Sonntag, 20. Juli 2014

Schranke hoch!


Meine örtliche Lokalzeitung, bei der ich gelegentlich mal online reinschaue, hat jetzt eine Bezahlschranke. Zehn Artikel im Monat kann man gratis lesen. Also jeden dritten Tag im Monat einen. Wow! Wer sich kostenlos registriert, bekommt noch fünf weitere oben drauf, kann also jeden zweiten Tag im Monat einen Artikel umsonst lesen. Doppelwow! Ab fünfzehn ist dann Schluss mit free lunch, mehr gibt’s nur noch für Abonnenten. Das war es wohl. Es hilft nichts, die Zeit der gedruckten Zeitung, des klassischen Zeitungshauses, neigt sich dem Ende. Es wird ein langsamer, schmerzvoller Niedergang werden und keiner weiß, was danach kommt. Ich freue mich nicht darüber. Aber es ist so. Ihnen fällt bloß ein, die Zeit zurückzudrehen, und das wird nicht funktionieren.

Dabei hatten sie es so geschickt angestellt, dachten sie. Haben auf großzügig gemacht, einen netten Internetauftritt gebaut. Schön umsonst für alle, jahrelang. Teilhabe und so. Dann eine überarbeitete Seite und ohne Vorankündigung - zack! Du hast deine zehn Artikel gehabt, Fremder, jetzt kauf ein Abo oder stirb. Wirst schon sehen, wie wir dir fehlen werden.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich will gar nicht alles immer umsonst haben. Aber man sollte zur Kenntnis nehmen, wie das Leseverhalten hat sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren verändert hat. Hatte man früher eine Lokalzeitung oder eine überregionale Tageszeitung abonniert, dazu vielleicht den SPIEGEL, den 'Stern' oder die ZEIT, dann kostete das in etwa so viel wie heute Internetanschluss und Handyvertrag. Heute sind die meisten es gewohnt, alle möglichen Zeitungen online lesen zu können. Die alle zu abonnieren, würde locker mehrere hundert Euro im Monat kosten. Für die meisten Normalverdiener komplett illusorisch.

Die meisten Menschen haben heute deutlich weniger Geld zur Verfügung als vor zehn, zwanzig Jahren. Woran wird als erstes gespart? An Dingen, die einem verzichtbar erscheinen. Das Auto wird noch zwei weitere Jahre behalten. Die Urlaubsreise ist nur noch eine Woche lang statt drei. Man geht seltener ins Restaurant. Man fragt sich, ob es wirklich so nötig ist, jeden Morgen das lokale Blättchen im Briefkasten zu haben oder ob das bloß eine alte Gewohnheit ist, wenn das Tablet auf dem Frühstückstisch liegt.

Zumal sich durch die Online-Medienwelten auch der Horizont vieler Leser vergrößert hat. Menschen, die das früher nie getan hätten, lesen jetzt überregionale Zeitungen. Ein paar Zeilen Kommentar, eine bunte Bilderstrecke vom Stadtteilfest, ein schlecht gemachtes Foto vom Jubiläum des Kleingartenvereins (Fotografen sind ja weitgehend eingespart) und ein paar Schwänke aus dem Leben des örtlichen Redakteurs sind da eher minder sensationell.

Sicher, ein paar Blätter werden irgendwie übrig bleiben. Weil sie schlau waren, sich schmerzlichen Einsichten gestellt haben. Weil sie rechtzeitig damit angefangen haben, sich weitere Standbeine zu schaffen. Weil sie eine gemeinnützige Stiftung im Rücken haben und keine Gewinnmaximierung für ihre Shareholder betreiben müssen. Weil sie überhaupt eher gemeinnützig orientiert sind. Weil sie früher als andere begriffen haben, dass man Problemen des 21. Jahrhunderts nicht mit Lösungen des 20. Jahrhunderts beikommt. Weil sie intelligente Bezahlmodelle entwickelt haben, die dem veränderten Medienkonsum Rechnung tragen, anstatt einfach zu glauben, man müsse nur die Schranke hochziehen und die Kralle aufhalten. Oder die Zeitungsboten vom Mindestlohn ausnehmen.

Der größte Fehler, den man machen kann, ist es, sich für unverzichtbar zu halten. Zu glauben, es wird schon nichts passieren, das geht wieder vorbei. Uns wird es immer geben. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich komme seit Ewigkeiten bestens ohne Lokalzeitung über die Runden. Ist eine da, schaue ich mal rein, ist keine da, dann eben nicht. Passiert irgendetwas wichtiges in der Stadt, dann kriege ich das auch so mit. Ehrungen von Vereinsjubilaren, Besuche des Bürgermeisters und per Leserbrief ausgetragene Privatfehden von Leuten mit zu viel Tagesfreizeit sind mir egal. War übrigens auch zu Papierzeiten schon so. 20, 30 Mark bzw. jetzt knapp 30 Euro im Monat zu zahlen für ein Produkt, in dem kaum etwas Weltbewegendes steht, das ich nach einer Viertelstunde ausgelesen habe und das dann ins Altpapier wandert, erschien mir schon immer Wahnsinn.

