Samstag, 2. August 2014

Meine Suppe ess' ich nicht!


Was für seltsame Leute manche Menschen doch um sich haben. Zumindest, was das Essen angeht. Berlin zum Beispiel scheint inzwischen bevölkert zu sein von Mimosen und Suppenkaspern, die Gastgeber und Restaurantbetreiber reihenweise mit ihren diversen Pingeligkeiten in den Wahnsinn treiben. Die Tagesspiegel-Kolumnistin Julia Prosinger jedenfalls scheint dem Wahnsinn inzwischen recht nahe:

"Denn hier wird nichts mehr einfach so gegessen. Jeder Zusage zur Essenseinladung folgen genaue Instruktionen. Einer meiner Gäste lehnt Lauchgewächse ab, Zwiebeln oder Knoblauch, weil er schlechten Atem befürchtet. Der nächste ekelt sich vor dem Inneren von Gurken, wegen der glitschigen Konsistenz, noch schlimmer findet er nur das Innere von Tomaten. Pilze gehen gar nicht, und Koriander schmeckt nach Seife. Eine macht immer Diät. Eine andere ernährt sich jetzt Low Carb, sie lässt Kohlenhydrate weg und isst stattdessen Eiweiß, aber nur bio und regional.

Hinzu kommen die Unverträglichkeiten: Laktose, Gluten, Fruktose. Ich bin verzweifelt. Vegetarier sind mittlerweile die unkompliziertesten Gäste. Früher habe ich gern für Freunde gekocht. Inzwischen verstopfen 'Frei von'-Produkte und Agavendicksaft meinen Kühlschrank. Oder noch schlimmer: Jeder bringt sich seine Portion selbst mit. Es ist schwierig geworden, mit gutem Essen Freude zu stiften."


Wie schön, in der Provinz zu leben! Der einzige Fall einer Unverträglichkeit in meinem engeren Umfeld ist die Laktoseintoleranz meines Vaters. Daher wird bei Elterns zu Haus in der Regel laktosefrei gegessen, aber auf die Idee, einen Riesenaufstand darum zu machen, gar einem lieben Gastgeber damit auf den Wecker zu gehen, käme er im Leben nicht. Bekommt er irgendwo etwas vorgesetzt, das Milch oder Milchprodukte enthält, dann führt er sich das Enzym, das seine DNA leider nicht im Repertoire hat, halt von außen zu, indem er diskret eine Lactase-Tablette einwirft und das Thema ist erledigt.

Es ist die eine Sache, sich etwas aus gutem Essen zu machen, eine andere ist es hingegen, einen ausgewachsenen Fetisch daraus zu machen. Ich bin weiß Gott kein Anhänger des preußischen Zwangsprinzips, es werde gefälligst gegessen, was auf den Tisch kommt. Auch bin ich der Letzte, der nicht Rücksicht nähme, wenn mir bekannt ist, das bestimmte Gäste bestimmte Dinge nicht vertragen oder sie ums Verrecken nicht mögen. Einem Vegetarier beispielsweise Fleisch unterzujubeln oder einem gläubigen Muslim Schweinefleisch, wäre für mich die maximale Respektlosigkeit. Nein, einem guten Gastgeber ist es um das Wohl seiner Gäste bestellt, er sorgt dafür, dass möglichst alle glücklich und satt heimgehen und macht ansonsten kein großes Gewese darum. Das mit dem Gewese sollte aber auch für Gäste gelten.

Was sind das für Leute, die in Restaurants gehen, von denen sie wissen, dass sie das meiste auf der Karte nicht vertragen? Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ausreden wie die, man habe doch vorher keine Ahnung gehabt, in Zeiten des Internet kaum noch gelten. Gibt es ihnen vielleicht ein besonderes Gefühl von Wichtigkeit, den Kellner erst einmal über die diversen am Tisch versammelten Unverträglichkeiten zu informieren, vielleicht gar auf einer Extrawurst zu bestehen? Oder müssen solche Leute auch einfach nur mal erwachsen werden? Denn die eigenen Vorlieben und Abneigungen derart zum Nabel der Welt zu machen, dass man bei Tisch lauthals kräht, bäh, das esse ich aber nicht, ist ein Verhalten, das man eigentlich nur Kindern, vielleicht noch aufsässigen Teenagern in einem gewissen Alter zugesteht.

Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: Wenn ich weiß, dass mir das Essen in einem bestimmten Restaurant par tout nicht bekommt, dann gehe ist da halt nicht hin und verschone das Personal mit meinen Sonderwünschen. Das Personal wird es mir danken, Umsatz hin oder her. Ich gehe doch auch nicht in ein Steakhaus, erzähle großartig, ich sei Veganer und erwarte, dass jetzt aber alle gefälligst Rücksicht darauf zu nehmen hätten. Und wenn ich mich von meinen Freunden genötigt sähe, unbedingt dorthin mitzugehen, dann sollte ich mir auf lange Sicht vielleicht andere Freunde suchen.

Warum erscheinen solche Leute überhaupt noch irgendwo zum Essen? Weil sie nicht unhöflich erscheinen wollen? Bollocks! Wenn etwas unhöflich ist, dann doch wohl, sein eigenes Essen in der Tupperdose mitzubringen. Höflich fände ich es dagegen, dem Gastgeber zum Beispiel schon bei der Einladung zu sagen: Versteh mich bitte nicht falsch, aber wir sind ja etwas heikel mit dem Essen. Wir möchten euch damit nicht unnötig zur Last fallen, würden uns aber trotzdem freuen, euch zu sehen. Fändet ihr es sehr schlimm, wenn wir erst nach dem Essen zum Wein vorbei kämen? Den anderen können wir ja erzählen, wir hätten Karten für eine Theaterpremiere gehabt.

Manchmal ist es so einfach und manchmal kann eine Notlüge das Leben schöner machen.



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