Dienstag, 22. Juli 2014

Wo der Spaß mal aufhört


Ich habe einen Hals, und zwar von hier bis Wattenscheid. Kollegen haben bereits darauf hingewiesen. Was mittlerweile an so genannter 'Israelkritik' auf die Straßen getragen wird, überschreitet jegliches Maß. Ich möchte diese Parolen aus Geschmacksgründen hier nicht wiederholen, daher beschränke ich mich aufs Verlinken. Mal ehrlich, was hat das noch mit selbstverständlich legitimer Kritik an der Politik Israels zu tun? Was hat das überhaupt mit Kritik zu tun? Entschuldigung, so was sind keine politischen Positionen, sondern schlicht Volksverhetzung.

Wenn das jetzt legitimer politischer Diskurs sein soll, wenn das jetzt salonfähig ist und achselzuckend unter Meinungsfreiheit abgebucht wird und nicht unter Beleidigung und Volksverhetzung, dann können wir die gesamten letzten knapp siebzig Jahre Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Entrechtung, Demütigung, Verfolgung von Juden und natürlich auch der Shoah in die Tonne treten, denn dann war alles umsonst.

Allein, ich weigere mich, das zu glauben. Noch.

Wenn es nicht so traurig wäre, dann müsste man eigentlich laut lachen. Exakt das Pack, das uns jahrelang unter anderem den Islamismus als größte aller Bedrohungen des christlichen Abendlandes als Popanz unter die Nase gehalten und Ängste geschürt hat, exakt dieses Pack hat nun keinerlei Probleme damit, in der Pose des heldenhaften Verteidigers des palästinensischen Volkes sein antisemitisches Süppchen zu kochen. Jawohl, natürlich ist das Antisemitismus und keine Politisch Korrekte Nazikeule. Wenn ein Transparent mit der Aufschrift "Hamas, Hamas, Juden ins Gas!" nicht antisemitisch ist, was bitteschön ist dann antisemitisch?

Was war ich aber auch ein Idiot, mein ganzes Leben lang! Die Wahrheit lag ja vor mir, doch ich war unfähig, sie zu sehen. Weil ich vermutlich falsch sozialisiert wurde. Mir ein Schuldkomplex eingeimpft wurde. Es mag Zufall sein, dass ich binnen fünf Tagen gleich von zwei Leuten unabhängig voneinander über die wahren Verhältnisse auf der Welt ins Bild gesetzt worden bin. Sie meinten, diese Welt werde von Juden regiert, so sei das, Punkt. (Ich sollte erwähnen, dass ich antisemitische oder gar rechtsradikale Kreisen hasse wie die Pest und einen Riesenbogen darum mache.) Tja, auch so was darf man im Deutschland des Jahres 2014 unwidersprochen sagen - so viel zum Thema Meinungsdiktatur.

Die das sagten, waren übrigens beides keine Nazis, zumindest so weit ich weiß, sondern mehr oder minder normale Leute. Einer hatte Migrationshintergrund. Ich muss gestehen, dass ich nicht dagegen gehalten habe. Feigheit? Ich weiß nicht. Ich hatte nur immer gedacht, es bringt nichts, mit Erleuchteten, Fanatikern und allen anderen, die sich irgendwie ein geschlossenes Weltbild gezimmert haben, groß herumzudiskutieren. Gibt nur Stress und das Ergebnis ist gleich null, immer. Das war, bevor ich von den Demos erfahren habe. Das wird jetzt anders.

Sollte mir noch jemand mit so einem Spruch kommen, dann werde ich sagen: "Sorry, das ist Antisemitismus und es ist mir komplett egal, ob du das jetzt ungerecht findest oder nicht. Das ist dein Problem. Und hiermit ist unsere Diskussion beendet, ich habe meinen Standpunkt klar gemacht und habe keinen Bock und sehe auch absolut keinen Sinn darin, mir hier den Mund fusselig zu reden über Undiskutables. War sonst noch was?" Wegdrehen und fertig. Das ist keine große Sache, es macht mich weder zu einem Helden noch zu einem Widerstandskämpfer, aber vielleicht muss man manchmal einfach klare Kante zeigen, auch im Kleinen.

