Samstag, 12. Juli 2014

Die geplatzte Blase


Fußballbegeisterte sind sich uneins, an welchem Tag der brasilianische Fußball starb, der einmal der Goldstandard für die Welt war. Der 8. Juli 2014 war es jedenfalls nicht. Jener Abend, an dem eine respektabel und diszipliniert, keineswegs entfesselt auftretende deutsche Mannschaft, die nach einer halben Stunde selbst nicht mehr wusste, wie ihr geschah, die Seleção im heimischen Stadion in ihre Einzelteile zerlegte, war bloß der traurige Endpunkt eines langen Siechtums. Sterbehilfe, vielleicht gar Leichenfledderei. Der Niedergang hatte viel früher eingesetzt. Man kann streiten, wann genau. Für die einen am 5. Juli 1982, an dem Paolo Rossi im letzten Spiel der Zwischenrunde der besten Mannschaft aller Zeiten drei Tore verpasste. Für die anderen, zu denen ich mich zähle, am 21. Juni 1986.

An jenem Samstagnachmittag saßen mein Vater und ich im Wohnzimmer, kauten uns die Fingernägel ab und verfolgten gebannt, wie das magische Ensemble um Sócrates, Zico, Falcão, Júnior und Júlio César 120 Minuten lang gegen die clever mauernden Europameister aus Frankreich um Michel Platini, Alain Giresse, Manuel Amoros und Jean Tigana anrannte, antanzte und anzauberte.

Das Spiel war in der Mittagshitze um 12:00 Uhr Ortszeit angepfiffen worden. Die Franzosen waren bald stehend k.o. und wankten in der Höhenluft von Guadalajara bloß noch über den Platz. Aber der französische Torwart Joël Bats hatte den Tag seines Lebens erwischt und machte eine Hundertprozentige nach der anderen zunichte, darunter einen Foulelfmeter von Zico. Am Ende stand das ernüchterndste aller Ergebnisse: Im Elfmeterschießen versenkten die Franzosen einen mehr und Brasilien war mit nur einem einzigem Gegentor im gesamten Turnier ausgeschieden. Schnödes Kalkül hatte über Leidenschaft und Ästhetik gesiegt, so empfand ich es. Das traf mich als Heranwachsenden damals weit mehr als die Finalniederlage der deutschen Eisenfüße mit den Vokuhilas gegen die Argentinier eine Woche später.

Zwei Mal sind die Brasilianer seitdem noch Weltmeister geworden. 1994 im zweitlangweiligsten Finale aller Zeiten gegen Italien im Elfmeterschießen und 2002 gegen weitgehend überforderte deutsche Minimalisten, die zum allgemeinen Erstaunen der Fußballwelt irgendwie ins Endspiel gestolpert waren. Die Titelgewinne waren sicher schön und gut, lenkten aber auch davon ab, dass der brasilianische Fußball längst zum reinen Geschäftsmodell geworden war.

Bewusst hatte man 1950 das Maracana-Stadion in Rio genau auf der Grenze zwischen dem armen und dem reichen Teil der Stadt errichtet. Kreisrund, damit alle den gleichen Abstand zum Feld hatten und ausschließlich mit 120.000 sehr billigen Stehplätzen, damit möglichst viele sich den Eintritt leisten konnten, stand es für die Idee, dass Fußball für alle da sein sollte, unabhängig von Herkunft oder Finanzen. Arm und Reich sollten wenigstens für die Dauer des Spiels gleich wichtig sein und die Mannschaft anfeuern. Für die WM 2014 wurde das Stadion umgebaut und trägt nur noch den legendären Namen von einst. Jetzt gibt es 75.000 Sitzplätze, jede Menge VIP-Logen und der Eintritt ist für die meisten Einwohner des in Teilen nach wie vor bitter armen Rio de Janeiro ein Leben lang unbezahlbar.

Wie das Stadion, so die Mannschaft. Für den 2012 verstorbenen Sócrates, in vieler Hinsicht der Kopf der Mannschaft, sollte der brasilianische Fußball ein basisdemokratischer Gegenentwurf sein zum politisch vereinnahmten und kapitalistisch verwerteten Stargekicke in anderen Teilen der Welt. Nicht um Sieg oder Geld sollte es gehen beim joga bonito, sondern um Spielfreude, Schönheit und Eleganz. Eine Kunstform sollte es sein für jedermann, ein Gemeinschaftserlebnis und einendes Band der Solidarität.

