehmen? Natürlich will ich niemandem vorschreiben, was gefälligst toll zu finden ist oder nicht, und wegnehmen will ich erst recht niemandem was. Wer es für die Erfüllung seiner Träume hält, auf so einem Spaßkahn von Hafen zu Hafen geschippert zu werden, ein straffes Anguckprogramm abzuspulen und Wegelagerern astronomische Summen in den Rachen zu werfen, soll das eben so halten. Ist nicht mein Fall, so was, genau so wenig wie Ballermann und Après Ski, aber bitte sehr. Nur sollen, die, die das wollen, eben auch für die Kosten geradestehen, die sie verursachen. Denn die Erträge, die die Kreuzfahrtindustrie in die Stadt bringt, stehen in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den sie anrichtet.

Sicher, der alltägliche Almauftrieb der Touri-Heuschrecken ist lästig. Auch dass die hochhaushohen Monsterpötte Anwohnern durch den Vorgarten schippern, ist sicher ähnlich angenehm wie in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens zu wohnen. Das ist aber gar nicht so sehr das Problem. Das Problem sind die Schäden, die die Riesenschiffe durch ihre Wasserverdrängung am eh schon fragilen Unterbau Venedigs anrichten, plus der Luft- und Wasserverschmutzung. Die Kosten dafür, sie bleiben, natürlich, größtenteils bei der Allgemeinheit hängen. Auch so lassen sich Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren.

Sicher, unter all den Kurztouristen käme es auf mich auch nicht mehr an. Trotzdem, meins ist das alles nicht und ich bleibe vorerst weg. Wer weiß, vielleicht komme ich noch mal nach Venedig. Wenn's irgendwann ein wenig leerer geworden ist dort und es noch vorhanden sein sollte.



Kommentare :

  1. Besuchen Sie Venedig , solange es noch steht , oder wie war das?

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    1. Ja, das alte Motto - damals freilich eher wegen der Sorge vor einem dritten Weltkrieg...

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  2. Mit (Aas-) Geiern hats auch was zu tun...

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  3. Hmm, vielleicht ein wenig geschmacklos. Aber mach doch Urlaub auf ner Hallig inner Nordsee. Wenn du Pech-Glück oder Glück-Pech hast, kriegst du ab Windstärke 11 evl. beides mit. Ein Gefühl für Venedig, und eines für die Nordsee. Aber bei ruhigerem Wetter, ist das da noch nicht ganz so überlaufen.

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  4. Venedig sollte man besser in der Wintersaison besuchen. (Da wir die Weihnachtsfeiertage öfters in Klagenfurt verbringen, besuchen wir auch Venedig stets - Fahrzeit mit dem Auto sinds von dort aus gerade mal zweieinhalb Stunden) Venedig kann man nicht oft genug besuchen, es wird jedesmal etwas neues zu entdecken geben. Insbesondere reizvoll sind die Inseln in der Lagune - Murano, Burano, Torcello usw.
    »Venedig ist wie ein wunderschönes Mädchen mit einem ungewaschenen Hals.« hat einer mal gesagt.

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    1. Das ist natürlich eine Möglichkeit, wenn man mit der Gnade des entsprechenden Wohnortes gesegnet ist. In zweieinhalb Stunden komme ich von hier gerade einmal bis Frankfurt oder Bremen.
      @eb: Tja, wie soll es auf den Halligen auch überlaufen sein? Geht ja schon rein technisch nicht. Nordseeluft wäre aber mal wieder was...

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  5. Sicherlich hat Venedig eine Menge zu bieten. Schöne Architektur und Kulturveranstaltungen! Gute Wahl für eine fesselnde Urlaub.

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