Tut mir leid, liebe Lokalzeitungen, auch ihr werdet eingehen wie die Pferdedroschken nach der Erfindung des Verbrennungsmotors. Wie Telegramme, Videotheken, Plattenläden und leider wohl auch Buchläden. Vielleicht werdet ihr wie Vinylplatten zum Nischenprodukt werden für ein paar hippe Nostalgiker und Senioren. Nicht, dass ich euch Schlechtes wünschte, ich bin nicht schadenfroh. Es tut mir leid, wenn Journalisten ihre Jobs verlieren oder nur noch bessere Taschengelder als Honorare bekommen. Mir fehlt nur jedes Mitleid ob so viel Borniertheit. Alle Erfahrung zeigt, dass man durch technische Entwicklungen verursachte Umwälzungen nicht aufhalten kann. Man kann nur versuchen, irgendwie damit umzugehen und das Beste daraus machen.


Kommentare :

  1. Eigentlich wäre die Lösung recht einfach und müsste nicht einmal von marktstrategischer Raffinesse getrieben sein.

    Man gibt bspw. dem sog. schriftlichen "Bildungsauftrag" ein Stück von den öffentlichen Gebühren ab. Immerhin transportieren sie sich (mittlerweile) über das selbe Medium. Alternativ böte sich auch an, eine spezielle Abgabe der Provider zu überdenken. Denn ohne dass das www mit Inhalten gefüllt würde verlöre es ebenso an Bedeutung.

    Wäre m.E. nur gerecht. Mit der Begründung einen Internetanschluss zu haben, werden grundsätzlich die Gebühren auferlegt. Gehe dabei allerdings davon aus, dass sich nicht der TV-Konsum (der m.E. an sich mehr und mehr an Bedeutung verliert) über das Internet gesteigert hat, sondern eben der Zugang zu den Zeitungsmedien. Nur ausgerechnet jene profitieren überhaupt nicht davon.

    Und wie Du richtig ausgeführt hast, werden sie das auch nicht, in dem sie eigene Bezahl-Sperren einbauen.

    Man liest, was frei ist. Bezahlt hat man für das Medium quasi im Vorfeld, ein Kostenlos-Gefühl stellt sich nicht ein. In etwa so, als sei der Briefkasten zu bezahlen, egal was man herausholt, selbst irrelevant, ob man ihn überhaupt öffnet. Kostenlos ist gar nichts, das sieht nur auf den ersten Blick so aus.

    Gruss
    Rosi

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  2. Wenn diese "Bezahlschranke" so stümperhaft wie bei WELT.de funktioniert lässt sie sich aber einfach umgehen. Dort speichert ein Cookie wie viele Artikel Du gelesen hast und wenn Du im Monat 20 Artikel voll hast wird beim Aufruf jedes weiteren Artikels die Bezahlschranke eingeblendet.

    Sobald Du den Cookie löscht kannst Du wieder von Neuem 20 Artikel lesen ohne zu bezahlen. Ich vermute dass Deine Lokalzeitung ähnlich funktioniert.

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    1. Danke für den Tipp, war ich noch nicht drauf gekommen (und im Fall der 'Welt' vermisse ich nichts). Ich fürchte nur, so doof sind die nicht und werden's nicht dabei belassen. Als nächstes gibt es wohl ohne kostenlose Registrierung gar nichts mehr zu lesen. Klar, man kann mit Aliases arbeiten, aber die Richtung scheint klar...

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  3. Ein Nutzen von Lokalzeitungen hast Du noch übersehen: sie sind eine unerschöpfliche Quelle für schlechtes Deutsch. Man sollte ja meinen, dass die Sprache das Werkzeug eines Journalisten ist und dass man als Profi sein Werkzeug zu beherrschen habe. Aber nö! Meine Lokalzeitung schrieb letztens anlässlich des Gaza-Krieges: "Die Spirale der Gewalt ist in den Nahen Osten zurückgekehrt." Es hätte schon gereicht, wenn nur die Gewalt in den Nahen Osten zurückgekehrt wäre, aber nein, es musste die ganze Gewaltspirale sein. Genausowenig wie es bei Journalisten und Politikern ein einfacher "Sprung" sein darf. Nein, es muss schon ein "Quantensprung" sein, darunter machts heutzutage niemand mehr.

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