Man kann das rührend idealistisch finden, lachhaft naiv, aber bis in die Achtziger hat es tatsächlich funktioniert und kaum ein Brasilianer spielte im Ausland. Danach ging es nur noch ums Geld, brasilianische Talente wurden zu Exportartikeln und Spekulationsobjekte, die Campeonato Brasileiro zum Menschenmarkt für europäische Talentscouts mit ihren dicken Schecks. Kann man machen, nur Illusionen sollte man sich dann eben auch nicht machen.

Die brasilianische Nationalmannschaft ist längst eine Art Allstar-Team europäischer Klubs, zu denen mittlerweile auch Adressen wie der VfL Wolfsburg zählen. Das fußballverrückte Volk ließ man im Glauben, es genüge, alle vier Jahre eine Auswahl zusammenzutrommeln, ihnen die ruhmreichen gelben Leibchen überzuziehen und alles würde sein wie früher. Die Krönung sollte die WM im eigenen Land sein. Sicher, viele ahnten vielleicht, was man da für eine durchschnittliche Mannschaft aufbot. So wurde der gerade 22jährige Neymar zum Heilsbringer stilisiert, der bis zum Viertelfinale den turmhohen Erwartungen sogar gerecht werden konnte. Als er dann ausfiel, klammerte man sich an den Glauben, sein Geist, die Historie und der Mythos Seleção würden es schon richten.

Letzten Dienstag trafen die zur Riesenblase angewachsenen Erwartungen der brasilianischen Fans mit der nüchternen Realität zusammen. Es brauchte nur elf Minuten, einen trockenen Volleyschuss von Thomas Müller nach einer sauber gezirkelten Ecke von Toni Kroos, um der Blase komplett die Luft herauszulassen.

Anders ist es nicht zu erklären, dass eine Mannschaft, die zwar durch Ausfälle geschwächt war und sicher nicht die Creme de la Creme, aber doch aus elf einigermaßen gestandenen Profis bestand, derart auseinanderfallen konnte. Ein 0:1 wirft normalerweise keinen halbwegs erfahrenen Fußballer aus den Socken, wenn noch achtzig Minuten zu spielen sind. Anders sind auch die herzzerreißenden, zerstörten Gesichter vieler brasilianischer Fans nicht zu erklären, die nicht nur eine Niederlage hinnehmen mussten. Ihre Welt schien untergegangen.

Ich schaute das Spiel in einem Gemeindezentrum auf Großleinwand. Seltsame Erfahrung, nie erlebt so was. Ab dem 3:0 war mir und etlichen anderen nicht mehr nach jubeln zumute. Gehört sich nicht auf einer Beerdigung. Auch der deutschen Mannschaft schien das so zu gehen. Wenn ich mir ein Fußballspiel ansehe, dann möchte ich, allem Kommerz zum Trotze, sportlichen Wettkampf sehen und nicht dabei zuschauen müssen, wie eine Meute an die Gleise geketteter Hundewelpen von einem schweren Güterzug überrollt wird. Nie zuvor waren Fußballfans leichter von nationalistischen Partymachern zu unterscheiden. Die ersteren guckten verdattert aus der Wäsche, die letzteren grölten enthemmt und schwenkten selbstbesoffen Fähnchen.

Man nenne mich meinethalben einen hoffnungslosen Romantiker und unverbesserlichen Optimisten, aber vielleicht hatte diese Klatsche am Ende etwas Gutes. Wenn der Abend von Belo Horizonte dazu führt, dass man im brasilianischen Fußball aufhört, sich als bloßen Talentpool für reiche Neokolonialherren zu begreifen und sich wieder mehr auf die alten Ideale besinnt, auf das, was das joga bonito einmal war und was es im 21. Jahrhundert sein könnte, es vielleicht neu erfindet, dann wäre das ein Gewinn für die Fußballwelt und für alle, die diesen Sport lieben.

Über all dem soll natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass die deutsche Mannschaft wirklich sehr gut gespielt hat und jetzt völlig zu Recht Favorit auf den Titel ist, der auch verdient wäre. Erst recht, wenn man das endlose zwei Stunden währende, schandbar öde Sicherheitsgekicke zwischen Argentinien und Holland im zweiten Halbfinale erduldet hat. Und sollte ich Herrn Löw, mit dem ich nach der letzten Europameisterschaft hier hart ins Gericht gegangen bin und der offensichtlich dazugelernt hat, jemals in Person begegnen, dann gebe ich ihm ein Sixpack Bitburger 0,0 aus, Weltmeister oder nicht.


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