Denn die paar Vollpfosten, die da Naziparolen Gassi geführt haben, sind zwar schlimm, aber nicht das größte Problem. Das Problem ist ein sattes, zu Tode abgeklärtes, postdemokratisches Spießbürgertum, dem auf nonchalante Weise irgendwie alles fad geworden ist. Das Werte voll out findet und noch beim plumpsten, infamsten NS-Gezeter meint, man selbst sei ja nicht so einer, aber so ganz unrecht hätten sie ja nicht. Und die Juden seien ja auch ein bisschen selbst schuld. Überhaupt seien die wahren Nazis ja wohl diese Gutmenschen. Und die, die alle schwul machen und allen diese widernatürliche gendergerechte Sprache aufzwingen wollen.

Wirklich gefährlich wird es nämlich, wenn Halbbildung auf Denkfaulheit und gelangweilte Ignoranz trifft. Wenn Leute einfach keinen Bock mehr haben, sich mit der nervigen Vergangenheit auseinanderzusetzen, überhaupt der Zumutungen der modernen Welt müde sind.

Das Problem sind die, die nicht mehr ewig tolerieren, differenzieren, reflektieren, gendern, Fürs und Widers abwägen, gar streiten wollen. Die Schlussstriche ziehen wollen. Die es so gern wieder einfach hätten. Normal eben. Die sich in idealisierte Vergangenheiten flüchten oder ins vermeintlich idyllische Landleben. Oder in ein Früher, in dem Frauen sich noch mitmeinen ließen, in dem man noch nach Herzenslust unsensibel und homophob sein konnte und man nicht für jedes 'Kümmeltürke' oder 'Kanake' gleich einen drauf kriegte.

Eigentlich müsste hier ein zündender Schlusssatz kommen. Der alles noch mal abrundet. Den Haken drunter macht. Ist mir aber nicht nach. Ich habe meinen Standpunkt hoffentlich klar gemacht, das muss reichen.



Kommentare :

  1. Allein, ich weigere mich, das zu glauben. Noch.

    Jep, ich auch. Sonst wären Artikel wie dieser (oder meiner) sinnlos und man müsste sich nach einem großen Koffer umsehen.

    Das ist keine große Sache, es macht mich weder zu einem Helden noch zu einem Widerstandskämpfer, aber vielleicht muss man manchmal einfach klare Kante zeigen, auch im Kleinen.

    Das sehe ich genauso. Die ganz großen Räder drehen wir beide sicher nicht, aber wir können wenigstens im Kleinen klare Kante zeigen. Und ich bin überzeugt, dass das einen Unterschied macht. Vielleicht nicht so wie der berühmte Schmetterling im brasilianischen Regenwald, aber, wie es so schön heißt: Kleinvieh macht auch Mist.

    Und wenn die einzige Wirkung ist, dass ein öffentlich wahrnehmbares Gegengewicht zu den Hetzern und Schlägern entsteht. Dass nicht der Eindruck entsteht, es interessiert wieder fast niemanden, wenn Juden verfolgt werden. Dass vor allem die Juden in Deutschland und anderswo sehen, dass sie nicht ganz allein einer bestenfalls desinteressierten, wahrscheinlich aber feindseligen Öffentlichkeit gegenüberstehen, sondern dass es Mitbürger gibt, die sich für sie einsetzen. Je mehr den Mund aufmachen, desto besser. Das ist wie ein Mosaik, Steinchen für Steinchen entsteht das Bild.

    Letztlich ist das ein Einsatz für Anstand und Rechtsstaatlichkeit. Denn wenn man den Mob heute Juden hetzen lässt, sind morgen die Schwulen dran, dann Schwarze, dann Sinti und Roma, Zeugen Jehovahs, Kranke usw. Das Muster ist sattsam bekannt. Sie greifen den kleinen Finger, und ehe man es sich versieht, haben sie den Arm bis über den Ellenbogen.

    Und soweit darf es auf keinen Fall kommen. Ich brauche jedenfalls auch meine kleinen Finger!


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  2. Mir geht es ganz genau so. Ich wähle eigentlich die linke und dann rennen die Dumpfbacken Seit an Seit mit Stadtbekannten Nazis durch Dortmund. Auf Twitter folge ich dem Kowalewski, den ich dummerweise meine Stimme gegeben habe und was macht der Wichser? Postet einen Anti Israel link nach dem anderen. Auf Rückfragen antwortet der Penner nicht. Meine Ausdrucksweise bitte ich nicht zu entschuldigen weil solche Penner kotzen mich an und ich nenne das Kind gerne beim Namen.
    Schöne Grüße
    Martin

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